Studyworld 2008 : Ins Ausland abgesetzt

Die Messe Studyworld informiert über Studiengänge in 51 Ländern – österreichische Fachhochschulen sind ein Schwerpunkt.

Christian Schnohr

Im Juli 2005 gab es einen Aufschrei unter österreichischen Studienbewerbern: Der Europäische Gerichtshof hatte entschieden, die Beschränkungen für nicht-österreichische Schulabgänger aus der Europäischen Union aufzuheben. Österreichische Hochschulen mussten deutsche Bewerber von nun an behandeln wie Einheimische: kein Numerus Clausus, keine Wartesemester, keine ZVS. In Österreich war der Zugang zum Studium für alle offen. Die Folge: Das Alpenland wurde zum Paradies für Studienbewerber, deren Wunschfächer in Deutschland schwer zu bekommen sind. An manchen Universitäten oder Fachhochschulen stieg die Zahl der deutschen Erstsemester von 20 auf 600.

"Ansturm der Piefkes"

Um den „Ansturm der Piefkes“ zu vermeiden, hatte das Nachbarland nach der Entscheidung des Gerichtshofs kurzerhand Eignungstests für Bewerber eingeführt. So sollten zumindest die unmotivierten und ungeeigneten NC-Flüchtlinge außen vor bleiben. Die Eignungstest sind je nach Fach unterschiedlich: Meist bestehen sie aus einer schriftlichen Prüfung und einem Aufnahmegespräch. In künstlerisch-kreativen Bereichen wird oftmals eine Werkmappe verlangt.

Doch der anfängliche Zorn ist überwunden: Plötzlich wirbt man in Österreich sogar um deutsche Studenten. „Gerade im Hinblick auf die Entwicklung von Master-Studiengängen ist eine internationale Bewerbung von Studierenden notwendig geworden“, sagt Sabine Grossauer, Marketingleiterin der Fachhochschule Salzburg. „Wir wollen die besten Studierenden bekommen, um Absolventen hervorzubringen, die von Unternehmen und Organisation bewusst gesucht werden.“

Auslandsstudium steht hoch im Kurs

Auf der Studyworld in Berlin ist das Studium in Österreich sogar das diesjährige Sonderthema. An den 71 Vorträgen über Bachelor- und Masterstudiengänge in insgesamt 51 Ländern beteiligen sich auch Vertreter Österreichischer Hochschulen. Ein Studium im Ausland steht unter Abiturienten und Studenten hoch in Kurs. Von den im Sommersemester 2006 Immatrikulierten konnten 15,8 Prozent einen studienbezogenen Aufenthalt im Ausland für ein Praktikum oder auch einen Sprachkurs vorweisen. Auf der Studyworld berät der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) über Praktika und Studiengänge im Ausland. Auch die Jobsuche nach dem Abschluss ist ein Thema.

Anna Mooser hat ihren Umzug ins Ausland nicht bereut: Die 19-Jährige aus dem Ort Petting in Oberbayern studiert Betriebswirtschaft an der Fachhochschule im österreichischen Salzburg. Insgesamt sind hier 1900 Studenten eingeschrieben, davon stammen 268 aus Deutschland. „Mein Freundeskreis ist bunt gemischt“, sagt sie. In ihrer neuen Heimat seien die Menschen offener. Ihr Kommilitone Rainer Hotter aus München sieht das ähnlich: „Klar wird man als Piefke manchmal gepiesackt, aber das kein ernstes Thema“, sagt er. Außerdem bieten österreichische Fachhochschulen noch weitere Vorteile: „Der NC spielt zwar eine Rolle. Aber unsere Fachhochschulen haben modernste Infrastruktur, Praxisnähe durch eine gute Verzahnung mit der Wirtschaft sowie kleine Lerngruppen mit persönlicher Betreuung“, sagt Sabine Grossauer aus Salzburg. „Darüber hinaus liegen die Studiengebühren unter denen in Deutschland.“ Für ein Semester zahlen Studenten knapp 380 Euro.

Enorme Auswahl an Studiengängen

Für Anna Mooser und Rainer Hotter fiel die Wahl auf Salzburg auch wegen der guten Ausstattung: „Ich war beim Tag der offenen Tür und habe mir auch Fachhochschulen in Deutschland angesehen“, sagt er. Während in München Menschenmassen studierten, sei in Salzburg das Campusleben familiärer: „Kleinere Klassen, viel Gruppenarbeit, intensiver Unterricht.“ Anna Mooser sieht das ähnlich: „Das Gebäude und die Ausstattung sind wirklich gut, hier gibt es viele internationale Professoren, in den meisten Kursen wird Englisch gesprochen.“

Auch die Auswahl an Studiengängen ist enorm: Im kommenden Studienjahr gibt es in Österreich 263 Studiengänge. Manche Abschlüsse wie der „Bachelor of Multimedia-Art“ an der FH Salzburg sind eher experimentell: Kunst, Computeranimation sowie Video- und Audiokenntnisse sollen miteinander verknüpft werden. Doch mit ungewöhnlichen Kombinationen kennen sich die Österreicher aus: An der Universität Graz können sich Studenten völlig neue Studiengänge gestalten. Molekularbiologie und Betriebswirtschaft in einem Diplom – der Kombinations-Wut sind keine Grenzen gesetzt. Die gewählte Kombination müssen die Studenten lediglich beim Rektorat genehmigen lassen.

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