Zeitung Heute : Sturmflut der Geschichte

Der Tagesspiegel

Von Kerstin Decker, Helgoland

Am Kai warten die Helgoländer. Es ist das erste Schiff seit mehreren Tagen. Dabei sagt die Reederei, sie fahre bei jedem Wetter. Aber waren die jüngsten meteorologischen Weltuntergangsvorbereitungen etwa Wetter?

Manche sind mit Schubkarren gekommen, denn die James-Krüss-Oberschule kriegt Mini-Gerbera aus Holland. „Vorsicht-Glas!“-Kartons werden an Land gesetzt, und eine blonde Hamburgerin packt ihren großen Korb, Koffer und Videorekorder mit nachschleifendem Kabel. „Ich ziehe um!“, sagt sie. Mit schwimmendem Blick laufen wir vorbei an Schiffsausstattern, die versprechen, jeden augenblicklich fit zu machen für eine Weltumsegelung. Einer hat 150 Sorten Whiskey. Insgesamt soll man auf Helgoland 600 verschiedene Whiskeys bekommen. Und alle zollfrei. Vielleicht wurde sie darum auch die Trinkerinsel genannt. Aber wie soll man 600 Sorten Whiskey trinken?

Dann kommen die Hummerbuden. Kleine bunte Bretterhäuschen drängen sich am Fuß des Felsens auf dem Unterland, wo die Untergroßmütter wohnen, wohingegen auf dem Oberland die Obergroßmütter wohnen. Jedenfalls steht das so bei James Krüss, und der muss das wissen, denn er war selbst Helgoländer. Krüss wusste auch, dass auf den Böden der Hummerbuden alte Helgoländer Urgroßväter mit kleinen Helgoländer Jungs immer Geschichten dichten. Denn was passiert sonst schon auf einer Insel? Mal kommt ein Schiff, mal kommt keins. Und jeden Abend streicht der Leuchtturm mit seinem langen gelben Finger übers Wasser.

Was sonst schon passiert auf einer Insel? Mehr als Helgoland kann einer Insel gar nicht passieren. Nicht, weil der große Seeräuber Claus Störtebeker hier seine letzte Schlacht verloren haben soll, weshalb man ihn in Hamburg köpfte.

Insel der Dichter und Rechner

Auch, dass Historiker immer wieder herausfinden, dass ein Atlantis-Überrest noch aus dem Wasser ragt: Helgoland!, konnte die Helgoländer nie ernsthaft beunruhigen. Aber zweimal schon mussten sie ihre Insel verlassen, das erste Mal für den ersten Weltkrieg, das zweite Mal nach dem 18. April 1945. Mit 1000 Flugzeugen bombardierten die Engländer die Insel. Und zwei Jahre später, genau am selben Tag, als überall längst Frieden war, zündeten sie hier die größte nichtnukleare Explosion, die die Welt je gesehen hatte. Nur die Seevögel waren gewarnt – durch Böllerschüsse. Sollte der alte Felsen untergehen? 4000 Tonnen reiner Sprengstoff. Die britische Wochenschau erklärte den „Big Bang“ zur angemessenen Art, Hitlers Geburtstag vom 20. April zu feiern.

Als der Rauch weg war, stand der Felsen immer noch. Mit eingebrochener Südspitze. Aber die Helgoländer, geflüchtet in über 150 Festlandsorte, wollten auch jetzt nur eins – zurück auf die Insel.

Wir steigen von den orange-grün-blauen Hummerbuden die Treppe hinauf auf den Felsen. Ein Berliner Bär zeigt mit beiden Tatzen quer übers Meer: Berlin 456 Kilometer. Neben dem Bär wächst ein Grünkohl. Die Insel- Schafe kommen näher. Niemand hat sie angebunden. Sonst ist keiner da. Es werden immer mehr Schafe und Grünkohle, nein Klippenkohl, in den Senken und oben auf den Hügeln. Aber es gab niemals Hügel hier. Dieser Felsen war einmal vollkommen glatt. Die Senken sind Bombentrichter. Die Insulaner haben die Wege um die Trichter schön gepflastert, gewissenhaft eingezäunt, damit die Schafe nicht von den Klippen fallen, und alle 70 Schritte leuchtet ein grüner Papierkorb neben einer braunen Bank mit benachbarter Geschichtserklärungs-Pyramide. Helgoland. Legoland. Aber vielleicht braucht solche Ordnung, wer mit dieser Vergangenheit ganz allein mitten in der Nordsee wohnt.

Auf dem größten Hügel steht „Höchster Punkt des Landkreises Pinneberg“. Vom Landkreis Pinneberg ist weit und breit nichts zu sehen. Links kommt ein Schnellgeher in blauer Trainingsjacke, von rechts ein Jogger in Signalfarben. Bestimmt gehören sie zu denen, die auf die Frage: Warum fahren Sie jetzt nach Helgoland? nur ein Wort antworten: Jod! Wo kriegen Sie sonst soviel Jod? Vom höchsten Punkt des Landkreises Pinneberg aus, 63,1 Meter, lässt sich genau berechnen, wann der Schnellgeher und der Jogger sich begegnen müssen. Ungefähr am Papierkorb, rechts bei der Langen Anna, Helgolands berühmtestem Felsen. Hier dichtete Hoffmann von Fallersleben einst das Deutschlandlied, die Nationalhymne. Da gehörte Helgoland noch den Briten.

