Zeitung Heute : Sturz aus allen Wolken

Sie waren auf dem Weg nach Katyn, Präsident Lech Kaczynski, seine Frau sowie zahlreiche Spitzen des polnischen Staates. Doch dann zerschellte ihr Flugzeug beim Landeanflug in Smolensk. „So ein Drama hat die heutige Welt noch nicht erlebt“, sagt Premierminister Donald Tusk

Moskau[Warschau] Sebastian Bickerich
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Zerschellt. Die rauchenden Trümmer der polnischen Präsidentenmaschine in einem Waldstück bei Smolensk. Und Trauernde vor dem...AFP

Der vordere Teil des Flugzeugs hat sich mit der Nase fast senkrecht in den Waldboden gebohrt. Genau dort, wo einst die Tragflächen waren, ist der Rumpf auseinander gerissen. Der hintere Teil, mit den polnischen Landesfarben rot-weiß bemalt, liegt ein paar Meter weiter und raucht noch Stunden später. Trümmer, darunter auch ein Leitwerk und das bereits zur Landung abgesenkte Fahrwerk, liegen über mehrere hundert Meter über den Waldboden verstreut, durch den Aufprall verdreht, zerschmettert, nicht wieder zu erkennen.

Bilder des Grauens, die Russlands staatlicher Nachrichtenkanal Westi-24 immer wieder sendet. Sogar die Rettungsmannschaften des Ministeriums für Katastrophenschutz – hart gesottene Paramilitärs und daran gewöhnt, dem Tod bei Flutkatastrophen, Feuersbrünsten oder Terroranschlägen ins Auge zu sehen – reagieren geschockt. Befehle werden fast im Flüsterton erteilt, als sie Zeltplanen über Leichenteile breiten. Für die Polen wird da zur traurigen Gewissheit, dass sie ihren Staatspräsidenten Lech Kaczynski sowie zahlreiche hochrangige Vertreter des Landes verloren haben.

Niemand hat den Flugzeugabsturz überlebt. Die Delegation des 60-jährigen Präsidenten war auf dem Weg nach Katyn, wo sie wenige Tage nach der Gedenkfeier mit Polens Ministerpräsident Donald Tusk und Russlands Premier Wladimir Putin noch einmal an die Ermordung der 4000 polnischen Offiziere durch den NKWD erinnern wollte. Laut Passagierliste wurde Kaczynski von seiner Ehefrau Maria sowie 85 Personen an Bord begleitet, dazu die Besatzung. Am Abend gingen die Behörden offiziell von 97 Opfern aus. Darunter die wichtigsten Mitarbeiter von Kaczynskis Präsidialkanzlei, einflussreiche Parteikader der national-konservativen heutigen Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) seines Zwillingsbruders Jaroslaw Kaczynski, sowie fast die gesamte militärische Führung, Vize- Außenminister Andrzej Kremer und die stellvertretenden Parlamentspräsidenten Jerzy Szmajdzinsk und Krzysztof Putra. Auch der letzte polnische Exilpräsident Ryszard Kaczorowski, Nationalbankpräsident Slawomir Skrzypek und der Chef des PiS-nahen Instituts des Nationalen Gedenkens, des polnischen Äquivalents der Birthlerbehörde, zählen zu den Opfern.

„So ein Drama hat die heutige Welt noch nicht erlebt“, sagte Tusk. Der liberale Regierungschef, ein erbitterter politischer Gegenspieler der Kaczynskis, soll bei der Todesnachricht in Tränen ausgebrochen sein. Seinen Landsleuten sicherte er Kontinuität in dem nun kopflosen Staat und seiner Regierung zu.

Wieder fühlen sich die Polen ihrer Elite beraubt. Ein Gefühl, das mit dem Wort Katyn untrennbar verbunden ist, jenem Waldstück, das unweit der jetzigen Unglücksstelle 1940 zum Grab des von Stalin deportierten polnischen Offizierskorps wurde. Nun muss das Land mit der niederschmetternden Symbolik klarkommen, dass unter den Toten vor allem Angehörige von Opfern des Massakers von Katyn sind.

Hunderte Polen finden sich schon Stunden nach der Katastrophe in Warschau vor dem Präsidentenpalast ein, um Blumen, Kerzen, Grußbotschaften niederzulegen. Oder einfach nur dazustehen und zu schweigen. Im Schock ist Polen vereint. Auch Kaczynskis politische Gegner reihen sich ein, um einem Mann zu kondolieren, der zu den umstrittensten Politikern in Europa zählte wegen seiner unverhohlen nationalistischen Töne. Nach innen führte er einen Kulturkampf. Nach außen einen Kampf um die endgültige Anerkennung Polens.

Ein klassischer Politiker war Lech Kaczynski nicht.

