SÜDAMERIKA : Auf hohem See

Hier ist alles aus Schilf: Die Inseln, die Hütten und deren Einrichtung. Bei den Uros zwischen Bolivien und Peru.

Sonja Peteranderl
Das Volk der Uros lebt auf künstlichen Inseln im größten und höchstgelegenen Binnengewässer Südamerikas – dem Titicacasee, der 3810 Meter über dem Meeresspiegel liegt.
Das Volk der Uros lebt auf künstlichen Inseln im größten und höchstgelegenen Binnengewässer Südamerikas – dem Titicacasee, der...Foto: Peteranderl

Der andere Planet, wie José Ticona sagt, ist nur fünf Kilometer weit weg. Als Ticona zum ersten Mal das Festland betrat, da war er noch ein Teenager und hatte seine schwimmende Welt noch nie verlassen. Er wunderte sich über den Lärm, den Verkehr und darüber, dass die Menschen an der Straße stehen blieben. Von einer Ampel hatte er noch nie gehört und wurde an seinem ersten Tag fast von einem Auto überfahren.

Ticona lacht ein bisschen über sich. Von seiner Insel aus kann der 55-jährige Peruaner die unzähligen Ziegelhäuser von Puno auf dem Festland sehen, die über die Berghänge am Titicacasee wuchern, ab und zu dringen gedämpfte Lärmfetzen herüber. Mehr als 100 000 Menschen leben in der Bezirkshauptstadt Puno, die für Ticona eine Metropole ist – auf den schwimmenden Inseln auf dem Titicacasee zwischen Peru und Bolivien sind es nur ein paar hundert.

Früh am Morgen ist es still auf dem See. Um fünf Uhr, wenn die Sonne aufgeht, der Himmel langsam so grellblau wird, dass er sich kaum mehr vom Wasser unterscheidet, rudert José Ticona los, auf der Suche nach frischem Schilf. Mit einem Ruder dirigiert er das Holzboot langsam durch das Wasser, es ist eiskalt, und ein bisschen nebelig. Ticona trägt einen Filzhut, sein schmaler Körper steckt in einem hellblauen Rollkragenpullover mit Weste darüber, unter der grauen Anzughose ragen schmutzige Füße hervor. Früher haben sich die Menschen erzählt, die Uros hätten schwarzes Blut, weil das Inselvolk unempfindlich gegen die Kälte sei. „Das Inselleben härtet einfach ab“, sagt Ticona.

Die grünen Schilfstängel, die er aus dem Wasser zieht, sind höher als der Peruaner, sie müssen hellgrün, knackig und biegsam sein, aus ihnen wird alles gebaut: Die Inseln, die auf dem Titicacasee schwimmen, die Hütten, die Einrichtung, die Aussichtstürme, die Boote, und gegessen werden sie auch noch.

Das Schilf hat José Ticonas Vorfahren gerettet, als die noch auf dem peruanischen Festland lebten: Immer wenn die Inkas angriffen, zog sich das Volk der Uros auf Booten in die Mitte des Sees zurück. Irgendwann türmten sie Schilf auf die Boote, bauten Hütten darauf und blieben darin, auch nachdem das Inkareich untergegangen war. Heute dümpeln 65 gelblich-grüne Mini-Inseln im Halbkreis auf dem Titicacasee – eine exotische Postkartenidylle.

Für José Ticona ist das Inselleben harter Alltag. Es gibt kein geklärtes Wasser, keine Duschen, Toiletten und selten Elektrizität. Ticona kennt es nicht anders. Er wurde auf einer schwimmenden Insel geboren, seine Eltern lebten vom Enteneiersammeln und Fischen, manchmal blieben sie wochenlang mit einer Barke auf dem See. Ticona ging mit 17 Jahren zum Militärdienst in Puno, holte dort die Grundschule nach, mit 19 kehrte er auf den See zurück, heiratete und baute sich und seiner Frau mit Bekannten dann eine eigene Insel: Titimarka.

„Das Leben ist ruhig hier“, sagt Ticona, während er die frischen Schilfbündel aus dem Boot auf die Insel hievt. „Und ich möchte die Tradition aufrechterhalten, sonst werden die Uros eines Tages verschwinden.“ Als Inselpräsident von Titimarka kümmert er sich darum, dass ihr Zuhause nicht versinkt. Immer wieder erneuert er die Schilfschichten, ab und zu kauft er neue Seile und Holzpflöcke, mit denen Titimarka verankert ist. „Sonst gehen wir in Peru ins Bett und wachen zum Frühstück in Bolivien auf“, sagt Ticona.