Wahrscheinlich wollte das Max-Planck-Institut die Insel nicht kampflos den Dichtern überlassen und setzte darum im Juni 2000 einen großen Stein: „Hier auf Helgoland gelang dem 26-jährigen Werner Heisenberg der Durchbruch in der Formulierung der Quantenmechanik.“ Die Insel der Dichter und Rechner! Die Philosophen treffen sich inzwischen im Café Krebs. „In einer so durchtechnisierten Welt braucht der Mensch einfach übernatürliche Kräfte“, erklärt ein Anti-Heisenbergianer. Wahrscheinlich ist er schon mehrere Wochen auf der Insel. Metaphysischer Quatsch!, erwidert kurz sein Gegenüber. „Darf ich als Philosoph auch etwas dazu sagen ...?“, beginnt der Dritte am Tisch. Viermal versucht er es. Dann verstummt er.

Abends zeigt der Konditormeister Benno Krebs Helgoland-Videos. Die Philosophensind schon nach Hause gegangen. Der Konditormeister ist nicht nur Inhaber des Geheimrezepts für Helgoländer Waffeln sondern auch Verfasser der Bücher „Helgoland Band I bis III“. Er hat einen Zug aus Bitterkeit und leiser Verachtung um den Mund, wie es unbemerkten Genies manchmal eigen ist. Es gibt viele Dinge, die Benno Krebs ärgern. Zum Beispiel, dass manche die vor Helgoland gefundenen „Mammut“-Stoßzähne als Atlantis-Indiz nehmen, dabei kann er, Benno Krebs, ganz genau sagen, wann der Afrika-Fahrer vor Helgoland unterging, der hier seine Stoß zähne verloren hat. Und dass Deutsche, die eigenen Landsleute, nach 1945 die Insel plünderten, das ärgert ihn auch. Oder das Buch des Helgoländer „Ehrenbadegastes“ René Leudesdorff. Es heißt „Wir befreiten Helgoland!“ Leudesdorff war jener Theologiestudent aus Heidelberg, der mit einem Freund am 20.Dezember 1950 Helgoland besetzte. Sie hissten drei Fahnen – die Helgoländer, die bundesdeutsche und die Europafahne –, setzten sich mit einer Flasche Sekt und zwei Decken in den kaputten Flakturm und froren fürchterlich. Inselbesetzer, eine Vorform der Hausbesetzer. Allerdings trugen Polizisten den Besatzern die Koffer, als sie Leudesdorff und seinen Freund von der Insel schaffen mussten. Das Insel-Besetzen kam in Mode. Viele machten das jetzt. Und dann kam sogar noch die FDJ und hisste eine Fahne mit Picassos Friedenstaube. Den FDJlern trug man aber nicht die Koffer, die wurden verhaftet und kriegten einen Prozess. Leudesdorff bekam später das Bundesverdienstkreuz. Das war die Gerechtigkeit des Kalten Krieges. „Soll etwa auch noch die FDJ die Insel befreit haben? Kommunisten auf Helgoland!“, ruft der Konditormeister, noch immer zitternd vor Empörung, und serviert gebratene Scholle.

Nein, es ist unmöglich, diesem antikommunistischen Bäcker jetzt vom Theaterstück „Kampf um Helgoland“ zu erzählen. Hilmar Thate spielte 1952 in Ostberlin den linken Ober-Inselbesetzer aus Hamburg. Das Helgoland-Lied kann er immer noch. Dabei sollte Helgoland gar nicht an die DDR zurückgegeben werden. Schon klar, bestätigte Thate, aber es sei doch um die Neutralität Deutschlands gegangen. Adenauer kümmerte sich kaum um Helgoland, weil er die Engländer nicht ärgern und die neue Westbindung der Bundesrepublik nicht gefährden wollte. Also bombardierten die Engländer es immer weiter, übungshalber. Das ist es eben, sagt Krebs, allen ging es um etwas anderes, nur den Helgoländern ging es immer um Helgoland. Wir haben Helgoland befreit!

Die Menschen grüßen sich mit Zahlen

Vor der Tür wartet Anna, das Orkantief. Es ist wieder zurückgekommen, und will noch zwei Nächte und zwei Tage bleiben. Die Menschen begrüßen sich wieder mit Zahlen. Zehn!, sagen sie und machen eine bedeutungsvolle Pause, oder gar: Zwölf! Das sind die Windstärken. Zwischendurch scheint manchmal die Sonne. Jetzt verstehen wir auch, warum die Helgoländer sagen, sie wohnten in Wirklichkeit auf einer Südseeinsel. Nicht nur, weil bei ihnen dieser uralte Maulbeerbaum wächst, der als einziger alle Bombardements überstand. Sie haben, sagen sie, eben auch die meisten Sonnenstunden in Deutschland, nur noch übertroffen von Freiburg und der Insel Mainau. Bestimmt zählen sie die Orkan-Sonne einfach mit.

