Zeitung Heute : Suche nach Leben

Vier Tage und vier Nächte – der Weg der Einwanderer von Mexikos Grenze nach Tucson/Arizona führt durch die Wüste. Er ist mörderisch

Christoph Marschall[Arivaca Arizona]

Nach einer Stunde Fußmarsch fühlt sich der Körper an wie sonst nach einer ganztägigen Bergwanderung. Aufgeheizt, das Hemd klebt am Körper, der Gaumen ist trocken, regelmäßiges Trinken lindert den Durst nur für wenige Augenblicke. Für die Schönheiten der Landschaft bleibt kein Auge mehr: die Felsformationen rechts und links, die im Morgenlicht orange schimmern. Auch nicht für den Baboquivari, den heiligen Berg der Tohono-Indianer, der wie ein hoher spitzer Hut die Gipfel im Westen überragt. Er dient den Wanderern, die von Mexiko ins gelobte Land Amerika wollen, zur Orientierung: Wer Richtung Tucson, Richtung Zivilisation will, muss den Baboquivari immer links von sich haben.

Wer nicht straucheln, wer nicht auf Schlangen und Skorpione treten will, heftet den Blick auf den Boden: ein verwirrendes Netz rostigroter Trampelpfade, die sich zwischen mannshohen Büschen, niedrigen Kakteen und Inseln trockenen Präriegrases bergauf und bergab winden.

Und das sollen Menschen vier Tage und Nächte aushalten? So lange dauert der Weg durch die Wüste von der mexikanischen Grenze östlich Nogales’ zu den Highways nahe der Großstadt Tucson in Arizona, wo hoffentlich ein Pick-up oder Kleinbus der Schleuser wartet. „Ein Mensch kann gar nicht so viel Wasser tragen, wie er bräuchte, um hier sicher durchzukommen.“ Das hatten die Grenzschützer Jim und Matthew am Tag zuvor während der Patrouille gesagt. Genau dasselbe sagt heute mitten in der Wüste Kathryn Ferguson von der Hilfsorganisation „Samariter“.

Unzählige Male hat sie an diesem Morgen schon auf Spanisch ihr Sprüchlein gerufen: „Wir bringen Hilfe: Wasser, Essen, medizinische Versorgung.“ Aber der zierlichen, braun gebrannten Mittfünfzigerin mit den ergrauten, schulterlangen Locken geht es schon seit Tagen wie der sprichwörtlichen Ruferin in der Wüste: Nichts regt sich. Migranten wollen nicht gesehen werden. Sie verstecken sich. Entdeckt zu werden heißt, dass alles umsonst war, dass sie zurückgebracht werden nach Mexiko, dessen Armut sie entfliehen wollten. Und dass die 1000 Dollar oder mehr, die sie den „coyotes“ für die Schleusung nach „el Norte“ bezahlen, verloren sind.

Man kann gar nicht genug Wasser tragen: Es ist so ziemlich die einzige Aussage, bei der Border Patrol – die Grenzpolizei – und Hilfsorganisationen übereinstimmen. Vordergründig zeigen beide Seiten höflichen Respekt, wenn sie sich draußen im Gelände begegnen. Aber schon bei der Wortwahl trennen sie Welten. „Illegals“ oder „aliens“ sind die Grenzgänger für die Border Patrol, „migrants“ und „victims“ – also Opfer – für die Hilfsorganisationen. Im Gespräch mit Dritten geben sie sich gegenseitig die Schuld an den vielen Toten. 469 waren es 2005, davon 216 im Sektor Tucson. Mindestens. Wer weiß schon, wie viele Leichen unentdeckt hier draußen liegen? „Sie haben nichts dagegen, wenn Menschen sterben“, sagen die Samariter über die Grenzer, „das schreckt die anderen ab.“ Die Grenzer meinen, es wagen überhaupt nur so viele die gefährliche Reise, weil Schlepper den Migranten sagen: „Es gibt gute Amerikaner, die bringen euch Wasser in die Wüste.“

Über die Toten reden Jim und Matthew nicht gerne, jedenfalls nicht gegenüber dem Reporter. „Unsere Aufgabe ist, die Gesetze zu verteidigen, die Grenze zu schützen.“ Das ist ihre Abwehrlinie. In der Zentrale ihres Abschnitts in Nogales zeigen sie Nachtsichtgeräte und Waffenkammer, führen den Kontrollraum vor, aus dem unzählige Kameras draußen im Gelände per Joystick bewegt werden. Selbst Teile der Kanalisation unter Nogales, das sich auf beiden Seiten der Grenze ausbreitet, werden so überwacht.

