Zeitung Heute : Sündenfall hilft der Solokarriere Von Harald Martenstein

Deutschland hat einen neuen Popstar. Er heißt Margot Käßmann. Die ehemalige Frontfrau des deutschen Protestantismus hat zum Auftakt ihrer neuen Solokarriere beim Kirchentag in München die Massen begeistert – mehr denn je, mehr als früher, als sie noch in ihrer Band spielte. Das ist nicht ungewöhnlich, auch Robbie Williams, Nena und Eric Clapton waren solo noch erfolgreicher als vorher, als sie noch die Ratsvorsitzenden von „Take that“, „The Stripes“ oder „Cream“ waren.

In der „taz“ wird eine 70-jährige Kirchentagsbesucherin, restlos hingerissen von Käßmann, mit dem Satz zitiert: „Solche Frauen brauchen wir!“ Damit meint sie nicht, dass Deutschland mehr Frauen braucht, die betrunken Auto fahren. Um ein echter Popstar zu werden, sind, in den meisten Fällen, Abstürze, Krisen, Drogenexzesse erforderlich, das war immer so. Man muss unten gewesen sein, nur deshalb darf man, ohne Neidgefühle zu wecken, nach ganz oben. Selbst in der Biografie von Jesus finden sich deshalb ein paar Brüche. Er hat Selbstzweifel. Der Satan versucht ihn. Er schwankt. Am Kreuz hadert er mit seinem Schicksal, er macht Gott Vorwürfe. Mein Vater, warum hast Du mich verlassen?

Man weiß von sich selbst recht genau, dass man nicht heilig ist, deshalb können Heilige bestenfalls Vorbilder sein, aber niemals Identifikationsfiguren. Als Käßmann damals von der Polizei erwischt wurde, hat es bei manchen Katholiken bestimmt eine heimliche Schadenfreude gegeben, nun hatten die anderen also auch ihren Skandal. Aber nicht nur die Größenordnung der Verfehlung war schwer zu vergleichen. Bei Käßmann kam der sofortige Rücktritt, auch von Ämtern, in denen sie sich vielleicht hätte halten können. Ein größerer Unterschied als der zu dem einsichtsresistenten Bischof Mixa ist kaum vorstellbar. Man bekommt immer eine zweite Chance. Das Publikum denkt katholisch: Es vergibt dem reuigen Sünder, der beichtet. Wer es schafft, seine Schuld anzunehmen und sich zu ihr in moralisch überzeugender Weise zu verhalten, der darf ein zweites Mal die Bühne betreten und ist dann manchmal sogar größer als vorher. Diese Chance hat Margot Käßmann genutzt. Die Katholische Kirche nutzt sie weniger gut.

Einen Gedanken werde ich allerdings nicht los. Was wäre passiert, wenn an jenem Abend die Polizeistreife in Hannover unaufmerksamer gewesen wäre? Margot Käßmann wäre wohl immer noch Ratsvorsitzende, und sie würde wohl immer noch nachts um die Häuser ziehen und in schwer beschickertem Zustand eine unbekannte männliche Fracht durch die Nacht chauffieren. Von sich aus hätte sie ihren Rücktritt sicher nicht angeboten. Sie ist jedenfalls garantiert keine Heilige, und deshalb wird sie jetzt gefeiert wie Robbie Williams.

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