Zeitung Heute : Surfers kleine Helfer

GUNTER BECKER

Wenn im Web gestritten wird, dann gleich mit schwerem Geschütz."Das von der Siemens AG herausgegebene Produkt WebWasher stört in geradezu ignoranter Art den Frieden von Angebot und Nachfrage", beklagte Anfang Februar der Onlinedienst Germany.net."Siemens legt Internet lahm" titelte das E-Mag GO-Public.Software des Anstosses war und ist das Werbefilter-Programm WebWasher, das Deutschlands größter Elektronikkonzern bereits Ende des vergangenen Jahres auf den Markt gebracht hat.Selbst nach dreimonatiger Online-Präsenz des Produkts wollen sich die Gemüter nicht beruhigen.

Tatsächlich ist der Werbeblocker keine wirklich neue Idee.Ähnliche Tools gibt es am Markt bereits seit längerem.Doch die fanden die Siemens-Programmierer ungenügend."Nach einem Feldversuch im Intranet mit einem Prototyp des WebWashers war klar, daß im Internet ein enormer Bedarf an intelligenten Filterfunktionalitäten besteht und die Produkte, die eine ähnliche Funktionalität versprechen, mehr als unzulänglich sind", urteilt Horst Joepen aus der Siemens-Abteilung Business Development über konkurrierende Programme.

So können sich seit Dezember private User den WebWasher kostenlos von der Siemens-Site herunterladen ( www.siemens.de/servers/wwash/wwash_de.htm ).Kommerzielle Nutzer zahlen 49 Mark für die Lizenz.Mit 650 KB ist das Programm handlich, beansprucht entpackt auf der Festplatte gerade mal ein MB und funktioniert inzwischen reibungslos.Der WebWasher blendet alles aus, was viele Surfer nervt, aber kleinen und großen Website-Betreibern lieb und teuer ist: Werbung in allen möglichen Formen und Formaten.Banner, Buttons, aufklappbare Popup-Fenster, animierte Bilder und Javascripts bleiben in den verschiedenen Filtern hängen, die der WebWasher gängigen Browsern vorschaltet, wenn man ihn auf seinem Rechner installiert hat.Bis zu 45 Prozent des Datenflusses sollen so beim Surfen aussen vor bleiben.

Wer sich über das Programm freuen und wer sich darüber ärgern würde, schien ausgemachte Sache.Überraschend dann aber die Zusammensetzung der Anti-WebWasher-Front.Vertreter der Werbebranche wiegelten ab: Wer solche Programme installiere sei für die Werbebotschaft sowieso verloren.Und nicht die großen Namen der Werbeindustrie und werbetreibenden Unternehmen, sondern die kleinen Website-Betreiber fühlten sich plötzlich vom Werbeblocker bedroht."Das Web lebt von vielen kleinen, bunten Seiten und dem Engagement zigtausender Enthusiasten, die zwar viel Liebe zum Medium mitbringen, jedoch nicht zwangsläufig die finanziellen Mittel", warnte die "Aktion Webmaster gegen Konzerne" bereits im Dezember, "wir betrachten deshalb die Verbreitung von WebWasher als direkten Angriff auf uns."

Die Angst vorm Versiegen der sowieso eher spärlich sprudelnden Werbeinnahmen geht vornehmlich bei denen um, die ihre Sites und Services allein über Bannerwerbung finanzieren.Ganz oben auf der Liste der bedrohten Arten sieht sich der Onlinedienst Germany.net, der den Surfern Werbeunterbrechungen (Adbreaks) einblendet und so für Konsumenten kostenfrei bleibt.

Neben dem zu befürchtenden wirtschaftlichen Schaden werfen die Aktivisten der Kampagne "Wash and go" dem Tool auch massive Manipulationen an nicht werbetragender Bestandteilen ihrer Websites vor.Tatsächlich scheint das Werbeblockier-System in seiner ersten Fassung recht grobschlächtig zu Werke gegangen zu sein.Offensichtlich "wusch" der WebWasher auch Javascripts, die lediglich der Navigation dienten.Diese Fehler sind in der aktuellen Version beseitigt.

Abzusehen ist jetzt ein Hase und Igel-Rennen zwischen Werbelockern und Werbeblocker-Blockern.Die Stuttgarter Firma media solution partner ( www.media-solution-partner.com ) bietet "AdShield" an.Die Software soll Internet-Seiten gegen den WebWasher imprägnieren.Cleveres Krisenmanagement auch bei FOCUS Online.Statt werbefreier Flächen bekommen mit dem WebWasher ausgerüstete Besucher bei www.focus.de kurzerhand die eigene Suchmaschine eingeblendet.Not macht erfinderisch.

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