Zeitung Heute : Stützräder

32 Euro kostet das Sozialticket der Berliner Verkehrsbetriebe. Viele können sich das nicht mehr leisten. Für sie hat die Diakonie jetzt einen Ausweg ersonnen

Nadja Klinger

In Berlin ist was los. Da rammt am Montagmittag in Kreuzberg jemand Metallhaken in eine Backsteinmauer, verknotet eine Leine, dann zieht er ein Fahrrad hoch, bis es über dem Portal der Heilig-Kreuz-Kirche baumelt. Ein anderer kippt Holzkohle über ein Grillfeuer, dass es kräftig Rauchzeichen sendet. Ein Dritter läuft aufgeregt vorm Kircheneingang herum. Das ist Mathias Kayser von der Diakonie. Er trägt Krawatte und Jackett, darüber einen Rucksack. Er arbeitet. Zugleich ist dies ein feierlicher Montagmittag. Gleich werden von allen Seiten Leute herbeigelaufen kommen.

Berlin ist flächenmäßig zu Fuß kaum zu bewältigen. So behaupten zum Beispiel die Verkehrsbetriebe, dass öffentliche Busse und Bahnen so teuer gar nicht seien, wenn man bedenke, dass die Linien in Berlin meist viel länger sind als anderswo in Europa. Einst hat die BVG für 20,50 Euro auch Sozialhilfeempfänger in ihre Fahrzeuge steigen lassen. Jetzt bietet sie ein Sozialticket für 32 Euro an. Etwa jeder zehnte bedürftige Berliner kann sich das leisten. Für alle anderen ist die Stadt kleiner. Denen bietet sie genau die Möglichkeiten, die sie sich erlaufen können. Das gesellschaftliche Leben spielt sich größtenteils ohne diese Menschen ab. Orientiert man sich an Arbeitslosenzahlen, werden die, die fehlen, immer mehr. Berlin hängt sie ab.

Im letzten Herbst hat Pfarrer Peter Storck die Betroffenen dazu aufgerufen, schwarz S-Bahn zu fahren. Dafür hat er eine Strafanzeige bekommen, denn niemand darf Leute zu etwas aufrufen, was strafbar ist. Storck und seine Protestfahrer haben gezeigt, dass manche Menschen in Berlin genau einen Ausweg haben: den, der möglicherweise direkt in die Schuldenfalle führt. Der Pfarrer hat Geld gesammelt und für Schwarzfahrer, die erwischt wurden, die Summe bezahlt, die sich Bußgeld nennt. Seine Aktion war ein teures Vergnügen.

Anfang März hat die Diakonie dazu aufgerufen, den Berlinern, die sich kein Sozialticket leisten können, Fahrräder zu spenden. 700 Räder sind in vier Wochen bei der Kirche angekommen. In mehreren Werkstätten sind die ersten 60 mit Spendengeldern fahrtüchtig gemacht worden, und an diesem Montagmittag werden sie nun verteilt. Wer sie geschenkt bekommt, ist pünktlich zur Mittagsstunde da und hat einen Bezugsschein in der Hand. „Es sind Leute, bei denen nichts im Kühlschrank ist. Es sind Eheleute, die eine Scheidung als Moment der Hoffnung in Erwägung ziehen, weil die Arbeitsagenturen Alleinlebenden mehr Geld zukommen lassen. Es sind Leute, die morgen schon obdachlos werden können“, sagt Mathias Kayser, der die Aktion „Rad statt ratlos“ koordiniert. „Wer von akuter Not bedroht ist, steht extrem unter Stress. Er müsste sich Hilfe holen, rechtzeitig und an der richtigen Stelle, aber das kann er in seiner Situation nicht, er agiert nicht mehr einfach oder gar kühn. Er wird das, was andere Menschen unklug nennen.“

Zu alledem handelt es sich bei den Fahrradanwärtern um Leute, die irgendwie in dieser Stadt verschwinden. Es gibt keinen Ort und keine Bedingungen, an dem und unter denen man sie nicht findet. Sie sind überall – und damit nirgends. Arbeitslosengeld-II-Empfänger erhalten einen monatlichen Mobilitätszuschuss von zwölf Euro. Sobald sie den haben, gelten sie nicht mehr als bedürftig. Für die kirchlichen Beratungsstellen hingegen sind die meisten der formal nicht Bedürftigen dringende Anwärter auf ein Fahrrad. Deshalb geben die Kirchen Bezugsscheine nach eigenem Ermessen aus.

Auf den Scheinen steht eine Nummer und vor der Heilig-Kreuz-Kirche stehen Fahrräder. Ein jedes funkelt verführerisch in der Sonne. Zwei Polizisten schicken sich an, den beschenkten Fahrradfahrern Verkehrssicherheit ans Herz zu legen, die aber sind mit ihren Rädern beschäftigt wie mit jungen Hunden, denen man erst mal beibringen muss, nicht gleich wegzulaufen. Auch schaut man genau hin, welche Gestelle die anderen so bekommen. Ist ein Rad schön lila und hat sogar noch ein paar silberne Buchstaben, preist man es als einen tollen Schlitten und wünscht dem neuen Besitzer gute Reise. Eine junge Frau bekommt das einzige Mountainbike unter den Hoffnungsrädern. Die älteren Damen, die drum herum stehen, sind froh, dass das quietschgelbe Teil mit dem bananenförmigen Sattel nicht ihnen zugefallen ist.

Es herrscht ein rauer Duz-Ton auf dem Platz vor der Kirche. Man schlägt sich gegenseitig auf die Schulter. Männer aus den Fahrradwerkstätten, selbst Arbeit suchende Ein-Euro-Jobber, ebenfalls Fahrradbedürftige, preisen die Details an den Rädern: eine Lampe, einen besonders schönen Tachometer. Mancher kommt gleich wieder zurück, weil er die Gangschaltung nicht kapiert. Als alle Räder verteilt sind, bekommen die Leute aus den Werkstätten Grillwürstchen umsonst.

„Trotz der feierlichen Stimmung und der Tatsache, dass Menschen nicht nur geholfen, sondern auch das Gefühl gegeben wird, nicht allein zu sein, würde ich mir wünschen, diese Solidarität unter Ärmsten, wie wir sie hier erleben, wäre nicht nötig“, sagt Mathias Kayser. Pfarrer Peter Storck weiß gar nicht, aus welchem Anlass er sich groß äußern soll. Gibt es einen? Seit Jahren arbeitet er mit Menschen in sozialer Not. Gibt Essen aus, hat eine Wärmestube, Beschäftigung. Ein Mann, der jahrelang obdachlos war, spielt soeben in der Kirche Klavier. „Ich gebe ihm das Instrument, er gibt uns die Musik“, sagt der Pfarrer. Solidarität ist Wirklichkeit, kein Event. Für den Pfarrer. „Man muss nur die Momente schaffen, an denen Leute sich engagieren können, dann tun die das gern“, sagt er. „Sie werden nur gestört oder geschwächt durch den Geist, der in einer Stadt herrscht. Wenn es beispielsweise heißt, wir seien eine egoistische, geizige Gesellschaft. Das hilft denen nicht, die anderen helfen.“

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