Zeitung Heute : Sushi von Tante Emma

Der Tagesspiegel

Von Holger Wild

Kreuzberg. Die Chinapfanne kostet jubiläumshalber nur zwei Euro. Am Freitag und Sonnabend und „solange der Vorrat reicht“ – wobei die Einschränkung ein mittelschwerer Witz ist: Hat man jemals gehört, dass „die China- Pfanne leider alle ist“? Sowas gibt es gar nicht. Aber Klappern gehört zum Geschäft, auch in der Markthalle am Marheinekeplatz, und zum 110. Jahrestag ihrer Eröffnung nicht minder denn je. „Nicht kicken, rantreten“ hat der Betreiber des Asien-Imbiss auf knallgelbe Pappschilder geschrieben, und das ist doch schön, dass auch Zugewanderte sich des Berlinischen zu befleißigen versuchen. Dass sie dabei orthographisch ins Rutschen geraten – geschenkt. Doch wer rantritt und „kiekt“, sieht hinterm Wok Deutsche stehen. Multikulti andersrum. Und wäre es nicht verboten, müsste man schreiben: „Sehnse, dit is Kreuzberg“.

Von Marktgeschrei aber ist nichts zu hören unter dem Holzdach der Halle. Es ist voll wie jeden Sonnabendvormittag, und die Geschäfte nehmen ihren sehr gewohnten Gang. Man kennt sich; kein Grund zu lärmen. Auch von der Live-Musik, die zum Jubiläum angekündigt war, ist nichts zu hören. Vielleicht hat die nur Freitag gespielt, dem eigentlichen Jahrestag: am 15. März 1892 wurde die Marheineke-Halle als „Markthalle XI“ eröffnet. Ganze 14 dieser Hallen hat es in Berlin gegeben. Übrig geblieben sind nur drei: neben der Marheineke-Halle die zwischen Eisenbahn- und Pücklerstraße, ebenfalls in Kreuzberg, und die Arminius-Halle in Moabit. Halbwegs ordentlich läuft das Geschäft nur am Marheinekeplatz. „Hier ist das Umfeld günstiger“, sagt Herr Goerth, ein Schmuck- und Uhrenhändler, der seit drei Jahren einen Stand in der Halle betreibt, nachdem sein Laden in Steglitz nicht mehr genügend abwarf. Die Sanierung und Aufwertung des umliegenden Kiezes, seine zum Teil recht wohlsituierten Bewohner, auch die Nähe zu Mitte ließen die Halle gedeihen. Nur mehr Parkplätze müsste es geben; in diesem Punkt sei man der Konkurrenz der Einkaufszentren deutlich unterlegen.

Dafür geht es persönlich zu. Ein Schwätzchen hier, dort einen Plausch. Zeit für Fragen, Zeit zur Beratung. Etwa 80 Prozent seiner Kundschaft seien Stammkunden, schätzt Metin Dogan von „Fisch Dogan“. Die Vielfalt der Stände, die Frische der Ware, das Sortiment eines großen Einkaufszentrums bei viel angenehmerer Atmosphäre, das sei es, was die Halle am Leben erhält, glaubt er. Tatsächlich: An den 55 Ständen in vier Reihen kann man Hämmer kaufen ebenso wie Nippes, Pantoffeln und Drogerie-Artikel, es gibt eine Änderungsschneiderei, einen Friseur, einen Schlüsseldienst. Lebensmittel natürlich. Bio-Brot, italienische Vorspeisen, spanische Wurst, orientalische Knabbereien, französischen Käse. Hier kaufen nicht nur kleine Leute: Dem Bildungsbürgertum wird gleichfalls geboten, was es sucht.

Folglich gibt es in der Marheineke-Halle außer China-Pfanne und Wurstbuden auch Sushi. Im Oktober hat Lutz Ackermann die kleine Bar aufgemacht – eine spontane Idee sei das gewesen, sie sei ihm am Stand gegenüber gekommen, einem Spanier, wo er mit einem Freund saß. Eigentlich betreibt Ackermann eine Werbeagentur; was er in der Markthalle macht, sei nur ein Hobby. Der Umsatz könnte noch besser sein, sagt er und grinst: Kaufleute müssen klagen, auch das gehört zum Geschäft. Er würde gerne länger aufmachen als bis sieben Uhr abends. „Das ist der Trend, da müssen wir uns an die Einkaufszentren anpassen“, sagt er.

Da ist es schon wieder, dieses Wort: Einkaufszentrum. Das Maß der Dinge, die Bedrohung, das Gegenbild. Das Gegenbild? Die Marheineke-Halle ist ein Einkaufszentrum, seit je. Nur nicht Ketten handeln unter ihrem Dach – sondern die, man längst ausgestorben wähnt: Tante Emma, Onkel Fritz.

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