Südossetien : Die Grenzen der Gewalt

Sie sagen: „Die Georgier haben uns immer nur den Tod gebracht. Wie sollen wir mit ihnen leben, nach dem, was hier passiert ist?“ Die Menschen in Zchinwali, Südossetien, hassen Georgien – und sind wütend auf den Westen, der nicht will, dass sie zu Russland gehören. Besuche in einer Stadt, für die der Krieg noch nicht vorüber ist.

Jens Mühling

ZchinwaliDie alte Frau hat sich wortlos genähert, wortlos greift sie nach einem Arm, wortlos zieht sie ihn hinter sich her. „Sag nichts“, flüstert sie. „Sag nichts, ich will, dass du hinsiehst.“ Sie zieht, sie zerrt, ihr Blick hat die Kraft, die ihren Armen fehlt. Der Weg führt in den Hof eines fünfstöckigen Plattenbaus, ein Loch klafft in der Fassade, hinter schwarzen Brandrändern liegt ein verwüstetes Wohnzimmer, auf dem Boden ein verbogener Kinderlaufstall. Die alte Frau hebt einen zitternden Finger, er schwebt in der Luft wie ein Wegweiser. „Tun das Menschen?“, fragt sie. Ein wütender Blick, dann geht sie. Wortlos.

Zchinwali, Hauptstadt Südossetiens, Herz der Finsternis. Es mögen zuletzt vor allem Jubelszenen gewesen sein, die aus der kriegsversehrten Stadt an die Öffentlichkeit drangen – Jubel über Russlands Entscheidung, Georgiens abtrünniger Provinz die ersehnte Unabhängigkeit zuzusprechen. Doch der Jubel kann nicht hinwegtäuschen über den blanken Hass, der in Zchinwali immer noch die Menschen bewegt – Hass auf die Georgier und den Krieg, den sie brachten, der die Stadt verwüstete.

Zchinwali mag nicht so flächendeckend zerstört sein, wie die russischen Fernsehbilder zunächst glauben machten, doch vielerorts bietet die Stadt, in der vor dem Krieg gut 30 000 Menschen lebten, einen grauenhaften Anblick. Mitten im Stadtzentrum ist ein Panzer auf eine Mine gefahren, die tonnenschwere Geschützdrehscheibe hat das Vordach eines Krankenhauses durchschlagen, wie eine bizarre Skulptur liegt sie zwischen den Trümmern. Die umliegenden Häuser sind fensterlos, Schusslöcher in den Betonfassaden zeugen vom erbitterten Straßenkampf, den sich georgische Truppen und ossetische Milizen hier geliefert haben. Schwarzgesäumte Löcher legen ausgebrannte Wohnräume frei, in denen georgische Panzerbesatzungen Scharfschützen vermuteten. Eine verwirrte Frau im Morgenmantel stolpert ziellos durch die Straßen, tränenverwüstetes Make-up entstellt ihr Gesicht. „Wo sind meine Melonen?“, schluchzt sie immer wieder. „Wer hat denn meine armen Melonen?“

Angefangen habe es, wie es immer anfing, sagt Lisaweta, eine 40-jährige Lehrerin, die auf einer Holzbank vor einem der Wohnblocks sitzt. Aus den georgischen Siedlungen, die auf den Hügeln rund um Zchinwali liegen, sei auf die Stadt geschossen worden, wie es in den letzten Jahren regelmäßig vorkam. Ossetische Milizen erwiderten das Feuer, immer wieder mussten Lisaweta und ihre Nachbarn für Stunden Zuflucht in den Kellern suchen, bis sich der Beschuss gelegt hatte. Beunruhigt habe das noch niemanden, sagt Lisaweta, alle hätten sich längst an die Feuerwechsel gewöhnt. Erst am 4. August, als die Gefechte nicht mehr abrissen, begannen die russischen Friedensschutztruppen, Frauen und Kinder aus Zchinwali zu evakuieren. Weil sie wussten, dass ein Krieg bevorstand? Niemand will darauf heute eine Antwort geben.