War er überhaupt einer? Lech und sein wenige Minuten älterer Bruder traten in ihrer politischen Karriere stets gemeinsam auf. „Jacek und Placek“. An diese beiden Kinderbuch-Helden denkt fast jeder in Polen zuerst, wenn er auf die kaum unterscheidbaren Kaczynski-Zwillinge angesprochen wird. 1962 spielten sie, zwölfjährig, als Kinderstars die Hauptfiguren in dem polnischen Lausbubenklassiker „Von zweien, die den Mond stahlen“. Da geht es um zwei Bengel, die keine Lust haben auf Schule und Arbeit und dann, als sie erfahren, dass der Mond aus reinem Silber sei, kurzerhand beschließen, den Mond zu klauen. Wieder und wieder verzweifelt die alleinerziehende Mutter an ihren Streichen – und flucht eines Tages, niemals werde etwas Gutes aus ihnen werden.

Dass dieses Orakel nicht recht behalten sollte, hat viel mit Jadwiga Kaczynska zu tun, der echten Mutter von Lech und Jaroslaw. Sie hatte als Sanitäterin der polnischen Untergrundarmee mit ihrem Mann beim Warschauer Aufstand gekämpft und den Terror der deutschen Nazibesatzer erfahren. Das Gefühl der Ohnmacht gegenüber den Deutschen, aber auch des blutigen, wenn auch aussichtslosen Kampfes hat sie ihren Söhnen ebenso bewahrt wie den Argwohn, auch der Sowjetmacht hilflos ausgeliefert gewesen zu sein. 1944, als Stalins Armee vom rechten Weichselufer aus nicht in den Kampf um Warschau eingriff. Und nach dem Krieg, als die Westmächte Polen an Stalin auslieferten.

Diese doppelte Opferrolle und das Empfinden erlittenen Unrechts prägte Lech tief – auch während des Jurastudiums an der Universität Warschau, wo sich die Brüder früh der antikommunistischen Opposition anschlossen. Ab 1981 halfen sie bei der Gründung und dem Aufbau der oppositionellen Gewerkschaft Solidarnosc mit; Lech kam von Dezember 1981 bis Oktober 1982 gemeinsam mit Gewerkschaftsführer Lech Walesa ins Gefängnis. Sein Bruder entging der Verhaftung, angeblich weil die Polizei von einem Fehler ausging und nicht glauben wollte, dass zwei Kaczynskis dasselbe Geburtsdatum hatten.

Es war in der Anfangszeit der Demokratisierung Polens, als es zum Bruch der Zwillinge mit Lech Walesa kam – ein Bruch, über den in Polen bis heute gerätselt wird. Waren sie gekränkt, dass sie keine Regierungsämter bekamen, sondern lediglich Senatoren wurden? War neben Walesa zu wenig Platz für das Doppelgespann? Oder stimmt die von ihnen selbst immer wieder vorgetragene Version, sie hätten sich einem angeblichen Kuschelkurs Walesas mit den Postkommunisten widersetzt? Es ist wohl eine Mischung aus allem, vor allem aber eine gehörige Portion Kränkung, die die Brüder von da an antrieb und zum Intimfeind Walesas und aller anderen liberalen Solidarnosc-Funktionäre machte.

Kränkung und Opferrolle – meisterhaft inszenierten Lech und vor allem sein Bruder Jaroslaw fortan ihr politisches Projekt, in dem sich auch die vielen Wendeverlierer wiederfinden konnten. Todesstrafe, Abtreibungsverbot, Parolen gegen Deutsche und Russen – schnell wurde aus der Kaczynski-Partei PiS eine ernst zu nehmende Kraft, die das Land moralisch erneuern und den Traum einer national-katholischen Wiedergeburt Polens in der sogenannten „Vierten Republik“ verwirklichen wollte.

Offen deutsch-feindlich gebärdeten sich dabei allerdings nur wenige Polen. Etwas besser kam am Anfang seiner Amtszeit Lech Kaczynskis Jagd auf kommunistische Agenten an. Als diese jedoch auch auf gestandene Antikommunisten ausgedehnt wurde, wandte sich auch hier eine Mehrheit gegen den Präsidentenpalast. Die klare Niederlage der bisherigen Regierungspartei PiS bei den Parlamentswahlen 2007 war die Quittung. Das Volk war die kleinlichen Abrechnungen Lech und Jaroslaw Kaczynskis leid.

In einem Europa durchlässig werdender Grenzen wirkte Kaczynskis Starrsinn unbequem, fremd und provinziell. Es war wohl auch Kazcynskis politischer Eigensinn, der ihn den Katyn-Feierlichkeiten zunächst fernbleiben und dann einen gesonderten Termin wählen ließ. Sein Verhältnis zu Putin und Tusk, der Jaroslaw nach den Wahlen 2007 als Regierungschef beerbte, galt als ausgesprochen kompliziert.

