Zeitung Heute : Surreal ist die Welt von HR Giger

Bettina Winterfeld

Schlanke Frauen mit aerodynamisch gestylten Körpern, nophretetischen Profilen und Vogelkrallen gebären Monster, die ihnen Dolch und Zunge entgegenstrecken. Schläuche quellen aus offenen Leibern, Geschwüre und Gedärme formieren sich zu grotesken Hautlandschaften.

Nein, die surreale Gruselwelt des Graubündener Malers HR Giger ist keine Schweizer Bilderbuch-Idylle, kein märchenhaftes Heidi-Land, wie wir es aus seiner Bergheimat erwarten würden. Es sind martialische, apokalyptische Visionen, die der Maler in den 1960er und 1970er Jahren in Tusche oder freihändiger Airbrush-Technik auf die Leinwand bannte. Unterkühlte Schreckensbilder, die eine beklemmende Ästhetik des Grauens ausstrahlen.

„Die ganz ursprünglichen Lebensprozesse wie Geburt, Tod, Sexualität, Sex haben mich stets fasziniert“, bekennt der in Zürich lebende Künstler, der 1940 in Graubündens Kantonhauptstadt Chur geboren wurde und schon frühzeitig mit dem Abgründigen zu experimentieren begann. Noch heute erinnern sich viele Bewohner der Alpenstadt an das legendäre „schwarze Zimmer“ mit der ägyptischen Grabkammer und der Geisterbahn, die sich der Schüler und Student über der elterlichen Apotheke in der Storchengasse eingerichtet hatte. In dieses gruftig ausgemalte Ambiente zog er sich mit Freunden zurück, um über Freuds Traumdeutungen zu diskutieren, den Lautsprecher bis zum Anschlag aufzudrehen und ausgelassene Partys zu feiern. Der junge Hansruedi studierte Architektur und Industriedesign an der Kunstgewerbeschule Zürich und skribbelte schon in der Schülerzeitung mit dem subversiv gespitztem Zeichenstift gegen die drohenden Gefahren einer Nuklearkatastrophe an.

International bekannt wurde der Maler, als er Ende der Siebziger Jahre für Ridley Scotts Blockbuster „Alien“ das Monster entwarf. Für die künstlerische Ausgestaltung dieses Science-Fiction- Films erhielt er 1980 den Oskar in der Kategorie „Best Achievment for Visual Effects“. Nach seinem Welterfolg in Hollywood verschwand der Maler HR Giger weitgehend aus der Kunstszene und setzte seine Karriere als Filmausstatter und Designer fort. Er entwarf Plattencover für die Rockgruppe Emerson, Lake and Palmer oder die Sängerin Blondie und inspirierte die aufkommende Tattoo-Szene. Von den drei makabren Bars, die er in New York, Tokio und Chur ausstattete, ist heute leider nur noch die Giger Bar in seiner Heimatstadt erhalten.

Gigers frühe Bilder des „Phantastischen Realismus“ gerieten demgegenüber in den Hintergrund. Es ist das Verdienst des Churer Kunstmuseums, dass es sich auf sein künstlerisches Schaffen vor „Alien“ konzentriert und rund achtzig zum Teil noch nie ausgestellte Exponate in einer kleinen, aber feinen Einzel-Retrospektive zusammengetragen hat. Sie zeigen die eigenständige Position, die der Graubündner in der Nachfolge des Surrealismus und im neodadaistischen Umfeld der Zürcher Kunstszene einnimmt. Zwischen Gigers Bildern hängen Vanitas-Drucke von Giovanni Battista Piranesi, Francisco José de Goya, Max Klinger und Alfred Kubin, die sich mit dem Thema Vergänglichkeit beschäftigen und den Churer Künstler in einen kleine „Kunstgeschichte des Grauens“ einordnen. Auf besonderen Wunsch Gigers ist als Leihgabe aus dem Rätischen Museum auch die ägyptische Mumie ausgestellt, die den kleinen Jungen so nachhaltig inspirierte. Bettina Winterfeld

Die Ausstellung „HR Giger – Das Schaffen vor Alien 1961-1976“ ist noch bis zum 9. September im Bündner Kunstmuseum in Chur zu sehen.

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