Zeitung Heute : Sunday Bloody

Sie hatten sich fein gemacht und wollten für ihre Rechte demonstrieren. Dann kamen britische Fallschirmjäger in Derrys katholisches Viertel. Am 30. Januar 1972 wurde aus dem Konflikt in Nordirland ein Bürgerkrieg.

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Von Constanze von Bullion Diese Geschichte handelt von einer Schlacht, in der es keine Sieger gibt. Sie wird geschlagen vom Museumsdirektor John Kelly, der seinen Bruder verloren hat. Vom Soldaten „027“, der mit seinem Gewissen kämpft. Und von Caroline O’Donnell, die raus will aus dem Gefängnis im Kopf, ein halbes Leben nach dem Bloody Sunday.

Der 30. Januar 1972 ist ein sonniger Tag, es ist kalt und auf den Hügeln um die nordirische Stadt Derry liegen noch ein paar Flecken Schnee. Es ist der Tag, an dem ein Krieg ausbricht, der über 30 Jahre dauern wird.

John Kelly ist gut gelaunt an diesem Morgen, er ist 23 Jahre alt, hat einen Job in einer Fabrik und heute frei, denn es ist Sonntag. Kelly ist der Sohn eines arbeitslosen, katholischen Arbeiters, er hat elf Geschwister und ist in einem dieser überfüllten Mietshäuser aufgewachsen, die überall herumstehen im Arbeiterviertel Bogside.

John Kelly will zum march, dem Marsch der Bürgerrechtsbewegung, die für Jobs, neue Häuser und gegen die Internierungspolitik der Regierung demonstriert. Mehr als 340 Menschen sitzen in Nordirland ohne Prozess im Gefängnis, fast alles Katholiken, viele aus Derry, es ist von Folterungen die Rede, das regt die Leute auf.

Auch Johns kleiner Bruder Michael will zur Demo, es ist die erste seines Lebens. Michael Kelly ist 17 Jahre alt, er spielt gut Fußball, trägt lange Haare und geht in der Woche aufs Polytechnikum in Belfast. Politik interessiert ihn nicht so, aber weil alle aufbrechen, zieht er einen flotten Anzug an.

Als sie ihn heimbringen, ist er tot.

Genau 35 Jahre ist es her, dass das 1. Fallschirmjägerregiment der British Army im nordirischen Derry, das offiziell Londonderry heißt, ein Blutbad angerichtet hat. 13 Demonstranten wurden erschossen, 14 zum Teil schwer verletzt, einer von ihnen starb wenig später. Keines der Opfer war bewaffnet, so viel scheint heute festzustehen, doch damals erklärten die Soldaten, sie seien mit Munition und Nagelbomben beschossen worden. Eine eilige Untersuchung des höchsten Richters Großbritanniens gab ihnen 1972 Recht. Kein Soldat wurde je bestraft, man vertuschte die Sache, was vielleicht nicht sonderlich klug war.

Der Blutsonntag von Derry wurde berühmt als Wendepunkt in der Geschichte Nordirlands. Die Verbitterung über die Willkür des Staates trieb Scharen junger Katholiken zur IRA, der Irisch-Republikanischen Armee, die längst mit Gewalt für die Loslösung von der britischen Krone kämpfte. Der Bloody Sunday wurde zum Mythos, aber er steht inzwischen auch für eine Versöhnung.

Drei ehemalige Garagen in der Bogside von Derry, eine rot verputzte Fassade, zwei Einschusslöcher. Das „Museum of Free Derry“ ist geschlossen, es wird renoviert, und drinnen steht John Kelly zwischen Farbeimern und losen Kabeln. Kelly ist 58 Jahre alt, er hat am Bloody Sunday seinen kleinen Bruder Michael verloren und seither eine Mission: Der Welt zu erklären, was in der Bogside passiert ist. „Für mich ist das wie gestern, das geht nie weg“, sagt der Museumsdirektor und stiefelt raus, durch bescheidene Wohnblocks und vorbei an riesigen Wandbildern vom Krieg, vor denen ein paar Touristen frieren.

