Zeitung Heute : Suche nach dem Wächter

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Schonendere Krebs-Behandlung

Hartmut Wewetzer

Manchmal wird weniger die Krankheit als ihre Behandlung gefürchtet. So ist es auch beim Brustkrebs. Ein Problem bei der Therapie ist die chirurgische Entfernung der Lymphknoten aus der Achselhöhle. Bei der nachfolgenden Untersuchung der Lymphknoten soll ermittelt werden, ob der Krebs sich schon ausgebreitet hat und bekämpft werden muss. Aber nicht selten hat das Ganze einen schlimmen Nebeneffekt: Die Lymphflüssigkeit kann nicht mehr abfließen, der Arm schwillt dramatisch an.

Doch oft gibt es einen Ausweg: Statt zehn oder mehr Lymphknoten aus der Achsel zu entfernen, nimmt man zunächst nur einen einzigen heraus – den „Wächter“-Lymphknoten. Das ist derjenige, den die Krebszellen auf ihrem Weg vom Tumor in den Körper passieren müssen. Ist der „Wächter“ frei von Krebszellen, kann man sich weitere Eingriffe sparen. Und die Achselhöhle verschonen.

Aber das ist nur einer der Vorzüge. Die Untersuchung des Wächter-Lymphknotens erlaubt es, die Ausbreitung des Tumors und die Überlebenschancen besser einzuschätzen und die Behandlung zu verfeinern. „Das Verfahren ist einer der wichtigsten Fortschritte in der Krebschirurgie der letzten 20 Jahre“, sagt Peter Schlag von der Berliner Robert-Rössle-Klinik. Es wird inzwischen bei vielen Krebsarten eingesetzt. Brustdrüse, Magen und Dickdarm, schwarzer Hautkrebs, um nur einige zu nennen. „Zu 30 Prozent finden wir im Wächter-Lymphknoten Krebszellen, die wir sonst übersehen hätten“, erläutert der Chirurg Schlag. „Der Patient hätte sich also in trügerischer Sicherheit gewiegt.“

Allerdings verlangt es Erfahrung, um den Wächter auch tatsächlich ausfindig zu machen. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten. Man kann Tinte in der Nähe des Tumors in das Gewebe spritzen. Die fließt dann über die Lymphgefäße in die nächstgelegene „Sammelstelle“ ab – den Wächter-Lymphknoten. Er färbt sich nach einigen Minuten blau und kann nun entfernt werden.

Aufwendiger ist es, eine radioaktive Flüssigkeit in die Umgebung der Geschwulst zu injizieren. Auch sie wird mit der Lymphe in den Wächter-Lymphknoten geschwemmt und kann nun mit der Gammasonde, einer Art Geigerzähler, aufgespürt werden.

Nach anfänglichen Zweifeln setzt sich die Suche nach dem Wächter-Lymphknoten in der Krebschirurgie immer mehr durch. Rüdiger Siewert von der TU München empfiehlt seinen Kollegen im Fachblatt „Der Chirurg“, die Technik „Schritt für Schritt in das eigene Repertoire zu übernehmen“. Nur schade, dass das Verfahren wohl nie einen Medizin-Nobelpreis bekommen wird.

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