Drei weitere Familien leben auf der Insel. Eine Versammlungshütte, eine Kochhütte mit einem Regal voller rußgeschwärzter Töpfe, eine Abstellkammer und einen Aussichtsturm gibt es, natürlich alles aus Schilf. An einem Rundbogen trocknen Schilfblüten, die Inselbewohner haben ein erhöhtes Beet mit Rosen und Margariten angelegt, im Teich schwimmt das Abendessen: Fische und eine Ente, die an einem Bein angebunden ist. Die Insel ist so überschaubar wie Ticonas Eigentum: Mit seiner Frau Olga wohnt er in einer Hütte, in die gerade ein Bett mit bunten Decken passt, die Kleidung hängt an Wandhaken, alles ist mit kleinen Kunstwerken dekoriert, die das Paar geflochten hat.

Einmal wöchentlich rudern die beiden mit der Holzbarke nach Puno, um Kunsthandwerk und Fische auf dem Markt zu verkaufen oder gegen Lebensmittel wie Reis, Kartoffeln und Gemüse zu tauschen. Doch die Uros leben nicht mehr nur vom Fischen wie ihre Vorfahren. Heute ist der Tourismus zur größten Einnahmequelle geworden, die Ankunft der Touristen das Ereignis, das den Tag strukturiert. José Ticona deckt morgens um acht noch eines der Schilfdächer neu, zieht die Plastikplane vom Inselbeet und trinkt mit seiner Frau einen Tee aus Schilfblüten. Sie flicht ihre langen schwarzen Haare zu Zöpfen, zieht sich ein pinkfarbenes Jäckchen und einen hellgrünen Rock an. Das sei Uros-Tracht, sagt sie. Früher waren die grellen Farben nur für junge Frauen bestimmt, heute tragen sie alle – auch, um besser gesehen zu werden.

Denn kurz vor neun kommen sie, die Touristen, auf unzähligen Motorbooten aus Puno und mit ihnen die Wellen. Die Inseln schwanken, die Frauen stehen überall wie bunte Wackelfiguren an den Inselrändern, winken, rufen, die Boote verteilen sich. Ein Boot steuert auf Titimarka zu, doch dann saust es im letzten Moment vorbei. Es ist ein Wettkampf, der oft enttäuschend ist: Warten, Winken, knapp vorbei. Ticona kennt das: „Alle zwei oder drei Tage kommt ein Boot zu uns. Die Konkurrenz ist zu groß.“ Vor vier Jahren schwammen noch 30 Inseln auf dem Titicacasee, heute hat sich ihre Anzahl verdoppelt.

Und die liefern sich einen Wettbewerb. Fast alle haben einen Aussichtsturm aus Schilf, der manchmal an einen Wasservogel oder Fisch erinnert, an jeder Insel ankert ein großes Schilfboot, mit Aussichtsplattform und oft wie ein Wikingerboot mit einem Drachenkopf am Bug verziert. Manche halten sogar Katzen auf ihrer Insel, um Fremde anzulocken, andere studieren englische Lieder ein.

Kurz vor elf Uhr, als Ticona nicht mehr damit rechnet und die Frauen von Titimarka gerade Fische auf Decken sticken, biegt doch noch eines der Boote zu ihrer Insel ab. Schnell stehen die Frauen auf, rufen den Touristen ihr „Kamisaraki“ zu: „Willkommen!“ Ein junger Touristenführer springt aus dem Boot, acht Touristen hinterher. Manche hüpfen hoch, damit die Insel unter ihnen schwingt. Sie finden das witzig.

Der Guide setzt sich mit den Besuchern auf einen Rundbogen aus Schilf, er zeigt auf eine Karte mit dem See und erklärt auf Englisch, wie die Inseln entstanden sind und das Leben darauf funktioniert. Gleichzeitig stellt Ticona alles mit einer Art Puppentheater nach: Er schichtet Schilfbündel übereinander, stellt Minihütten, Boote, Püppchen auf. Die Touristen stapfen über die Insel, schauen in die Hütten hinein, lassen sich in bunten Uros-Trachten fotografieren, und nach 30 Minuten sind sie wieder verschwunden.

„Der Lebensstandard ist durch den Tourismus besser geworden“, sagt Ticona. „Auch wenn es noch kein normales Leben ist.“ Sondern eines am Rande der Armutsgrenze. Bis auf eine Grundschule gibt es keine Bildungsmöglichkeiten, eine Gesundheitsversorgung fehlt. Der Strom der Solarzellen, die der ehemalige peruanische Präsident Fujimori den Inselbewohnern in den 90er Jahren als Wahlkampfgeschenk überließ und den sich je drei Familien teilen, reicht gerade, um die Nachrichten zu sehen: Jeden Abend informiert sich Ticona auf einem kleinen Fernseher in schwarz-weißen verschlierten Bildern darüber, was in der Welt passiert.

José Ticona sagt, er habe schon manchmal überlegt, nach Puno umzuziehen. Das Leben wäre dort einfacher und moderner. Aber er möchte auf Titimarka bleiben, trotz der ganzen Entbehrungen findet er: Die schwimmenden Inseln sind ein kleines Paradies. „Das Wasser hat jeden Tag eine andere Farbe“, schwärmt er. „Und wir haben alles, was wir brauchen“, ergänzt seine Frau Olga. Das Schilf, die Vögel und den See.

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