Suhrkamps Umzug : Mythos Buch, Mythos Berlin

Ein Verlag will vom Main an die Spree - welch ein Politikum! Welche ein Schreckensszenario für manch einen Kommentator. Wie oft muss die bundesrepublikanische Kultur noch beerdigt werden, zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer?

Rüdiger Schaper

Geboren in Frankfurt am Main, berühmt geworden und gestorben in Weimar: Goethe war seiner Lebensgestaltung nach ein idealtypischer Deutscher. Ein Weltbürger, der seine Mitte im Kleinststaatlich-Gemütlichen fand. Die damals gewiss noch nicht sehr metropolitane Preußenresidenz Berlin sah er am liebsten aus sicherer Entfernung: „Es lebt aber, wie ich an allen merke, dort ein so verwegener Menschenschlag beisammen, dass man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern dass man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muss, um sich über Wasser zu halten.“

Erstaunlich, wie Goethes Berlin-Verdikt die Jahrhunderte und alle Grausamkeiten der deutschen Geschichte überdauert hat. Ein Verlag will vom Main an die Spree – welch ein Politikum! Welche Symbolentfaltung! Welch ein linkes Schreckensszenario für einen Frankfurter Zeitungsherausgeber, der selbst in Berlin lebt und bei jedem größeren Film über die Nazizeit verkündet, die deutsche Geistesgeschichte müsse umgeschrieben werden! Als plane die Suhrkamp-Mutter Courage Ulla Unseld-Berkéwicz ein Attentat auf die Frankfurter Schule. Wie oft muss die bundesrepublikanische Kultur noch beerdigt werden, zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer?

Suhrkamp kommt nach Berlin. Das ist ein Zeichen. Ein spätes allerdings. Längst hat sich die deutschsprachige Buch- und Medienwelt auf die Hauptstadt eingestellt. Viele sind schon nach Berlin gezogen, viele aber widerstehen auch der Gravitation des neuen Zentrums. Das Goethe-Institut behält seinen Hauptsitz in München, dort scheint die Umzugsdebatte abgeschlossen. SAT1 verlässt die Hauptstadt in Richtung München, die PopKomm wechselte von Köln nach Berlin. It’s the economy, stupid. Tom Cruise und Quentin Tarantino drehen in Berlin und Babelsberg, um die Filmfördermittel mitzunehmen. Und natürlich die Aura der deutschen Metropole. Unwiderstehlich ist erst die Kombination des genius loci und des Geldes.

So sehr der Suhrkamp-Coup des Senats die Stadt schmückt, er zeigt auch, wie hart Berlin an seinem Selbstbewusstsein, seiner Ausstrahlung arbeiten muss. Sonst nähme man den Suhrkamp’schen Hauptstadtbeschluss als selbstverständlich hin. Man hat es auch schon anderes erlebt – als sich ein Frankfurter Unternehmer nach der Wende in das Abenteuer stürzte, den Berliner Aufbau Verlag zu erwerben. Die Sache ging schief.

Berlin, da hatte Goethe das richtige Gespür, ist ein unfreundliches Pflaster. Asphalt und Anarchie. Immer eine Großstadt im Werden, im Aufbau oder in der Zerstörung. Kein einfacher Ort für Schöngeister und Idealisten. Berlin-Literatur, so es sie denn gibt, verbindet sich historisch mit Namen wie Döblin und Brecht; auch er ein Suhrkamp-Autor. Goethe übrigens wird via Insel und dem Deutschen Klassiker Verlag gleichfalls den Weg nach Berlin antreten müssen.

Suhrkamps Bürde, Suhrkamps Kapital: Die sogenannte backlist dieses 1950 gegründeten Verlagshauses ist so reich bestückt, so diversifiziert und international, dass es schwer fällt, nun an das Ende einer spezifischen Suhrkamp-Kultur zu glauben. Sie hat ihr Welterklärungsmonopol schon lange eingebüßt. Adornos Abscheu vor der populären Kultur – nur noch die Schimäre elitärer Reaktion.

Zur Frankfurter Buchmesse (vielleicht noch ein Umzugskandidat?) wird alljährlich im Oktober der Buchbranche das elektronisch-digitale Totenglöckchen geläutet. Hier aber ist zu erleben, wie hoch das Buch geschätzt wird, wie viel Zukunftspotenzial doch in diesem traditionellen Kulturgut liegt, trotz Internet und E-Book. Die Produktion eines Buches lässt sich weder mit der Herstellung einer KPM-Vase noch mit dem Stopfen eines Frankfurter Würstchens vergleichen. Suhrkamp verspricht sich von dem Ortswechsel einen Schub. Da schließt sich der Kreis. Wenn der Name Suhrkamp, jenseits von Ideologie und philosophischen Moden, für Geist und Buchkultur, für Intellekt und Beweglichkeit steht, dann handelt es sich bei dem Umzug um einen notwendigen Befreiungsschlag. Auch Berlin wird seinem Ruf gerecht: Vieles geht schief, der Mythos blüht.

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