Zeitung Heute : Suizidversuch angeblich unvorhersehbar

Der Tagesspiegel

Neukölln. Der am Sonntag wegen des Verdachts auf Unterschlagung festgenommene Mitarbeiter des Sozialamts steht derzeit auf eigenen Wunsch unter ärztlicher Aufsicht. Ein Haftgrund liegt nach Polizeiangaben nicht vor, weil weder Flucht- noch Verdunkelungsgefahr besteht. Nach einem Selbsttötungsversuch hatte sich der seit Donnerstag flüchtige 46-Jährige am Sonntag in seiner Schöneberger Wohnung der Polizei gestellt. Wie Sozialstadtrat Michael Büge (CDU) mitteilte, hat der Bezirksbeamte inzwischen zugegeben, über zwei Jahre rund 25000 Euro für soziale Leistungen heimlich auf eigene Konten verbucht zu haben. Um den finanziellen Schaden auszugleichen, soll er jetzt Sicherheiten mit entsprechendem Gegenwert hinterlegt haben. Einem Richter wurde er nicht vorgeführt. Unter ärztlicher Aufsicht befindet sich der Mann nach Auskunft der Polizei wegen seiner psychischen Ausnahmesituation.

Von Flucht und Selbsttötungsversuch des Verdä chtigten wurden offenbar sowohl die Polizei als auch die Behörde völlig überrascht. Geflohen war der Mitarbeiter nachdem ihm am Donnerstag der Zutritt zu seiner Dienststelle am Weigandufer verweigert worden war. Statt dessen musste er die Schlüssel aushändigen und sollte sich bei der Personalverwaltung im rund einen Kilometer entfernten Rathaus melden. Zu diesem Vorgehen habe die am Abend zuvor alarmierte Kriminalpolizei geraten, sagt Büge. Im Rathaus kam der Beschuldigte nicht an, er floh stattdessen nach Niedersachsen.

So labil oder verstört, dass mit einem Selbsttötungsversuch gerechnet werden musste, hat er laut Büge am Donnerstag keineswegs gewirkt. 30 Jahre hat der verheiratete Beamte bis dahin im Bezirksamt gearbeitet und galt als sehr zuverlässig.

Nach Auskunft der Amtsleiterin der Außenstelle am Weigandufer, war am Donnerstag zwar offenkundig, dass er wusste, dass seine Unterschlagungen entdeckt worden waren. Dennoch habe niemand daran gezweifelt, dass er sich direkt ins Rathaus begeben würde. Auch aus Sicht der Polizei hat bestand zunächst kein Anlass, von einer Flucht auszugehen und den Mann gleich beim Dienstantritt am Weigandufer in Gewahrsam zu nehmen. Dieses Vorgehen sei zwar Ermessenssache aber in diesem Falle juristisch korrekt. ot

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