Derry, das ist heute eine aufblühende Stadt, jedenfalls im Zentrum, wo es neue Ladenzeilen gibt und eine malerische Festungsmauer, von der aus man sieht, wie der Fluss Foyle die Stadt in zwei unversöhnliche Lager zerschneidet. Auf der Ostseite leben bis heute die Protestanten, die seit Jahrhunderten fest zur britischen Krone halten, die zur Zeit des Bloody Sunday Häuser und Fabriken besitzen und gehalten sind, keine Katholiken zu beschäftigen. Sie sind eine Minderheit, aber im Stadtrat haben sie das Sagen, denn es gilt: „One house, one vote“ – pro Haus eine Stimme.

Auf der Westseite des Flusses, in der Bogside, die nach dem bog , dem Sumpf, benannt ist, wohnen die Katholiken, die meistens weder Arbeit noch Besitz haben, dafür aber umso mehr Kinder. Viele Wohnungen sind feucht und ohne Toilette, die Säuglingssterblichkeit ist enorm, und als sich 1968 in Westeuropa Studenten zum Protest sammeln, protestieren in Derry katholische Familienväter und Arbeitertöchter gegen ihren Status als Underdogs. Die IRA steht eher abseits, sie ist ein zersplitterter, altmodisch bewaffneter Haufen.

„Harte Zeiten, aber gute Zeiten“, sagt Museumsmann John Kelly, wenn man ihn fragt, wie es bei ihnen zu Hause so zuging. Die schäbigen Häuschen und Betonriegel von damals sind ja inzwischen abgerissen, und auch Kelly ist ein anderer geworden. Die Haare sind weiß, und um die Augen haben sich Lachfalten eingegraben. Er ist jetzt in der Lage, die Sache ruhig zu erzählen, manchmal lustig und ohne Spur von Pathos.

„Alles war schwarz hier und verbrannt“, sagt er und taucht ab in die Ruinenlandschaft seiner Kindheit. Ein Drittel von Derry ist damals zerstört, 1969 hat es tagelange Straßenschlachten gegeben. Nach Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken verschanzen sich die Bewohner der Bogside in ihrem Viertel und schlagen die Polizei mit Steinen und Molotowcocktails in die Flucht. Hunderte von Beamten werden verletzt, da schickt London Militär.

Am 30. Januar 1972 sind 3000 britische Soldaten in der Stadt. Sie haben Barrikaden aus Stacheldraht errichtet, stehen mit den Gewehren im Anschlag an jeder Ecke und in den Trümmern einer ausgebrannten Fabrik. Der Marsch der Bürgerrechtler ist verboten.

Es sind dann geschätzte 15 000, die sich am frühen Nachmittag auf einem Feld versammeln. Viele Männer tragen Schlips und Anzug, Frauen kommen mit Kindern, die Brüder Kelly mit ihren Freunden. Die Stimmung ist fast euphorisch, viele haken sich unter und singen. „Es war ein guter, lustiger Marsch und die IRA hatte zugesichert, sich rauszuhalten“, sagt John Kelly.

An einer Straßenecke gerät der Zug ins Stocken, und die Wege der Brüder Kelly trennen sich für immer. John, der Ältere, biegt rechts ab und folgt dem Lautsprecherwagen. Michael läuft geradeaus weiter, zur Absperrung der Armee, wo Jugendliche einen Regen von Pflastersteinen und Flaschen auf die Soldaten niedergehen lassen. Die schießen Wasser und Tränengas zurück. „Ein bisschen Ärger eben, das Übliche“, sagt John Kelly und dreht sich eine Zigarette.

Der Soldat mit dem Kürzel „027“ ist 20 Jahre alt und erst drei Monate vorher aus England nach Nordirland geschickt worden. Er ist Funker im 1. Fallschirmjägerregiment der British Army, einer Eliteeinheit, die er im Rückblick „die Rottweiler“ nennen wird. Es sind Kämpfer, die trainiert sind, zuzupacken und Hindernisse, notfalls auch menschliche, zügig aus dem Weg zu räumen.

Soldat „027“ gehört zu dem Grünschnäbeln der Einheit, er ist geschockt von der Gewalt in Belfast, hat Angst vor den Heckenschützen der IRA, und von der Stadt, die er Londonderry nennt, kennt er eigentlich nur Gerüchte: dass die Katholiken in der Bogside keine Miete zahlen, ihr Essen stehlen und dass das Viertel eine IRA-Festung ist, „mit Wachtürmen, Maschinengewehren, Stacheldraht und Landminen, die eine Annäherung verhindern“.