Was sich dann am gestrigen Samstag bei Smolensk ereignete, ähnelt einem Geisterflug. Nachdem Kaczynskis Maschine Weißrussland überflogen und die 780 Kilometer von Warschau zurückgelegt hat, verschwand sie gegen 8:50 Uhr deutscher Zeit von den Radarschirmen und kracht in ein Waldstück, nur 500 Meter vom Beginn der Start- und Landebahn des Flughafens Sewernij in der Nähe des Städtchens Petschorsk entfernt. Es herrschte dichter Nebel. Drei Landeanflüge hatte die Crew daher bereits abbrechen müssen. Mehr als zwei, so ein russischer Pilot bei Radio Echo Moskwy, heiße Gott versuchen. Die Besatzung sollte auf einen anderen Flughafen ausweichen. Doch ignorierte sie offenbar entsprechende Befehle der Fluglotsen. Sie versuchte es ein viertes Mal. Dabei – das Fahrwerk war schon ausgeklappt – streifte eine der Tragflächen die Wipfel der Bäume. Wegen der geringen Höhe konnten die Piloten die absackende Maschine nicht mehr hoch reißen.

Die inoffizielle polnische Version ist eine andere: Hier tragen die Russen zumindest eine Mitschuld, denn der Militärflughafen von Smolensk, so heißt es, sei nicht für Nebellandungen ausgerüstet gewesen. Bilder im Staatsfernsehen unterstreichen dunkle Ahnungen. Auf ihnen ist zu sehen, wie russische Sicherheitskräfte das Gelände abriegeln und polnische Journalisten gängeln. Notizblöcke und elektronische Fotoapparate seien konfisziert worden, heißt es. „Ich bin überzeugt, der FSB steckt dahinter“, sagt eine tschtschenische Flüchtlingsfrau auf dem Basar im Warschauer Stadtteil Praga. „Nun geht es auch uns an den Kragen“, klagt sie.

Die Frau, die ihren Namen nicht nennen will, hat Lech Kaczynski immer als großen Wohltäter gegenüber der tschetschenischen Flüchtlingsgemeinde in Polen wahrgenommen. Und sie sagt: „Kaczynski traute den Russen nie über den Weg – mit Recht.“

„Lasst uns keine Schuldigen suchen, sondern beten“, forderte Warschaus Stadtpräsidentin Hanna Gronkiewicz-Waltz. Aber auch sie konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen, dass „dieses Flugzeug nicht mehr hätte fliegen dürfen“.

Die Dienstmaschine Kaczynskis, eine Tupolew-154, gilt als technisch veraltet. Von den Sowjets 1968 als Gegenstück zur Boeing 727 konstruiert, wurde sie bis 2006 gebaut, ist heute vom Himmel aber weitgehend verschwunden. Neben Polen setzen nur Bulgarien, Aserbaidschan und die Slowakei diesen Typ als Regierungsmaschine ein. Etwa 60 Abstürze hat es bereits gegeben. 1997 kollidierte eine der beiden Bundeswehrmaschinen aus Restbeständen der NVA über dem Atlantik mit einer amerikanischen Militärmaschine. Alle 24 Insassen kamen ums Leben. Und erst Mitte Januar war eine iranische TU-154 in Flammen aufgegangen, nachdem die Reifen beim Aufsetzen auf der Piste geplatzt waren.

Auch das jetzige Unglück wäre vermeidbar gewesen, wenn Kaczynski ein modernes Flugzeug mit Thermosensoren benutzt hätte. Doch können Passagierflugzeuge neuerer Bauart in Smolensk nicht landen. Die Rollbahn ist viel zu kurz. Ein Übel, an dem auch andere Flughäfen in der russischen Provinz kranken. Vor allem deshalb verlängert die Behörde für zivile Luftfahrt für die TU-154 immer wieder die Lizenzen.

Erst vor ein paar Wochen war Kaczynskis Maschine vom Hersteller in Samara an der Wolga generalüberholt worden. Polen, so ein Sprecher der russischen Behörde für zivile Luftfahrt, habe bei der Übergabe keine Beanstandungen gehabt.

Und auch Wladimir Putin sah am Mittwoch keinen Grund, für die knapp 400 Kilometer lange Strecke von Moskau nach Smolensk etwas anderes als eine TU-154 zu benutzen, um am 70. Jahrestag des Katyn-Massakers teilzunehmen. Nun leitet er die Kommission zur Untersuchung des Flugzeugabsturzes. Die Hiobsbotschaft vom Tod eines Teils der polnischen Staatsführung nahm er mit unbewegtem, aber kalkweißem Gesicht entgegen und übermittelte den per Zug angereisten polnischen Teilnehmern der Gedenkveranstaltung sein aufrichtiges Beileid.

Der liberale Parlamentspräsident Bronislaw Komorowski übernahm noch am Nachmittag, wie von der polnischen Verfassung vorgesehen, vorübergehend das Präsidentenamt. Das will Komorowski ohnehin haben. Er galt als aussichtsreichster Kandidat bei der ursprünglich für Herbst angesetzten Präsidentenwahl. Innerhalb von zwei Wochen muss er nun einen neuen Termin benennen. Die Wahl muss spätestens in 60 Tagen stattfinden.

Lech Kaczynski erwog, bei der Präsidentenwahl noch einmal anzutreten und um sein politisches Erbe zu kämpfen. Trotz schlechter Umfragewerte. Chancenlos war auch der linke Präsidentschaftsbewerber Jerzy Szmajdzinski. Er saß mit dem Präsidenten in der Maschine.

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