Surfende Kids : Geheimnis Kinderzimmer

So nah, so fern: Eltern wissen heute nicht mehr, was ihre Kinder am PC tun.

Joachim Huber

Beim ersten Mal staunt der Erziehungsberechtigte, beim zweiten Mal kommt es ihm verdächtig vor, beim dritten Mal weiß er Bescheid. Wenn die strenge Ansage „Du gehst jetzt auf dein Zimmer!“ ohne Widerrede und beinahe strahlend akzeptiert wird, dann müssen Vater oder Mutter etwas falsch gemacht haben. Haben sie gar nicht, sie haben im ersten Moment bloß nicht begriffen, dass Sohn oder Tochter im Zimmer keine langweilige Einzelhaft erwartet, sondern eine Erlebniswelt mit Glückseligkeitsfaktor.

Wie auch anders. Jahr für Jahr investieren Kinder, Eltern, Verwandte, Freunde der Familie in die Ausstattung der Kinderzimmer. Das Geld dafür ist vorhanden. Nach der jüngsten „KidsVerbraucherAnalyse 2008“ (KidsVA) verfügen die Sechs- bis Neunjährigen derzeit über ein monatliches Taschengeld von 14,10 Euro, bei den Zehn- bis 13-Jährigen sind es im Schnitt 32,50 Euro. Der Markt für traditionelles Spielzeug – Plüschtiere, Puppen, Bilderbücher, Modellautos und -bahnen – liegt in Deutschland bei jährlich 2,3 Milliarden Euro, pro Kind werden in Deutschland dafür rund 150 Euro ausgegeben. Diese Zahl ist stabil, hohe Zuwachsraten gibt es dafür bei der „Elektronisierung“ der Kinderwelt.

Mit fünf Jahren ein Handy, mit sechs eine Videospielkonsole, mit acht werden die ersten Computerspiele erworben, von da ist der Schritt ins Internet nicht mehr weit. Die elektronischen Medien prägen zunehmend den Alltag der Kinder. Über 70 Prozent der Sechs- bis 13-Jährigen sitzen laut „KidsVA“ in ihrer Freizeit zumindest ab und zu vor dem Computer, 54 Prozent der Jungen und Mädchen sind online.

Während Eltern und Großeltern in der rückwärtigen Vergoldung ihrer eigenen Kindheit mehr auf traditionelles Spielzeug (Lego! Märklin! Playmobil! Barbie!) setzen, haben sich die Kinder und Enkel längst zu Bits und Bytes aufgemacht. Mag sein, dass die Märklinbahn fasziniert, aber die PC-Simulation ist mindestens so geil, wenn nicht geiler, das immer wieder neue Arrangement von Püppis Kleidern hat harte Konkurrenz in der virtuellen „Sims“-Welt bekommen. Draußen vor der Haustür mögen ja Abenteuer locken (reden Eltern da nicht dauernd von Gefahren und Verboten?), im eigenen Zimmer sind die Kinder als Kreateure ihres eigenen Abenteuerlandes herausgefordert.

Es ist faszinierend, wie traumhaft sicher Kinder neue elektronische Geräte in Besitz nehmen. Keinerlei Angst vor technischen Hürden. Je älter die Kinder, desto mehr wächst der Abstand zu den Eltern, wächst das Geheimnis „Kinderzimmer“. Spätestens mit dem eigenen PC, mit selbst vergebenen Passwörtern sind die Eltern ausgeschlossen vom Tun und Lassen der Söhne und Töchter. In den PC- und Videospielen bist du dein eigener Held, du steuerst den Wettbewerb nach eigenen Gesetzen, keiner nervt, es muss nicht geteilt werden. Im Kinderzimmer wird das Unwägbare der Außenwelt beherrschbar.

Ist der PC online und damit die Nabelschnur in die Welt da draußen gelegt, sieht das Kinderzimmer nach Paradies aus. Ein Hort des Ichs. Natürlich werden Infos für Schule und Freizeit abgefragt, speziell Videoportale und Communitys aber erlauben die Befriedigung aller Medienbedürfnisse – der Bedürfnisse nach Kommunikation, Unterhaltung, Information, und das stark individualisiert.

Drohen deshalb riesige Gefahren? In Deutschland, dem Land der Risikovermeider, immer. Der PC hat dank immer stärker steigender Nutzung das Fernsehen abgelöst – als Kinderverderber Nummer 1. Die Eltern sind verunsichert. Das Fernsehen vestehen sie ja noch, in Virtualien sind sie Fremde. Es hat eine Umkehrung stattgefunden. Die Eisenbahn hat Papa noch erklärt, bei der Puppe konnte Mama die Augendeckel allemal besser klappern lassen. Beim PC müssen Eltern die Fähigkeiten und Fertigkeiten ihrer Kinder lernen. Das ist schwierig, aufwendig, und keiner will es so richtig. Das führt immer zu Stress und Ärger. Es muss jedoch sein: Nie waren die Kinder den Eltern ferner, als wenn sie im eigenen Zimmer in den PC eintauchen und in der eigenen Welt wieder auftauchen.

Manche Mutter, mancher Vater soll in einem Akt der Verzweiflung an den Stromkasten geschlichen sein und die Versorgung im Kinderzimmer gestoppt haben. Wer es getan hat, weiß, dass diese Aktion, so befriedigend sie im Augenblick sein mag, eine Niederlage ist. Also? Rein ins Kinderzimmer!

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