Die rund 3500 Kilometer lange Landesgrenze zwischen Mexiko und den USA wird erst seit wenigen Jahren verstärkt gesichert. Ernsthafte Barrieren von Menschenhand gibt es nur entlang von 140 Kilometern: in den Grenzstädten und überall dort, wo Straßen und Eisenbahngleise die Grenze queren. Die Stahlwände, Mauern oder mehrfach gestaffelten Zäune reichen nur wenige hundert Meter von diesen Inseln der Zivilisation in die Wüste hinein. Dann folgen noch einige Kilometer rostiger Weidezaun. Lange Zeit hielten Border Patrol und US-Regierung das für ausreichend. Wer geht schon freiwillig in die mörderische Wüste? Doch genau das tun immer mehr Hispanics, Zuwanderer aus Mexiko, Mittel- und Südamerika, weil sie in „El Norte“ in einer Stunde mehr verdienen können als daheim an einem ganzen Tag. 11 bis 13 Millionen Illegale leben bereits in den USA, jedes Jahr machen sich mindestens eine weitere Million Menschen auf den Weg.

Die meisten versuchten ihr Glück 2005 und 2006 im Sektor Tucson. Die Regierung hat die Grenzanlagen und die Kontrollen auf den alten Routen um San Diego (Kalifornien), El Paso (New Mexiko) und durch das Rio-Grande-Tal in Texas verstärkt. 400 Kilometer lang ist der Abschnitt Tucson, multipliziert man das mit 60 Kilometern landeinwärts – der Strecke, die Migranten laufen können, ohne in Lebensgefahr zu geraten –, ergibt sich ein Gebiet zehnmal so groß wie das Saarland. Eine solche Fläche lässt sich kaum lückenlos überwachen. „Das müssen wir auch gar nicht“, hatten die Grenzer Jim und Matthew am Vortag erklärt. „Wer seinen Fuß über die Grenze setzt, ist noch lange nicht in den USA. Wenn wir Spuren finden, haben wir viele Stunden, manchmal sogar Tage Zeit, die Fremden abzufangen, ehe sie eine Straße erreichen.“

Jim Hawkings, 35 Jahre, Ex-Soldat, drahtig und durchtrainiert, ist schon sieben Jahre bei der Border Patrol. Matthew Poeske, 31, stämmig, ein ehemaliger US- Marine, erst viel kürzer. Fast bewundernd hört er zu, wenn Jim von Schießereien mit Drogenschmugglern erzählt, die Kokain auf 40 Pferden durch den Canyon da drüben bringen wollten, und wie ihm die Munition ausging. Oder, auf der holprigen Fahrt im Jeep über steinige Abhänge, wie er „dort drüben im Maniposa Canyon alleine 30 Leute aufgegriffen“ hat. „Man muss den Coyoten, den Schleuser, identifizieren und mit der Waffe in Schach halten. Dann ergeben sich die anderen.“

438 000 Illegale hat die Border Patrol 2005 im Abschnitt Tucson aufgegriffen und nach Mexiko zurückgeschickt. 324 000 waren es in den ersten neun Monaten des neuen Statistikjahres 2006, das im Oktober begann. Mindestens noch einmal so viele sind durchgekommen, schätzen Migrationsforscher.

„Es müssen Menschen hier draußen sein“, sagt Kathryn Ferguson, als wir uns am nächsten Morgen auf den Fußmarsch in die weite Stille machen: Hunderte im Umkreis weniger Kilometer, Tausende im Sektor Tucson. Die Spuren der Völkerwanderung sind nicht zu übersehen. Unmengen leerer Plastikflaschen liegen längs der Pfade, manche sehen aus wie frisch aus dem Supermarkt. Viereckige Plastikbehälter mit der Aufschrift „Electrolyt“ liegen daneben, leere Chips-Packungen und kleine Tütchen mit „Mexikanischer Soße, extrascharf“.

Nach ein paar Stunden in der Wüste schärft sich auch der Blick für die Verstecke unter höheren Büschen, deren stachlige Zweige bis zum Boden hängen. Jemand hat Präriegrasbüschel oben drauf geworfen, das erhöht den Schutz vor der Sonne und den Blicken. Migranten wandern nachts, tagsüber wird geruht, um der Hitze zu entgehen – und den Grenzern. Eine spanische Broschüre über „Die Grundrechte von Migranten in Mexiko“ liegt in einem Unterschlupf, eine Telefonkarte mit dem Bild des Fußballstars Pavel Pardo in einem anderen, jemand hat eine schwarze Trainingsjacke weggeworfen und eine beige Jeans. Stumme Zeugen eines früheren Lebens, Ballast auf einer langen Reise.

