Zeitung Heute : Süße Klamotten für coole Mädchen

Berliner Modelabels: Hartbo + L´wig sind steil eingestiegen, Anne Gückel produziert schon im Studium, die Thatchers bleiben dran

Susanna Nieder

Wer die Sommerkollektion von Hartbo + L´wig nur mit einem flüchtigen Blick streift, könnte leicht einen falschen Eindruck bekommen. An einer langen Stange hängen kleine Jäckchen, große Pullis, kurze Röckchen und Bikinis. Sie sind aus Frottee, Cord und Jersey, in Pink, Gelb, Orange und Laubfroschgrün, geringelt und gestreift, getupft und geblümt. Gelegentlich purzeln winzige Applikationen quer über ein Kleidungsstück, als habe ein Kind seine Schatzdose ausgekippt: bunte Schleifchen, Stoffröschen, Perlen und Knöpfchen. „Manche denken, wir machen Mode für süße Mädchen, aber da täuschen sie sich“, sagt Sarah Elbo. „Wir machen Mode für coole Mädchen!“

Sarah Elbo und Andrea Hartwig sind die Designerinnen, aus deren Namen sich „Hartbo + L´wig“ (gesprochen : Elwig) zusammensetzt. Gegründet haben sie das Label letztes Jahr nach dem Abschluss an der Modeschule Esmod in Kreuzberg. Gleich ihre erste gemeinsame Aktion war von Erfolg gekrönt: Beim Finale des deutschlandweiten Wettbewerbs der besten Nachwuchsdesigner von Moët et Chandon durften sie als eines der drei Siegerteams ihre erste gemeinsame Kollektion in einer großen Show im Postbahnhof am Ostbahnhof zeigen. Sie hatten genau zwei Monate Zeit gehabt, um eine Kollektion aus 42 Outfits herzustellen – eine große Aufgabe für Anfänger.

Große Aufgaben scheinen den beiden jungen Frauen zu liegen. Einige Wochen nach der Moët et Chandon-Schau eröffneten sie ihren Laden, im Januar nahmen sie an der Off-Show der Jeansmesse „Bread & Butter“ teil und bekamen prompt eins von fünf Nachwuchsstipendien, das ihnen die hohen Kosten für die Teilnahme im Juli erspart. Unterdessen hat MTV Hartbo + L´wig für ihr „Designorama“ ausgewählt, in dem Moderatorinnen eine Woche lang ihre Kleider, tragen, Szenemagazine wie „Tank“ und „intro“ haben Stücke von ihnen für Modestrecken verwendet. Unter Stylisten und „coolen Mädchen“ aus Fernsehkreisen hat sich bereits herumgesprochen, dass es eine neue Adresse für sie gibt.

Ihren Stil bezeichnen die beiden manchmal als „Champagner und Dosenbier“. Der Champagner besteht im hohen Anspruch an Schnitt, Material und Verarbeitung. Oft gehen sie beim Entwerfen von Formen aus, die schon einmal da waren, wie Petticoats aus den Fünfzigern, Hängerchen wie für 12-Jährige aus den Sechzigern, Minifaltenröcke aus den Siebzigern, überweite Pullis mit Bündchen aus den Achtzigern. Aus einer klassischen Jacke mit angepufften Ärmeln wird dann aber schon mal ein Bolerojäckchen, so kurz, dass es fast nur aus Kragen und Ärmeln besteht, auf einem Breitcordmantel erscheinen breite, ironische (und erstaunlich kleidsame) Cordschleifen. Diese unbekümmerten Spielereien sind das „Dosenbier“.

Andrea Hartwig und Sarah Elbo sind der lebende Beweis dafür, wie wenig das Modegeschäft mit der landläufigen Meinung zu tun hat, es gehe nur um Chi-chi und Bussi-Bussi. Von ihren Erfolgen sprechen sie nüchtern. Wieviel Zähigkeit dahintersteckt, ahnt man, wenn die 30-jährige Sarah Elbo erzählt, sie habe neben dem Studium bei Esmod (das unter 50 Wochenstunden nicht zu machen ist) an den Wochenenden in ihrer Heimatstadt Kopenhagen in einer Popband gesungen. Oder wenn ihr Blick etwas abwesend wird, weil sie unter anderem ein zwei Monate altes Töchterchen zu versorgen hat. Oder wenn Andrea Hartwig, mit ihren 23 von der Schulbank in die Ausbildung und von dort ins Business eingestiegen, erzählt, dass ihre Schwester ihnen beim Geschäftlichen hilft und ihre Mutter die Buchhaltung für sie macht. Mit einem detailliert ausgearbeiteten Businessplan sind sie letztes Jahr zur Bank gegangen und haben doch kein Existenzgründungsdarlehen bekommen. Jetzt sind sie froh, weil sich der Laden trägt und sie keine Schulden abbezahlen müssen.