Lisaweta blieb in der Stadt, sie wollte bei ihrem kranken Vater sein. In der Nacht vom 7. zum 8. August wurde sie von Detonationen aus dem Schlaf gerissen. Mit dem Vater floh sie in den Keller, wo die Nachbarn bereits in der Dunkelheit kauerten – niemand hatte an Licht gedacht, auch nicht an Lebensmittel, nicht einmal an Wasser. „Wir dachten ja, es würde vorbeigehen“, sagt Lisaweta. „Es ist sonst immer vorbeigegangen.“

Diesmal aber wurden die Gefechte mit jeder Stunde intensiver. Zwei volle Tage und Nächte harrten die Menschen im Keller aus, während georgische Panzer die Stadt einnahmen, während ringsum Raketen einschlugen und Granaten detonierten. „Nach zwei Tagen kamen wir um vor Durst, Vater konnte kaum noch sprechen“, sagt Lisaweta. In einer Gefechtspause stahl sie sich aus dem Keller, in der Wohnung füllte sie hastig Wasser in Plastikflaschen. Als sie zurück in den Hausflur trat, hörte sie im Erdgeschoss Männerstimmen. Sie konnte gerade noch erkennen, wie zwei georgische Soldaten etwas durch die offene Kellertür warfen und davonrannten, bevor eine Explosion das gesamte Haus erschütterte. „Niemand im Keller hat überlebt“, sagt Lisaweta. „Von meinem Vater war nichts übrig, was ich hätte beerdigen können.“

Mehrere Menschen sind hinzugetreten, während Lisaweta erzählt, reihum tauschen sie nun ihre Erinnerungen aus. Eine Rentnerin will gesehen haben, wie die Georgier gezielt auf Frauen und Kinder schossen, die aus den Trümmern ihrer zerstörten Häuser flohen. Ein Mann erzählt, er sei mit seinem Auto nur knapp einem Panzer entkommen, der mutwillig einen Flüchtlingskonvoi überrollte. „Sie wollten uns alle abschlachten!“, schreit schließlich eine Frau unter Tränen. „Wenn die Russen nicht gekommen wären, hätten sie uns alle getötet!“

Nicht allein gegen die Georgier richtet sich die Wut der Menschen. „Warum wollt ihr im Westen nicht begreifen, was hier passiert ist?“, fragt eine junge Frau. „Sagt eurer Angela Merkel, dass sie alles verzerrt! Warum verteidigt sie diesen Mörder Saakaschwili?“

Alle in der Runde pflichten bei, ein Mann sagt, Südossetien werde niemals Teil Georgiens sein, das Land gehöre zu Russland, egal, was der Westen sage. „Die Georgier haben uns immer nur den Tod gebracht. Wie sollen wir mit ihnen leben, nach dem, was hier passiert ist?“

Wieder werden Kriegsgeschichten ausgetauscht, von Vergewaltigungen ist die Rede, von Folter und abgetrennten Körperteilen, von Schwangeren, denen Georgier die Bäuche aufgeschlitzt haben. Viele Geschichten werden aus zweiter Hand wiedergegeben, wenig lässt sich zweifelsfrei belegen, oft wirkt das Erzählte wie der kollektive Alptraum einer verstörten Stadt, mitunter auch wie der Effekt russischer Kriegspropaganda. Doch selbst wenn nur ein Zehntel der Geschichten wahr ist – der Hass der Osseten wäre begreiflich.

