Zeitung Heute : Stümperhaft gestutzt

Der Tagesspiegel

Berlins Straßenbäume leiden. Jeder zweite Baum in der Innenstadt ist geschädigt, behauptet die Baukammer Berlin. Und schuld daran sei nicht etwa das Klima, sondern seien gröbste Fehler bei Anpflanzung und Pflege, sagt der Geschäftsführer der Baukammer, Peter Traichel. Da würden minderwertige Setzlinge in zweitklassigen Baumschulen oder im Ausland billig gekauft und „stümperhaft in den Boden geknallt“. Solche Pflänzchen sterben schnell wieder ab. Die Folge solcher Nachlässigkeit: Berlins Image als „grüne Hauptstadt“ mit allein 450 000 Straßenbäumen ist gefährdet.

Weil die Bezirke sparen müssen, beauftragen sie immer öfter externe Unternehmen mit der Pflege der Bäume. Der billigste Anbieter macht dann das Rennen. Dieser Kostendruck führe dazu, dass statt qualifizierter Gärtner angelernte Hilfskräfte die Säge schwingen, sagt Traichel. Und auch die spätere Pflege der Bäume werde von Hilfskräften durchgeführt, die häufig nicht pflegen, sondern schädigen. „Die schneiden die Bäume brutal zurück und fügen ihnen Wunden zu, die die Pflanzen nicht verkraften können.“

Auch im Pflanzenschutzamt beklagt man den „Verlust an grünem Sachverstand“. „Es gibt doch fast keine Fachleute mehr, die wissen, welchen Boden man für Bäume braucht und wie man sie richtig pflegt“, sagt dessen Leiter Hartmut Balder.

In einem Modellprojekt begleitet das Amt die Anpflanzung von 750 Alleebäumen am Reichstag. Die Experten bereiten zunächst den Boden so vor, dass er den Bedürfnissen der Arten optimal entspricht. Die Setzlinge werden nach hohen Qualitätsstandards ausgewählt und der Transport der Pflanzen genau überwacht. Das alles hat seinen Preis: 1,2 Millionen Euro stehen dafür zur Verfügung, macht 1600 Euro pro Baum. Wenn die Grünflächenämter pflanzen, dann geben sie im Schnitt zwischen 500 und 750 Euro dafür aus, und das, obwohl gerade Straßenbäume besonders intensive Pflege brauchen – wegen des hohen Stressfaktors ihres Standortes. Wegen Abgasen, hochverdichteter Böden und ständiger Rückschnitte.

Das Baum-Problem ist den Bezirksämtern bekannt. „Bei den Grünflächenämtern wird immer zuerst gespart“, sagt Pankows Umweltstadtrat, Matthias Köhne. Die wenigen Mitarbeiter kämen bei der Pflege der Grünanlagen und der 39 000 Straßenbäume des Bezirkes kaum noch hinterher. Insgesamt müssten im Bezirk schon jetzt rund tausend Straßenbäume nachgepflanzt werden, sagt Köhne. Doch dafür fehlt natürlich das Geld.

Ein auffälliges Beispiel für brutales Zurechtstutzen einer Allee findet sich an der Malchower Dorfstraße in Weißensee, einer Hauptausfallstraße Berlins Richtung Nordost. An rund 30 Bäumen sägten die Pfleger riesige Äste ab und hinterließen große Schnittwunden. „Nicht fachgerecht“, stöhnt der Umweltstadtrat. Ingo Bach

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