Weitergehen soll es schön der Reihe nach. Ihre Sachen zum Nähen weggeben wollen sie nicht, dann lieber ein eigenes Atelier aufbauen. Messen wären schön, da haben sie sich schon welche ausgeguckt, aber außer der nächsten „Bread & Butter“ planen sie nichts, sie sind ja sowieso schon so steil eingestiegen: „Noch schneller geht´s echt nicht mehr!“ Ein Plakat im Laden bringt die selbstbewusste, pragmatische Einstellung von Sarah Elbo und Andrea Hartwig genau auf den Punkt. Darauf ist eine Schönheit der vorvorigen Jahrhundertwende zu sehen, die sich mit dramatischer Geste ins offene Haar greift. Darunter steht: „Wenn du Zöpfe willst, dann mach dir welche.“

Zu denen, die nicht lange fackeln, gehört auch Anne Gückel, Designstudentin an der Fachhochschule für Wirtschaft und Technik im fünften Semester. Derzeit macht sie ein Praktikum gleich um die Ecke von Hartbo und L´wig, in der Kastanienallee bei den Thatchers. Von Thomas Mrotzek und Ralf Hensellek kann sie genau das lernen, was ihr am meisten liegt, nämlich den Umgang mit Stretch- und Jerseystoffen. Damit arbeitet die 23-jährige Göttingerin ausschließlich. Die Kleider, die sie ursprünglich für sich selbst gemacht hat, finden solchen Anklang, dass sie bereits vor einem Jahr ihr eigenes Label „animo“ gründete. Bei Soma, bei Crème fresh und bei Vampyr deluxe ist sie vertreten – allesamt Läden, die als Plattform für junges Modedesign fungieren.

Anne Gückel macht sozusagen Mode von 23-Jährigen für 23-Jährige: Kleider, Röcke, Dreiviertelhosen und Tops in klaren Farben, die sie in asymmetrischen Flächen zusammensetzt; körpernahe Schnitte, dehnbare Stoffe, die an jungen Körpern gut aussehen und an älteren oft nicht mehr so. Zehn Stücke produziert sie pro Woche, mehr geht nicht während des Studiums, und das will sie unbedingt abschließen. Die zweieinhalb Jahre wird der eigene Showroom noch warten müssen – auch, wenn´s schwer fällt.

Wie viel ein eigener Laden wert ist, haben Anne Gückels Praktikumsbetreuer Thomas Mrotzek und Ralf Hensellek erst nach und nach herausgefunden. Seit 1996 machen sie unter dem Label „Thatchers“ Kleider für Frauen mit guter Figur und Sinn für Ironie; ihres ist eins der besten Modelabels in Berlin. Obwohl ihre Mode – sexy, cool und witzig – von Anfang an gut hierher passte, konzentrierten sie sich in den ersten Jahren auf internationale Messen – eine Erfahrung, die Sarah Elbo und Andrea Hartwig noch vor sich haben. Die Thatchers sind Kosten, Aufwand und Scherereien mit Kunden, die ordern, aber nicht zahlen, mittlerweile leid. Ihre beiden Geschäfte, ein kleines in der Kastanienallee und seit letzten Herbst ein größeres in den Hackeschen Höfen, laufen gut und sind obendrein ein direkter Indikator für das, was die Kundinnen wollen. Die Rezession, klar, die macht sich bei ihnen auch bemerkbar: „Aber dann probiert man halt was Neues aus.“ Wer im Modegeschäft Erfolg haben will, muss hartnäckig und einfallsreich sein – und gerne viel arbeiten.

Hartbo + L´wig, Oderberger Straße 20 (Prenzlauer Berg);

animo bei Créme fresh, Kastanienallee 21 (Prenzlauer Berg);

Thatchers, Kastanienallee 20 (Prenzlauer Berg) und Hackesche Höfe (Mitte).

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