Studium : Über Gebühr belastet

Mit Hessen hat erstmals ein Bundesland Studiengebühren wieder abgeschafft. Wie haben sie sich bisher in Deutschland ausgewirkt?

Tilmann Warnecke

Seit Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen vor knapp zwei Jahren als erste Bundesländer Studiengebühren einführten, ist Deutschland für Studierende geteilt. Auf der einen Seite stehen die von der Union dominierten Länder – also auch Bayern, Baden-Württemberg, das Saarland und Hamburg. Pro Semester werden dort meist 500 Euro fällig. Überall, wo die SPD mitbestimmt, kommen Studenten dagegen ohne Gebühren an die Uni: in Berlin, den neuen Bundesländern, Bremen, Schleswig-Holstein und in Rheinland-Pfalz.

Der politische Grundsatz „CDU bedeutet Gebühren, SPD nicht“ bestätigt sich jetzt in Hessen. Die SPD versprach im Wahlkampf, die Gebühren zurückzunehmen, sollte es dafür eine Mehrheit geben. Die Mehrheit von SPD, Grünen und Linken gibt es, das Versprechen wurde eingelöst. Der Attraktivität der hessischen Unis könnte das gut tun. Hessen gehörte im Wintersemester mit dem ebenfalls gebührenpflichtigen Baden-Württemberg und dem Saarland zu den drei Ländern, in denen die Studienanfängerzahlen entgegen dem bundesweitem Trend leicht zurückgingen. Kritiker werteten das als Zeichen, dass Gebühren abschreckend wirken. In den anderen Länder mit Bezahlstudium stiegen die Anfängerzahlen zwar, allerdings deutlich schwächer als in Ländern, wo das Studium gebührenfrei ist.

Gebührenbefürworter entgegnen, dass andere Faktoren dafür verantwortlich sein könnten, zum Beispiel ein Zuwachs an Numerus-Clausus-Fächern. Trotzdem deuten auch andere Indizien darauf hin, dass Abiturienten bei der Entscheidung, ob sie ein Studium beginnen, von der Gebührenpflicht beeinflusst werden. Die Studierquote – der Anteil der Schulabgänger, die ein Studium aufnehmen – ist laut einer Studie des Hochschul-Informationssystems (His) im vergangenen Jahr erneut leicht gesunken. Das ist kein Widerspruch zu den absolut steigenden Erstsemesterzahlen: Inzwischen verlassen nämlich auch mehr Abiturienten die Schulen als früher. Der Pool der potenziellen Studierenden wächst schneller als die Gruppe der Abiturienten, die tatsächlich ein Studium aufnehmen.

26 Prozent der Studierunwilligen geben an, sie könnten sich die Uni wegen der Gebühren nicht leisten. 24 Prozent sagen, ihnen fehlten die finanziellen Voraussetzungen für ein Studium. Laut „His“ lassen sich vor allem junge Frauen abschrecken. Eine Ursache dafür könnte sein, dass die Politik es entgegen allen Versprechen nicht geschafft hat, zusätzliche Stipendien aufzulegen.

Befürchtet wurde, dass Studierende in die Länder fliehen, in denen das Studium gebührenfrei ist. Neue Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen ein gemischtes Bild. Tatsächlich verlor Niedersachsen im Wintersemester 2006/2007 am meisten Studenten an andere Länder. Außer Sachsen verloren allerdings auch alle – gebührenfreien – Ostländer. NRW gewann dagegen trotz Bezahlstudium kräftig hinzu.

Könnte mit dem Aus in Hessen auch anderswo „die Gebührenfront bröckeln“, wie die Grünen jubeln? Zunächst kaum. Die unionsregierten Länder werden sich von Hessen nicht beeindrucken lassen. Spannend wird es, wenn 2009 und 2010 das Saarland und Nordrhein-Westfalen wählen. Sollte die SPD – und im Saarland womöglich die Linkspartei unter Oskar Lafontaine – siegen, stünden die Gebühren auch dort auf der Kippe.

Dass die Gebühren in solchen „SwingStates“ von wechselnden politischen Mehrheiten abhängig sein können, beeinflusst schon jetzt die Finanzplanung der Unis. Holger Burckhart, Prorektor der Uni Köln, sagt, „Auslaufszenarien“ würde die Hochschule immer mitbedenken, wenn sie langfristige Investitionen plane. Die Uni Saarbrücken wolle neue Räume für Arbeitsgruppen von Studierenden bauen, sagt deren Präsident Volker Linneweber. Dafür soll eine Hypothek aufgenommen werden, die 15 Jahre lang mit den Gebühren beliehen werden soll. Nach dem „Schock von Hessen“ gerate man aber ins Grübeln, ob das Vorhaben ein zu großes finanzielles Wagnis sein könnte. Allerdings werde der Plan weiterverfolgt. Beide Unis setzen darauf, dass die Länder bei einem Gebühren-Aus mehr Subventionen überweisen, wie es jetzt in Hessen versprochen wurde. Womöglich könnte aber auch Hamburg ein Vorbild sein. Dort tragen inzwischen die gebührenkritischen Grünen das Bezahlstudium mit. Sie einigten sich mit der CDU darauf, dass die Studierenden erst rückwirkend – nach dem Abschluss – zahlen müssen.

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