Funker „027“ hat diese Sätze in privaten Memoiren niedergeschrieben. Es ist ein ursprünglich vertraulicher, intelligent geschriebener Bericht, aus dem das Gewissen eines Mannes spricht, der einen mörderischen Einsatz hinter sich hat. Seine Erinnerungen lagern heute mit Tonnen von Papier bei der Bloody-Sunday-Kommission in London.

Um den Weg für einen Frieden in Nordirland freizumachen, hat der britische Premier Tony Blair 1998 eine neue Untersuchung des Bloody Sunday angeordnet, die bis heute noch nicht abgeschlossen ist. „027“, der wie alle Militärs vor dem Tribunal im Schutz der Anonymität ausgesagt hat, ist der einzige Soldat, der ausgepackt hat. Nicht ohne Widerspüche, aber so detailliert, dass viele ihm geglaubt haben. Er lebt seither unter Polizeischutz an einem geheimen Ort.

Wenn stimmt, was „027“ notiert, dann spielen sich vor dem Einsatz der Fallschirmjäger gespenstische Szenen ab. „Lasst uns den Arschlöchern eine Lektion erteilen, wir wollen morgen ein paar Tote“, soll ein Vorgesetzter gesagt haben. Am nächsten Tag stehen sie dann auf einem Kirchhof, die Gesichter geschwärzt, auf dem Kopf Stahlhelme.

Die Soldaten haben wenig geschlafen, sind ungeduldig und gereizt, hinter einer Mauer hören sie das Tosen. „Wir drehen durch, wenn wir so eine Chance verpassen“, schießt es dem Funker durch den Kopf. Als der Marschbefehl kommt, fragt keiner, woher. „027“ stülpt die Gasmaske über, springt in einen dieser Transporter, aus dem er die Welt wie durch eine Schießscharte sieht.

Gegen 16 Uhr fallen die ersten Schüsse auf Demonstranten, „027“ springt in der Rossville Street aus dem Wagen. Er sieht, wie sich neben ihm Lance Corporal „F“ hinter eine Mauer wirft, anlegt und in die Menge schießt, aus etwa 200 Meter Entfernung. Soldat „G“ springt ihm bei, überall pfeifen jetzt Kugeln. Funker „027“ sieht zwei Gestalten zusammensacken. Eine von ihnen heißt Michael Kelly.

Auch er selbst legt jetzt an, aber er findet kein Ziel. Im Fadenkreuz sieht er viele Jugendliche, aber niemanden mit einer Waffe. Die Menschen rennen schreiend auseinander, ducken sich hinter Autos oder versuchen wegzukriechen. „027“ ist ratlos, kommt sich blöd vor. „Was haben Ihre Kollegen da eigentlich gemacht?“, wird man ihn 2001 in London fragen. Da wird er antworten, er habe das nicht zu bewerten.

Auf der Rossville Street und auf einem Parkplatz sterben in etwa 20 Minuten 13 Menschen, die meisten sind noch minderjährig. John Duddy ist 17, und Zeugen sehen ihn wegrennen, als ihn eine Kugel trifft. Soldat „F“ wird später zugeben, ihn getötet zu haben, Duddy habe eine Pistole getragen. Schmauchspuren an dessen Händen findet man nicht. Kevin McElhinney, 17, wird mit einer Art Jagdschuss erlegt, durchs Hinterteil ins Herz, als er vom Schlachtfeld kriecht. Bernard McGuigan, 41, kommt aus der Deckung, schwenkt ein Taschentuch, will helfen, da trifft ihn eine Kugel in den Hinterkopf.

Ein Waffenstillstand wird ausgerufen, erinnert sich der Funker „027“, aber vier Soldaten und er selbst setzen den Demonstranten nach, auf einen kleinen Platz zwischen Wohnhäusern. Etwa 40 Menschen kommen nicht mehr weg, reißen schreiend die Hände hoch. Soldat „H“ schießt jetzt angeblich aus der Hüfte, verletzt James Wray, 22, der liegt schon am Boden, da drückt „H“ nochmal ab, das jedenfalls hat „027“ notiert.

