Zeitung Heute : Stuhl Ein für alle Fälle

Der Tischler Michael Thonet bog vor 150 Jahren Holz zu einem Stuhl und erfand einen Klassiker. Ein Fotowettbewerb feiert dieses Jubiläum

Nora Sobich

Inzwischen werden die runden Geburtstage von Designklassikern noch ausgiebiger gefeiert als nationale Feiertage. Alles ist genehm, um die Aktualität eines bewährten Designs dem Publikum wieder in Erinnerung zu rufen: Mal kommen neue Farben auf den Markt, mal wird das Material geändert, an den Maßen gearbeitet oder kriegt ein Ameisenstuhl von Arne Jacobsen Kufen unter die Beine geschnallt. Sich eines Klassikers verändernd anzunehmen ist für viele Designer inzwischen gängiges Repertoire.

Im Falle des wunderbaren Kaffeehausstuhls von Thonet, der Ikone des modernen Industriedesigns schlechthin, ziehen sich die Feierlichkeiten inzwischen schon ins zweite Jahr. 1859 erfand ihn der deutsche Tischler Michael Thonet, der später nach Österreich auswanderte, indem er Holz zum formbaren Bugholz erweichte. Nachdem in den letzten Monaten diverse Designer von Rang und Namen wie Konstantin Grcic und Martino Gamper für „Muji“ und den „Conran Shop“ ihrer Inspiration freien Lauf gelassen hatten und vorführten, wie sich so ein klares Design, das im Grunde nicht zu verbessern ist, doch noch mit neuen Ideen und Gestaltungsansätzen einem veränderten Zeitgeschmack anpassen und preiswert produzieren lässt, durften nun alle mal ran an die Legende.

Einen internationalen Amateur-Fotowettbewerb hatte das Fränkische Unternehmen Thonet ausgerufen, dessen Gewinner jetzt gekürt wurden. Jeder konnte zeigen, was ihm zum „Consumstuhl Nr. 14“ (heute Nr. 214) alles einfällt und vor allem, was sich mit diesem Klassiker, der in seiner Geschichte wohl so oft wie kaum ein anderer Stuhl imitiert worden ist, sonst noch so alles machen lässt. Denn solch eine Ikone ist selbstverständlich mehr als bloß ein Stuhl, auf dem es sich relativ unaufwendig und bequem sitzen lässt. Es ist Liebhaberobjekt des Alltags, das seine eigene Ästhetik und Aura entwickelt hat und als Kulturgegenstand längst für sich selbst steht, auch ohne Nutzen und Funktion Berechtigung hat.

Zum Kunstwerk macht ihn, wie der Wettbewerb anzuregen versuchte, sein Kontext und die individuelle Aneignung – als schwimmende Boje, schlitternder Schlittschuhersatz, sinnlicher Sommerschatten oder Konkurrent weiblicher Grazie: die „never ending story“ einer bis heute unerreicht erfolgreichen Serienproduktion. Schöner kann ein Geburtstag wirklich nicht sein.Nora Sobich

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