Studium und Beruf : Fantastische Schinderei

Nachhilfe in der Hotellobby, Büffeln vor der Frühschicht und erfüllte Jugendträume: Zwei Berufstätige erzählen, wie sie ihr Studium gemeistert haben.

Valerie Schönian
Geschafft! Neben Beruf und Familie noch zu studieren, erfordert Disziplin und ein gutes Zeitmanagement.
Geschafft! Neben Beruf und Familie noch zu studieren, erfordert Disziplin und ein gutes Zeitmanagement.Foto: picture-alliance/dpa

Nur Chuck Norris schafft den Bachelor in Regelstudienzeit. Seit den Protesten gegen die Bolognareform 2009 kursiert der Spruch an deutschen Hochschulen. Er ist auf Beutel und Karten gedruckt, steht auf kleinen Plastikbuttons an Jacken oder hängt übergroß an Pinnwänden vor der Mensa. Neben dem Spruch guckt das amerikanische Schauspiel-Idol samt Cowboyhut jedem Studienabbrecher mitfühlend entgegen. Norris will sagen: Mach Dir nichts draus. Nur ich vermag es, in sechs Semestern 180 Leistungspunkte zu sammeln. Doch Kay Neumann beeindruckt das nicht – er schafft es in fünf.

Neumann studiert an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin Wirtschaftskommunikation. Ab Herbst dieses Jahres beginnt er nach nur fünf Semestern seinen Master im selben Fach. Was den 41-Jährigen besser macht als den Western-Mann: Neben dem Studium hat er auch noch einen Job, eine Frau und zwei Kinder.

Wie funktioniert das? Von Montag bis Freitag verbringt Neumann drei oder vier Tage an der Uni. Ein- bis zweimal pro Woche hält er Vorträge zur Weiterbildung in verschiedenen Unternehmen. Dazu kommt das Lernen. Und das Vorbereiten. Und die Prüfungen. Und Hausarbeiten. Und eben die Kinder. „Manchmal arbeite ich sechs, manchmal sieben Tage pro Woche“, schätzt Neumann.

Während seine Kommilitonen eine halbe Stunde vor Seminarbeginn aus dem Bett kullern und zur Uni hetzen, ist Neumann schon lange wach, um seine sieben- und 13-jährigen Töchter in die Schule zu fahren. Wenn es nach dem letzten Seminar die meisten zum Sport, zu Freunden oder in eine Bar verschlägt, geht Neumann nach Hause, um seine Kinder ins Bett zu bringen. Danach setzt er sich meistens an den Schreibtisch. Wenn er nicht lernen muss, bereitet er seine Vorträge vor. Was für einige die Vorhölle wäre, ist für Neumann die Erfüllung seines Jugendwunsches. „Es ist fantastisch“, sagt er. „Das Studium ist toll für den Kopf und bietet viele Möglichkeiten.“

In der Schule hatte er noch andere Sachen im Kopf: Freunde und Freizeit waren wichtiger als der alltägliche Schulstoff. Nach seinem Hauptschulabschluss begann er eine Kochausbildung – die er nach einem Monat prompt wieder beendete. Zwar absolvierte er dann eine Ausbildung zum LKW-Mechaniker, doch eigentlich wollte er immer studieren. Deshalb holte er schließlich auf der Abendschule seine mittlere Reife nach.

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