Wir wehen vor die Helgoländer Kleingartenkolonie, riskant an die Klippen gesetzt. „Original Helgoländer Honig“ verspricht ein Schild, und noch bevor wir darüber nachdenken können, wie die Bienen über die Nordsee kommen, stehen wir vor den Pforten des „Freistaates Bayern“. Der nä chste Klippen-Garten besteht nur aus einem kleinen Teich, umstanden von wachsamen Teichzwergen, umzäunt mit schweren Eisenketten. Wir begreifen sofort: Hier verteidigt jemand mit allen Mitteln sein Gewässer.

Andererseits, wie soll man einen Ort Heimat nennen, der nicht an vier Seiten von Wasser umgeben ist? Henry Peter Rickmers, der alte Bürgermeister von Helgoland, fragte sich das immer wieder. Darum hat er nach 1945 das Helgoland-Komitee gegründet und führte seine Leute schließlich aus dem Exil. Vor genau 50 Jahren wurde die Insel an Deutschland zurückgegeben. Die ersten Rückkehrer räumten Minen und Trümmer weg. Und wissen Sie auch, wohin?, fragt Rickmers, dahin! Der Bürgermeister a. D. zeigt auf den Boden. Das alte Helgoland liegt unter seinen Füßen. Das Unterland ist jetzt zwei Meter höher als früher. Auf diese Anti-Sturmflut-Idee ist der einstige Minensuchbootfahrer und spätere Jurist besonders stolz. Und wie er damals Hans Scharoun aus dem Architektenwettbewerb für ein neues Helgoland kegelte! Weil es eben doch etwas anderes sei, in Berlin Philharmonien zu bauen als Häuser für Hochseeinseln. Und das mit den Helgoländer Parteien war auch gut, sagt Rickmers. Helgoländer Parteien hießen nämlich etwa „Wählerbündnis Helgoland“, „Helgoländer Wählerliste“ oder „Freie Wähler für Helgoland“. So genau weiß Rickmers das auch nicht mehr. Jedenfalls konnte der Landkreis Pinneberg irgendwann nicht mehr unterscheiden, wer wer ist. Ihr müsst richtige Parteien haben, beschloß das Festland. Aber Rickmers protestierte nicht. Sonst hätten die ihnen vielleicht noch einen Festlandsbürgermeister geschickt. Pass auf, sagte er zu seinem Freund, ich gehe in die CDU und du gehst in die SPD. Dann ist alles in Ordnung.

Es ist einfach viel schwerer, sich auf Inseln ordnungsgemäß zu unterscheiden. Das merken schon die Kinder. Dass der eine Insel-Punk mit den zwei ortsansässigen Skins spricht, fand die Karlsruher Nichte der Inselfotografin Lilo Tadday phänomenal. Wir haben ja noch nicht mal eine richtige Demo zustandegekriegt, gibt die Fotografin zu. Natürlich, als der riesige Telekom-Turm gebaut wurde, hat man sich schon ein bisschen gewehrt: Kein Elektrosmog auf Helgoland! – Umsonst. Und nun soll bald das Freibad schließen, wo die Fotografin jeden Tag schwimmen geht, bei Schnee und Orkan, immer draußen. Zu teuer. Aber eine Demo gab es. Die Free.....Willy-Demo. Das war, als der Bulle Willy geschlachtet werden sollte. Da zogen die Schule und der Kindergarten zusammen vors Rathaus. Und siegten.

Wir halten mehr zusammen, findet auch der Mann von den Stadt-, nein, den Inselwerken und führt uns die „Paniktreppe“ hinunter durch den einstigen Zivilbunker. Hier überstanden die Helgoländer den Zweiten Weltkrieg. Im Felsen erfahren wir, dass einmal in der Woche das Müllschiff kommt, Post und Milch mit der „Seute Deern“ fahren und nur die Zeitungen eingeflogen werden.

Man ist gleicher auf so einer Insel, hören wir immer wieder, und dann ist alles klar: Helgoland muss eine Art DDR sein. Nicht nur, dass man hier so schwer weg kann. Viel schlimmer. In der DDR hatten fast alle dasselbe Auto, hier hat keiner eins. Und die Häuser sehen doch ein wenig kollektivistisch aus. Alle Helgoländer haben gleich wenig Platz. Bleibt die Mode. Soll ich denn mit Pumps über die Klippen laufen?, fragt die Inselfotografin mit einem Rest metaphysischer Enttäuschung in der Stimme.

Am nächsten Morgen fehlen auf Helgoland ein paar Dächer. Beinahe wären die Kleingärten mitsamt des „Freistaats Bayern“ von den Klippen gefallen. Die Inselchöre proben für den Bundespräsidenten.

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