Man muss die Grenzanlagen nur weit genug ausbauen, dass man sie nicht mehr zu Fuß umgehen kann, und die Straßen überwachen, hatten Jim und Matthew von der Border Patrol am Vortag erklärt, dann ist die Grenze irgendwann dicht. Wir standen an einem Checkpoint auf dem Highway I-19, der von der Grenzstadt Nogales nach Tucson führt, 70 Kilometer nördlich der Grenze. Jedes Auto musste anhalten, die Border Patrol kontrollierte die Papiere aller Insassen. Herausgeholt wurde kaum ein Illegaler. Aber wer den Checkpoint umgehen will, muss jetzt noch weiter als die 70 Kilometer nach Norden durch die Wüste laufen. Genau das halten die Samariter den Grenzern und der Bush-Regierung vor: Mörderisch sei es, die Migranten immer weiter, immer länger durch die Wüste laufen zu lassen. Diese Strategie sei der Grund für die vielen Toten.

„Die meisten Migranten wissen überhaupt nicht, worauf sie sich einlassen“, sagt Kathryn Ferguson zum Vorwurf der Grenzer, die Samariter lockten mit ihrer Hilfe weitere Migranten an – „geschweige denn, dass es Hilfsorganisationen wie uns überhaupt gibt.“ Eine Woche zuvor seien vier Mexikaner auf sie zugetaumelt, erschöpft und ausgezehrt. Alles war ihnen egal nach nur zwei Wüstentagen, auch der Groll der anderen in der Gruppe, die Angst hatten, aufgegriffen und zurückgeschickt zu werden, wenn diese vier aufgeben. „Ruft 911“, die Notrufnummer in den USA, hätten die vier immer wieder gesagt. Nur ihr Leben wollten sie retten.

Leben retten, das möchten auch die Helfer von „Human borders“, „No more death“ oder eben die Samariter. Mehrmals pro Woche fahren sie von Tucson in die Wüste. Neben Kathryn Ferguson ist heute Adele dabei, eine rotblonde Russisch-Dozentin von der Uni, die „es nicht mehr ertragen konnte, von den Toten in der Wüste in der Zeitung zu lesen“. Und die pensionierte Tam als Sanitäterin, eine drahtige Weißhaarige. 18 Jahre lang war sie medizinische Betreuerin an einer Highschool. Auch an diesem Morgen haben sie sich um 6 Uhr früh an der Southside Presbyterian Church im Hispanic- Viertel von Tucson getroffen, haben Wasser und Essen in die Kühlkisten hinten im bejahrten Geländewagen gepackt, den ein mitfühlender Neuwagenkäufer den Samaritern gespendet hat. Und nun fahren sie Ranchwege etwa 30 bis 70 Kilometer nördlich der Grenze ab. So weit könnten Wüstenwanderer in zwei, drei Tagen gekommen sein, ehe es kritisch wird.

Eine Baseballmütze auf einem Weidepfahl, ein rosa Tüchlein, das in einen Zaun geknotet wurde: All das können Hinweise auf Treffpunkte sein, an denen die „coyotes“ die Geschleusten wieder einsammeln, um sie in Autos nach Tucson zu bringen – Orte also, wo vielleicht Menschen kurz vor dem Verdursten im Gebüsch warten. Wieder bieten die Samariterinnen in lautem Spanisch ihre Hilfe an. An einem Brückchen steigt Kathryn Ferguson in das ausgetrocknete Bachbett, um nachzusehen, ob sich darunter jemand versteckt.

Jim und Matthew, die Grenzpolizisten, wirken nach sechs, sieben Stunden ein wenig enttäuscht, dass es an diesem Tag keine „action“ gibt, dass sie keinen Aufgriff vorführen können. Neidisch hören sie im Grenzerfunk, wie ihre Kollegen anderthalb Autostunden weiter westlich zwei Pick-ups mit Drogen hochnehmen. Seit ein paar Tagen ist es ungewohnt ruhig geblieben im Abschnitt Tucson. Als sie dem Gast das große, neue Abschiebezentrum in Nogales zeigen, wo die Grenzer den Illegalen Fingerabdrücke abnehmen und sie fotografieren vor dem Transport zurück nach Mexiko, ist es fast leer.

Auch Kathryn Ferguson bekommt niemanden zu Gesicht. Ein schlechtes Zeichen, findet sie. Einen Tag später schickt sie eine E-Mail: „Ich bin so traurig. Sie haben Antonio Jimenez tot in der Wüste gefunden, verdurstet, in der Gegend, wo wir gestern waren. Ich frage mich, warum wir ihn nicht retten konnten.“

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