2003, beim Tribunal in London, fragt man „H“, ob die Aktion eine Hinrichtung war. Der Soldat weist das von sich, und nennt „027“ einen Spinner. Er habe auf jenem Platz 19 Schuss auf einen Schützen hinter einem beschlagenen Fenster abgegeben. Als er gefragt wird, wieso dort kein einziges Fenster zu Bruch ging, erklärt „H“, vielleicht habe er sich in den Örtlichkeiten geirrt.

Das „Playhouse“ von Derry liegt in einer Gasse an der alten Stadtmauer, es ist ein Künstlertreff und auf abgeschabten Theatersesseln sitzt eine muntere Gesellschaft. Ältere Damen schwatzen bei ein paar Bechern Wein, Männer mit abgearbeiteten Händen kommen, manchen fehlen längst die Haare oder ein Zahn. Es sind eben nicht die Privilegierten, die sich hier treffen, aber es darf gelacht werden, gern auch lauter.

Es sind Verwandte der Opfer vom Bloody Sunday, die hier sitzen, nicht, um zu jammern, sondern um so eine Art privaten Friedensprozess voranzubringen. Ihre Geschichte kommt in Derry auf die Bühne, und heute erzählen sie jungen Schauspielern, wie es war nach der Schlacht, als der Krieg losging.

„In meiner Erinnerung hat niemand mehr geredet, da war kein Vogel, kein Auto, das war wie in einem Schwarz-WeißFilm, der zu langsam abgespielt wird“, sagt Caroline O’Donnell. Sie ist 49 Jahre, arbeitet bei der Stadtverwaltung und hat so einen Humor, der wohl aus der Zeit stammt, als die Kinder von Derry sich im Klassenzimmer öfter mal flach hinwerfen mussten, weil eine Kugel vorbei pfiff. Die alte Festungsmauer rund um den Stadtkern ist damals zu einer Gefängnismauer geworden, mit Armeeposten an jedem Tor, massiver IRA-Präsenz und einem Leben in fest gefügten Feindbildern.

Nach dem Blutsonntag geht es mit der IRA steil bergauf, die Untergrundorganisation versteht es, die Empörung zu nutzen. Tausende treten jetzt ein, schließlich scheint bewiesen, dass der britische Rechtsstaat sowieso nichts für irische Katholiken übrig hat.

Caroline O’Donnell ist 13 Jahre alt, als ihr Vater im Krankenhaus verschwindet. Man erklärt ihr nicht, dass er beim Bloody Sunday angeschossen und mit einem Gewehrkolben auf den Kopf geschlagen worden ist. Es sagt ihr auch keiner, warum Soldaten nachts ins Haus stürmen und Waffen suchen. Ihr Vater hat eine kleine Firma, sechs Kinder und Angst, für einen Terroristen gehalten zu werden. Also schweigt er. Beharrlich. Bis man ihn nicht mehr lässt.

921 Zeugen hat die Bloody-Sunday-Kommission unter Lordrichter Mark Saville vorgeladen und bis 2004 über 150 Millionen Pfund ausgegeben. Ein Abschlussbericht liegt bis heute nicht vor, und viele Fragen sind offen. Etwa die, ob die von den Soldaten behaupteten Schüsse womöglich von einer anderen Militäreinheit kamen. Und ob ihre brutale Operation womöglich kein spontaner Amoklauf war, sondern von ganz oben angeordnet, vom britischen Premierminister Edward Heath. Hinweise gibt es, Beweise nicht.

Vielleicht kommt es darauf gar nicht mehr an, sagt Caroline O’Donnell, die mit ihrem Vater zum Tribunal gefahren ist. Da standen sie verschreckt in der imperialen Central Hall von Westminster, vor Lordrichtern, die so komisch redeten, und vor Sicherheitsleuten, die sie wie Terroristen behandelten. „Scumbags – Drecksäcke“, nennt sie die Wachmänner und lacht. „Später sind wir dann richtige Freunde geworden.“ Sie ist noch oft zu dieser Wahrheitskommission gereist, die eine eigenartig heilsame Wirkung entfaltet hat. Caroline O’Donnell weiß jetzt, dass sie lange eingesperrt war. Und dass sie raus will, „wir haben alle genug.“

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