Zeitung Heute : Surfen, damit der Arzt kommt

Urban Media GmbH

DAS BESTE AUS DEM WORLD WIDE WEB

Von Angela Misslbeck

Für fast jede Krankheit gibt es inzwischen mindestens eine Internet-Adresse, doch die Suche nach verlässlichen medizinischen Informationen im Netz ist genauso schwierig wie die Suche nach dem richtigen Arzt. Die könnte allerdings in naher Zukunft schon ganz einfach sein: Rechner an, Arzt-Such-Service angeklickt, Ort, Fachrichtung, Krankheit eingegeben, und schon erscheint eine Liste mit Ärzten in der Nä he, die beste Referenzen aufweisen. Das mühsame Suchen in den Gelben Seiten hat ein Ende.

Statt auf den Rat eines Freundes kann sich der Kranke auf die Einschätzung vieler Patienten verlassen. Aus dem Netz erfährt er alles ü ber Lage, Ausstattung, Erreichbarkeit, Sprech- und Wartezeiten der Praxis. Er kann sich ein Bild machen von der Atmosphäre, der Freundlichkeit des Personals und den sozialen und fachlichen Kompetenzen des Arztes. So oder ähnlich muss Thomas Kopka sich das vorgestellt haben, als er im September letzten Jahres seinen Service CheckTheDoc ins Netz stellte. Obwohl Kopka einen Doktortitel trägt, ist er kein Mediziner, sondern Naturwissenschaftler und nähert sich dem Thema Arztsuche „von der Patientenseite her". Sein Ziel: Patienten sollen Zugang zu den Erfahrungen anderer im Umgang mit ihren Ärzten bekommen. Gut 100000 der geschätzten 300000 Ärzte in Deutschland sind in der Datenbank verzeichnet, aber „die Bewertungen fehlen noch“, so Kopka. Derzeit sind „weit über 100, aber noch keine 1000 Bewertungen“ abrufbar. Zum Jahresbeginn 2002 hat der Naturwissenschaftler die Patientenbewertung überarbeitet: von bisher vier Fragen und einem freien Kommentar ist die Arzt-Beurteilung nun auf 25 Fragen ohne Kommentar ausgeweitet worden. „Die subjektive Bewertung soll objektiv nachvollziehbar sein“, erläutert Kopka diesen Schritt. Dazu gehört ein möglichst detailliertes und sachliches Urteil. Folglich löscht Kopka unsachliche Aussagen und schützt damit nicht nur den Arzt, sondern vor allem die Patienten, die für den Inhalt der Bewertung verantwortlich sind. Denn die Arztbewertung ist nicht anonym. Wer urteilt, muss seine E-Mail-Adresse angeben. Trotzdem war die Resonanz von Anfang an groß und weitgehend positiv, wie Kopka sagt: „Patienten und Ärzte machen uns viel Mut. Die einzigen, die dagegen argumentieren, sind die Ä rztefunktionäre." Manipulierbarkeit der Bewertungen musste er sich vorwerfen lassen. Die Ärzte können ihre Kollegen schlecht machen oder sich selbst loben, hieß es. In den Anfangszeiten des Dienstes vermuteten die Funktionäre gar einen Verstoß gegen das ärztliche Werbeverbot. Doch Kopkas Informationsdienst ist nicht kommerziell, die Patientenbewertungen sind keine Werbung, und somit rechtlich zulässig.

Inzwischen schätzt auch die Kassenä rztliche Bundesvereinigung (KBV) den Nutzen größer als den Nachteil. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Leonhard Hansen findet die Arztbewertung durch Patienten „sehr reizvoll, wenngleich hoch subjektiv.“ Er fährt fort: „Für einzelne Ärzte kann das Ansporn sein, um die Servicequalität zu verbessern.“ Die KBV pflegt im Rahmen des Deutschen Ärztenetzes einen eigenen Internet-Auftritt mit Arzt-Suche. Hansen beansprucht dafür, ein „ exklusives Komplettverzeichnis, ohne Selektion.“ Doch die Vollständigkeit stößt schnell an ihre Grenzen, denn die Arzt-Suche läuft über die Kassenärztlichen Vereinigungen der Länder, und nicht alle bieten den Service im Internet an. So sucht man ausgerechnet in Berlin vergeblich. Der Sprecher der ebenfalls am Deutschen Ärztenetz beteiligten Bundesärztekammer (BÄK) räumt zudem ein: „Allerdings entspricht das Angebot häufig nicht den Erwartungen der Nutzer.“ Die wollen nicht nur Spezialisierungen der Ärzte wissen, sondern auch Qualitätsmerkmale, wie beispielsweise die Erfahrungen eines Arztes mit bestimmten Operationen. „Da müssen aber die Berufsordnungen der Ärzte beachtet werden“, betont der BÄK-Sprecher. Berufsrechtlich erscheint ihm auch das konkurrierende Angebot der Stiftung Gesundheit „aus Sicht der Ärzteschaft problematisch". Die Stiftung Gesundheit unterhält mit der Arzt-Auskunft das am weitesten verbreitete Angebot. Rund 160000 Ärzte und Kliniken in Deutschland lassen sich über die Arzt-Auskunft finden. Selbst die speziellsten Therapieschwerpunkte, wie beispielsweise Alpinmedizin, bleiben nicht außen vor. 15 Mitarbeiter pflegen die Datenbank und kümmern sich um die 500 bis 1500 änderungsbedürftigen Daten pro Monat.

„Der Wunsch nach Beratung ist sehr groß, und die Suche nach dem guten Arzt das Hauptanliegen“, sagt Stiftungssprecher Petger Müller. „Aber die Vorstellungen, was ein guter Arzt ist, sind sehr unterschiedlich.“ Die Stiftung Gesundheit hat deshalb in Zusammenarbeit mit der Universität Kiel einen Patientenzufriedenheits.index entwickelt, der die Zuordnung erleichtern soll. Noch stehen die Patientenurteile nicht der Öffentlichkeit zur Verfügung, denn dazu bedarf es einer soliden Datenbasis.

„Die Arztsuche über das Internet ist nicht immer unproblematisch, aber sie hat Zukunft, weil Nutzer zunehmend nach Qualitätskriterien suchen“, sagt Gunther Eysenbach, Leiter der Arbeitsgruppe Cybermedizin des Uniklinikums Heidelberg. Um Qualitätsmerkmale in die Datenbanken einzubinden „muss der Gesetzgeber tätig werden und verlangen, dass bestimmte Daten, beispielsweise über Weiterbildungen, offen gelegt werden“, so Eysenbach. der sich sicher ist: „Ein solches Arztsuchsystem kö nnte helfen, den Patienten mit dem richtigen Arzt zusammen zu bringen."

Mehr zum Thema unter:

www.checkthedoc.de

www.arzt-auskunft.de

www.arzt.de

Viele Internet-Seiten sind seit dem Niedergang der New Economy sang- und klanglos verschwunden. Auf viele andere Seiten wollen die rund 30 Millionen deutschen Internet-Nutzer jedoch keineswegs verzichten. In loser Folge beschreiben wir in unserer Serie ausgewählte erfolgreiche Angebote. Bislang erschienen: Ebay.de (30. Januar), Stadtplandienst.de (13. Februar). Tsp

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!