Zeitung Heute : Süchtig nach dem wahren Leben (Glosse)

Robert Ide

Bei RTL 2 läuft derzeit "Big Brother". Die "Real Life Soap" ist auf 100 Tage angelegt. Zur Begleitung gibt es die Kolumne "100 Tage Einsamkeit".

Sie werden es kaum glauben: In der Nacht zum Sonntag bin ich für eine Stunde aufgestanden. Genau um drei Uhr hat mein Wecker geklingelt. War es etwa Zeit für irgendwelche Medikamente? Oder wollte ich als Erster die Sommerzeit begrüßen? Keineswegs! Ich habe "Big Brother" geguckt. Die Wiederholung vom Sonnabend. Warum? Weil ich süchtig bin. Süchtig nach dieser Sendung. Und das hat seine Gründe.

Ich wohne in einem Hinterhof. In Prenzlauer Berg natürlich, wie sich das gehört. Bis zum Wohnzimmer meines Gegenübers sind es höchstens zwanzig Meter Luftlinie. Ich kenne meinen Nachbarn ziemlich gut, obwohl er sein Privatleben mit dicken Gardinen zu schützen versucht. Mindestens zehnmal im Jahr putzt er seine Fenster. Nachts brennt bei ihm eine lila Neonleuchte. Schräg über mir wohnt eine junge Männer-WG, die aus DJs, Juristen und einem zeitweise lauten Liebhaber besteht. Daneben lebt Franka. Ihr Alltag ist ein Chaos. Zur Zeit arbeitet sie in einer Bar und trifft viele Männer, die ihr "einfach zu doll" sind. Unter mir schließlich wohnt Nina, Studentin und Model. Sie hat einen Freund, fühlt sich aber - glaube ich - oft einsam. Nina sagt, mein Bett knarrt.

Wir alle sind neugierig. Und wir tratschen gern. Deshalb treffen wir uns oft zum Tee oder feiern regelmäßige Hauspartys. Jeder kennt jeden. Wie bei "Big Brother". Vor kurzem kamen alle wieder vorbei mit ihren privaten Geschichten und aktuellen Hausproblemen. Wir debattierten über den schlechten Telekom-Service, den rosa renovierten Hausflur und unseren Neonazi, der immer über den Hof marschiert. (Ein idealer Nominierungs-Kandidat!) Danach wurde getanzt und getrunken. Bis um fünf Uhr morgens durfte das gesamte Haus an dem Radau teilhaben. Manche Mieter haben mich bestimmt dafür gehasst.

Das gleiche Bild am Wochenende im "Big Brother"-Haus. Mit lauter Musik, kurzen Röcken und viel Alkohol feierten unsere süßen TV-Lemminge in die Nacht hinein. Für einen Moment schienen sie den Streit zu vergessen, den die RTL 2-Tüftler geschickt gesät hatten. Alle waren wieder eine Familie. Und zwei hatten sich sogar so lieb, dass ihre Bettdecke sogleich dem Waschdienst übergeben werden musste. Obwohl der Sender das Geschehen bestimmt, war all das echt. Fast so echt wie auf dem Hinterhof.

Das macht mich abhängig. Süchtig nach einer Fernsehshow, die das wahre Leben im falschen verspricht. Sogar nachts sitze ich vor der Glotze und trauere um die aus dem Fernseh-Container gefeuerte Jana. Meine Nachbarn treffe ich immer seltener. Letztens kam Nina zum "Big Brother"-Gucken hoch.

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