Er brach sich Bahn, sobald die Russen die feindliche Armee aus der Stadt gedrängt hatten. Von den georgischen Siedlungen auf den umliegenden Hügeln, deren Bewohner bei Kriegsausbruch Richtung Tiflis geflohen waren, sind nur noch ausgebrannte Trümmer übrig. Die Russen lieferten sich hier Gefechte mit der georgischen Armee, doch das allein kann den Zustand der Häuser nicht erklären. Man muss nicht lange fragen, um zu erfahren, was geschehen ist. „Wir haben sie niedergebrannt“, sagt ein Mann mit Stolz in der Stimme. „Diese Mörder sollen es nicht wagen, zurückzukommen.“

Auf einem Hügel oberhalb der Stadt liegt das Stabsquartier der russischen Friedenstruppen, die seit den Sezessionskriegen Anfang der 90er Jahre gemeinsam mit georgischen und ossetischen Blauhelmen in der Stadt stationiert sind. Oberst Igor Jewgenjewitsch Konoschenko, ein schnauzbärtiger Mittvierziger, deutet auf das Mannschaftsquartier, einen dreistöckigen Bau, von dem nur eine zerlöcherte Ruine geblieben ist. „Unsere Männer schliefen, als die Raketen einschlugen“, sagt Konoschenko. „Zu diesem Zeitpunkt hatten die Georgier noch nicht einmal den Krieg erklärt.“ 13 Soldaten starben auf der Stelle, drei weitere erlagen ihren Verletzungen. Das Gelände ringsum ist unversehrt, alles deutet auf eine gezielte Bombardierung hin. „Die Georgier haben Truppen beschossen, mit denen sie eine gemeinsame Friedensmission unterhielten“, sagt Konoschenko. „Es gibt nur ein Wort für eine solche Tat: Verrat.“

Als er nach den zerstörten georgischen Siedlungen gefragt wird, verliert der sonst beherrschte Russe die Contenance. „Was glauben Sie denn, was da passiert ist?“, schnappt er, das Blut steigt ihm in die Wangen. „Hätten wir zusehen sollen, wie die Georgier von da oben die Stadt zerballern? Man kann eine Armee nicht aufhalten, ohne ihre Stellungen zu beschießen.“ Nur mit Mühe fängt sich Konoschenko wieder. „Ihr Westler tut so, als seien unsere Truppen hier zum Spaß einmarschiert“, sagt er kühl. „Fragt mal die Osseten, ob sie das auch so sehen.“

Die russischen Soldaten, die dieser Tage in langen Kolonnen über die kaukasische Hauptmagistrale heimwärts fahren, werden am Wegrand von winkenden Menschen verabschiedet – Menschen, die wenig ahnen von den geopolitischen Machtdemonstrationen, für die ihre Not Russland den willkommenen Anlass bot. Spasibo Rossija!, hat jemand in roter Schrift auf ein Straßenschild gesprüht: Danke, Russland. Ein paar hundert Meter weiter heißt es: Ossetija – eto Rossija! Ossetien ist Russland.

Hunderte von Militärfahrzeugen stauen sich vor der georgisch-russischen Grenze, deren Bedeutung mit der Anerkennung der südossetischen Unabhängigkeit unklar geworden ist. Der Übergang liegt unter tausend Metern Gestein: Zwischen Südossetien und dem in Russland gelegenen Nordossetien verläuft der Hauptkamm des Kaukasus, vier Kilometer lang ist der Tunnel, der beide Regionen verbindet. Im trüben Licht orangefarbener Bauleuchten sind die Spuren auszumachen, die Tausende von Panzerketten in den Asphalt gefräst haben. „Rokskij“ heißt der Tunnel bei den Russen, die die Panzer lenkten, „Roki“ nennen ihn die Osseten, die den Einmarsch ersehnten, „Rokis“ die Georgier, die ihn verdammen.

Auch in den westlichen Medien kursierten in den letzten Wochen alle nur denkbaren Schreibweisen für den Tunnel. Die Verwirrung beginnt bei den Buchstaben, bei der Bedeutung hört sie nicht auf. Was trennt diese Grenze? Nord- von Südossetien? Russland von Georgien? Europa – von Europas Feinden?

Gerade erst hat ein langer russischer Konvoi den Tunnel passiert, die Abgase der Militärfahrzeuge finden keinen Ausweg, sie verdicken die stickige Sommerluft. Keine zwei Meter beträgt die Sichtweite.

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