Zeitung Heute : Süchtige sind „Kranke, denen man helfen muss“

Der Tagesspiegel

Von Ingo Bach und Annekatrin Looss

Rund acht- bis zehntausend Menschen sind in Berlin schwer drogenabhängig. Anders als in Hamburg oder Frankfurt ist die Drogenszene in Berlin weniger augenscheinlich. Sie konzentriert sich nicht, wie im Hamburger Stadtteil St. Georg, sondern verteilt sich auf kleinere Treffpunkte wie die Kurfürsten- oder Turmstraße oder auf die Bahnhöfe entlang der U-Bahn-Linie 8. Der Start eines bundesweiten Modellversuchs mit Drogenkonsumräumen hat auch in Berlin die Diskussion verschärft. Zahlreiche Politiker und Suchtpräventionsvereine möchten auch in der Hauptstadt Drogenkonsumräume nach Hamburger Vorbild einrichten. Der SPD-PDS-Senat hat in der Koalitionsvereinbarung im Grundsatz vereinbart, solche Räume einzurichten.

Dabei gehe es nach Ansicht der Gesundheitsexperten darum, die konsumbedingten Risiken zu minimieren. Nicht nur die Süchtigen sollen hier ihre Drogen unter hygienisch einwandfreien Bedingungen konsumieren können, auch die Gefahren für Unbeteiligte, beispielsweise durch benutzte Spritzen in Grünanlagen und auf Kinderspielplätzen, sollen vermieden werden, sagt die Vorsitzende des Gesundheitsausschusses der BVV in Mitte, Miriam Scheffler.

Schon in der vergangenen Wahlperiode hatte die Bezirksverordnetenversammlung in Mitte über die Einrichtung von Drogenkonsumräumen entschieden. Nicht nur B90/Grüne sondern auch SPD und PDS stimmten der Einrichtung zu. „Sobald die rechtliche Grundlage geschaffen ist, können wir loslegen“, sagt auch die Kreuzberger Bürgermeisterin Cornelia Reinauer. Drei Träger, die bereit seien, solche Druckräume einzurichten, seien schon gefunden, auch die Räumlichkeiten seien vorhanden.

Noch in diesem Jahr wolle er die rechtlichen Voraussetzungen prüfen, um auf Landesebene Fixerstuben einrichten zu können, verspricht Gesundheitsstaatsekretär Hermann Schulte- Sasse. An deren Notwendigkeit lässt er keinen Zweifel. „Gerade die Schwerstdrogenabhängigen konsumieren ihre Drogen unter lebensgefährlichen Umständen. Sie sind Kranke, denen man helfen muss.“ Deshalb habe der Staat die Verantwortung, geschützte Räume zu schaffen, in denen die Abhängigen illegale Drogen konsumieren können. Zu entscheiden sei noch, ob stationäre oder mobile Fixerstationen eingerichtet werden. Schließlich müsse man dabei die Gefahr im Auge behalten, dass sich bei festen Fixerstuben die örtliche Drogenszene verfestigt. Zu klären wird auch sein, wie viele Fixerstuben gebraucht werden und wo man diese einrichtet.

Die Gesundheitspolitikerin Scheffler will im Bezirk Mitte zunächst mit einem Raum testen, wie das Angebot bei den Betroffenen ankommt. Im Bezirk Kreuzberg seien auch mehrere Räume denkbar. Zu wenige Drogenkonsumräume könnten eine ungewünschte Sogwirkung erzeugen, gibt Wilfried Weise, Geschäftsführer des Vereins für Drogenprävention, zu bedenken. Seit 15 Jahren betreibt der Verein einen Kontaktladen am Kottbusser Tor.

Rund 200 Drogenabhängige kommen fast täglich hierher, um ihre benutzten Spritzen gegen sterile einzutauschen, zu duschen, essen oder Wäsche zu waschen. Der beaufsichtigte Drogenkonsum sei ein wichtiger Baustein in der Suchthilfe. Nicht nur, weil den Süchtigen im Zweifelsfalle schnell geholfen werden könne, sondern weil sich dadurch auch wichtige Kontakte zu den Abhängigen ergäben. Denn nur dann könnten gemeinsam mit den betroffenen Menschen andere Lebensperspektiven entwickelt werden.

400 000 Euro wird die Einrichtung eines Drogenberatungszentrums mit Druckraum kosten. Etwa 300000 Euro könnten aber gespart werden, wenn man diese Räume wie geplant in bestehende Kontaktläden integriert. Zur Diskussion steht dabei auch der Verein Fixpunkt e.V., der schon jetzt die Szenetreffpunkte mit einem Drogenberatungsmobil abfährt. Mit einem zusätzlichen Bus könne der Verein ein Drogenkonsummobil anbieten, erklärt Wolfgang Nitze, Suchtkoordinator im Kreuzberger Bezirksamt.

Die CDU dagegen kritisiert die geplanten Druckräume. Damit werde eine in Berlin nicht vorhandene offene Drogenszene eta.bliert, sagt der gesundheitspolitische Sprecher der Partei, Mario Czaja. Auch könne eine erhöhte Kriminalität in der Nähe dieser Räume nicht ausgeschlossen werden. Mit den entstehenden Kosten könne darüber .hinaus die Arbeit von Suchtpräventionsvereinen über Jahre hinweg bezahlt werden.

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