Zeitung Heute : Supercomputing für Weltmeister

Sieg oder Niederlage: Die Informationstechnik entscheidet mit, wer in der Formel 1 die Ziellinie zuerst erreicht

Kurt Sagatz

McLaren-Mercedes-Pilot Kimi Raikkönen war in der Formel1-Saison 2005 der einzige Fahrer, der Fernando Alonso in seinem Renault gefährlich wurde. Aber auch er lag nach dem letzten Rennen 21 Punkte hinter dem Weltmeister, der es auf 133 Punkte gebracht hatte. Auf dem dritten Platz landete Ex-Weltmeister Michael Schumacher auf Ferrari weit abgeschlagen mit 62 Punkten. Dennoch war das McLaren-Mercedes-Team nicht unzufrieden mit der Platzierung. Wenn die neue Saison in der Königsklasse des Automobilsports am 12. März mit dem Grand Prix in Bahrain erneut beginnt, wird Motorsportchef Norbert Haug alles daran setzen, seine Fahrer ganz nach vorne zu bringen.

Angetrieben wird der neue McLaren-Mercedes MP4-21 von einem 2,4-Liter-Motor. Doch entscheiden über Sieg und Niederlage werden nicht nur die über 700 Pferdestärken des Hochleistungsmotors, sondern eine Vielzahl von High-End-Computern. „Die Informationstechnik ist überall vorhanden. Alle unsere Tätigkeiten, ob zur Forschung und Entwicklung, zur Herstellung der Rennwagen und zur Analyse werden von der IT gestützt“, sagte McLaren-Technikchef Andy Knight in einem Interview mit dem renommierten Technikdienst Ziff Davis und ergänzte: „Dafür braucht man Supercomputing.“

Supercomputing ist mehr als die Umschreibung möglichst schneller Hardware mit möglichst effektiven Programmen. Zur Konstruktion setzt McLaren ein Rechnerregal-System mit 100 Ultra-Sparc-Einschüben von Sun ein. Zuletzt hat sich das Rennteam einen Itanium-2-basierten SGI-Altix-Supercomputer angeschafft, hat Knight den Technikspezialisten von ZD anvertraut. Damit können nun noch größere Datenmengen verarbeitet werden, unter anderem aus den Windkanalmessungen. Mit diesen Strömungsdaten kann das britische Rennteam am Computer errechnen, mit welchen Fahrzeug-Setup bestimmte Ereignisse oder Wetterbedingungen am besten gemeistert werden können. Auf der Teststrecke fehlt dafür die Zeit. „Die eine Hälfte der Zeit auf der Strecke verwenden wir für das Testen der Reifen, die andere für das Setup. Die Zeit auf der Strecke ist sehr kostbar, wir verlassen uns zunehmend auf die Simulation“, sagte Knight.

Wird erst die Startflagge geschwenkt, heißt es reagieren statt simulieren. „Um sich auf das Wetter, die Konkurrenz oder andere, nicht vorhersehbare Bedingungen einzustellen, nutzen wir eine Strategie-Software“, erklärt Markus Schwarze vom IT-Department von Toyota Motorsport in Köln. Wie das genau funktioniert, vertraute er dem Fachmagazin ECMguide an: „Die Kollegen an der Strecke geben die Parameter in das Strategie-System ein. Die Software rechnet dann aus, mit welcher der möglichen Varianten die Wagen ins Rennen geschickt werden.“

Auf Handbücher oder andere papiergebundene Informationsträger wird bei Toyota komplett verzichtet. „Wir haben an der Strecke alle notwendigen IT-Systeme dabei, abhängig ob Tests oder Rennen stattfinden sind es mehrere Server und Hochleistungs-PCs“, sagte Schwarze dem Tagesspiegel. Dazu gehören sowohl die Konstruktionsdaten als auch die so genannten PLM-Daten. Mit dem Product Lifecycle Management wird der komplette Datenbestand von der Entwicklung über die Produktion und die Lagerhaltung bis hin zum Vertrieb oder zur Wartung zusammengefasst. Selbst kurz vor dem Rennen ist es so möglich, die relevanten Daten zu aktualisieren. Per breitbandiger Satellitenverbindung mit mehreren Gigabit steht das Rennteam in Kontakt zur Zentrale in Köln, um jederzeit alle nötigen Informationen zur Verfügung zu haben.

Der IT-Einsatz dient aber auch dazu, die Kosten für das Formel-1-Engagement nicht ausufern zu lassen. Je besser die Simulationssysteme, desto weniger muss für Testfahrten oder Windkanalmessungen ausgegeben werden. Allerdings erfordert das Verbesserungen, was auch in neuer Hardware endet. „Damit das Rennergebnis nicht von Computerstörungen beeinträchtigt wird, verbessern wir, jedoch angemessen die Hardware insofern an der Strecke permanent. Auch in der Entwicklung ist aktuelle Technik wichtig. Auch hier geht es nicht allein um immer schnellere Computer, die Zuverlässigkeit ist ebenso wichtig“, sagt Schwarze. „Am Ende geben wir aber für die IT nicht mehr aus als jedes andere vergleichbare Wirtschaftsunternehmen, da Augenmaß und Nachhaltigkeit berücksichtigt wird.“

Wie weit die Computerisierung der Formel 1 inzwischen geht, zeigt Toyota bei der Fahrzeug-Fertigung. Die komplizierten Getriebebauteile werden bereits seit einiger Zeit von computergesteuerten Maschinen, so genannten CNC-Fräsen (Computerized Numerical Control), hergestellt. Inzwischen werden aber auch alle anderen Metallteile auf diese Weise gefertigt und sogar die aus verschiedenen Werkstoffen zusammengesetzten Außenhüllen werden – mit einem kleinen Umweg – vom Computer geschaffen.

Die Formel 1 spielt eine gewichtige Rolle für das Ansehen der beteiligten Automobilfirmen. Ebenso wichtig ist es für die Unternehmen, die Erfahrungen aus dem Rennsport in die Serienproduktion fließen zu lassen. Bei BMW profitiert die Serienentwicklung in vielerlei Hinsicht von den Formel1-Projekten, sagt Mario Theissen, Motorsportdirektor von BMW. So wird nach seinen Angaben die Hard- und Software für die Formel-1-Motorsteuerung komplett BMW-intern entwickelt. Einige der Steuerelemente, die in der Rennserie ihre Feuertaufe bestanden hatten, befinden sich jetzt in der 5er- und 7er-Baureihe des bayerischen Automobilbauers, so Theissen.

Die Computertechnik hat den Rennsport revolutioniert. Von der Entwicklung über die Konstruktion bis hin zu Testfahrten und Trainingsläufen spielt die IT eine wichtige, wenn nicht sogar die maßgebliche Rolle. Im Rennen selbst fließt ein konstanter Strom von Daten und Informationen zwischen Fahrzeug und Team, doch sobald sich die Startflagge gesenkt hat, übernimmt der Fahrer nach wie vor die wichtigste Rolle. Trotz aller Telemetriedaten kann auf seine Rückmeldung nicht verzichtet werden, sagt Mario Theissen. Nur wenn sich Fahrer wie die BMW-Piloten Nick Heidfeld und Jacques Villeneuve in ihren Rennwagen wohl fühlen, sind sie in der Lage, schnell zu fahren – und zu gewinnen.

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