Zeitung Heute : Sylt: Weiße Wogen rollen an und die Luft macht süchtig

Ruth Bydekarken

Nachts sind rechts und links des Hindenburgdamms nur schwarze Löcher zu sehen. Jene Pfuhle also von Lister und Hörnumer Tief, deren wirbelnde Strömungen immer tiefer greifen. Auch am städtischen Busbahnhof von Westerland und auf der 14 Kilometer langen Fahrt durch dunkles Niemandsland hinauf nach List haben wir nicht das Gefühl auf einer Insel zu sein. Mag es, endlich angekommen, nach Meer riechen, wen schert das jetzt? Die Straßen sind mit dicken Eiskörnern übersät. Was die Suche nach der Wirtin in dieser gottverlassenen Gegend zu einem ungemütlichen Eiertanz macht. Wo nur stecken die 18 Prozent der Jahresgäste, die Sylt im Winter eine bescheidene Saison bescheren? Doch kaum haben wir eine Tasse Tee auf dem Zimmer getrunken, streben wir wieder mutig ins Freie und wissen es gleich. Sie sitzen alle hinter kleinen Sprossenfenstern, Rüschengardinen und Blumentöpfen im nächsten Gasthaus.

List liegt der dänischen Küste gegenüber und ist Deutschlands nördlichster Vorposten. Fernab der Zivilisation, möchte man sagen, wenn man seine Vergangenheit in den Weltkriegen bedenkt und allerlei uniforme Bauweise betrachtet. Überdauert haben Offiziersquartiere und eine Marine-Versorgungsschule für 2000 Mann. Zwischen weitläufig gekleckstem Backstein, mal hier mal dort mit Reet gedeckt, findet man den Dorfkern eher beiläufig. Nach der "Groten Mannsdränke" von 1362, als die Inseln zerbrachen und der Ort wie seine Vorgänger im Meer verschwand, befahl der dänische König zwei Höfe für Schaf-Halter anzulegen, um die herum dann eine lockere Siedlung aus Strohdächern und Feuergiebeln entstand. Noch heute ist sie im Winter eine Idylle, wenn Niederschläge eine Senke zum Dorfteich wandeln und Blässhühner darauf gakeln. Die nüchterne Kirche wurde erst 1930 gebaut. Bis dann hatte man sein Seelenheil in Ribe oder im benachbarten deutschen Keitum gesucht, gehörte List doch bis 1864 zu Dänemark.

Der ziemlich deformierte Ellenbogen im Norden von Sylt ist alles in allem eine rauhe, dünenreiche Gegend. Vergisst man den Bus nach Westerland, wähnt man sich schnell auf einer Insel. Und so schön klein, dass man ihre 20 Kilometer Strand an einem Tag zu Fuß umrunden könnte. An der Ostspitze treffen die offene Nordsee und das Wattenmeer zusammen, über das von List aus die Fähren nach Dänemark fahren. Der Blick über die weite Bucht des versandeten Königshafens mit ihren Leuchttürmen ist von besonderem Reiz. Doch die Ecke ist gefährlich. Vom offenen Meer im Westen räumen Wind und Wellen die Küste ab und pusten Sand sowohl auf die Landzunge wie über hohe Dünen zum Fingernagel. "Ohne größere Sturmfluten", erklärt der Mann vom Küstenschutz, "halten wir mit teuren Sandvorspülungen im Moment ungefähr die Waage." Von der Höhe der West-Strandhalle genießt man das atemberaubende Spektakel wilder Heide-Hügel und langer, gelber Dünenketten. Die Sylter Sahara glaubte schon Thomas Mann hier zu sehen. Gelobt sei die unterentwickelte Habgier der Friesen und eines Familien-Clans von Besitzern. Der Sand im größten Naturschutzgebiet von Sylt darf noch wandern und wird nicht bebaut. Die Jugend muss sich ihre Wohnung auf dem Festland suchen. Andächtiger denn je steigt man über Holztreppen, die die Dünen schützen, zum Strand hinab. Ah, die offene See, was für ein Wunder. Weiße Wogen rollen an. Möwenschreie gellen.

Die Luft macht süchtig. Von Wasser umgeben, ist List ein einziges Inhalatorium und im Winter sprüht die Brandung besonders wirkungsvoll. Egal bei welchem Wetter, man ist draußen. Gestern mitsamt Anorak durchnässt, flattert man heute mit drei Pullovern und Regencape wie eine blaue Wolke über die Deiche, die Cousine im langen Regenmantel wie eine Sängerin der Heilsarmee hintendrein. An Eiderenten und scheuen Schafen vorbei geht es mit dem Fernglas zum Lister Koog oder Königshafen. Zur Zeit der Zugvögel soll Sylt über 300 Arten der gefiederten Zweibeiner zählen. Ende Februar/Anfang März versammeln sich langsam die Brüter. In den Wiesen jubilieren Feldlerchen, lamentieren Grau- und Brandgänse. Seeschwalben, Säbelschnäbler und Lachmöwen segeln durch die Lüfte. Scharen von Knutts, PfuhIschnepfen, Steinwälzern und Austernfischern picken sich im Watt die Bäuche voll. Die Kampfläufer mit ihrer lustigen Mähne legen das Hochzeitskleid an, ein Sandregenpfeifer hält unbeirrt die Stellung.

Miesmuscheln am Strand schimmern in der Sonne blau wie Delfter Porzellan. Selbst im Winter ist der Spaziergang zum Hafen ein Vergnügen, wenn die Fähre nur zwei Autos bunkert und der Seenot-Rettungskreuzer "Minden" einsam im Hafenbecken dümpelt. Ein Wikinger im sommerlichen T-Shirt, die Arme satt tätowiert, schrubbt das Deck und wird bald so redselig wie weiland Emma Schnack, als man im Dorf noch Spitznamen verteilte. Von Sturm spricht er nie, von Schlechtwetter selten und dann handelt es sich eher um harmlose Begebenheiten zur See, bei denen keiner verlorenging.

Überhaupt rücken sich die 2600 Einwohner und ihre wenigen Gäste im Winter näher. So will ein Mann uns am Sonntag, als kein Bus fährt, zum sechs Kilometer entfernten West-Strand fahren, kaum dass wir nach dem Weg fragen. Später stellt er sich als bekannter Händler für Kachelöfen und Baumaterialien heraus. Oder der Geschäftsführer der Austernzucht. Wieviel Arbeit sie macht, verrät er nur andeutungsweise. Im Winter müssen die Stecklinge aus der Nordsee geholt und im Frühjahr wieder eingesetzt werden. Großzügig präsentiert er der Heilsarmistin eine kostbare Probe und lacht lauthals, als sie schnöde verneint.

Schließen Unterkünfte, Restaurants, Läden und die bunten Imbissbuden am Hafen im Winter wechselweise, kehrt die große Welt nach schöner Wanderung doch in List ein. Im 100 Jahre alten Gasthof diniert sie exquisit an reservierten Tischen, Austern schlürft sie als salzigen Imbiss, bei FischGosch in der Bootshalle schmaust sie mit Kind und Kegel ganz familiär. Was alles die Marine nicht beirrt. Nüchtern im Saal und klassisch auf dem Teller, feiert sie ihre Feste wie immer im Seemannsheim. Ein letztes Mal also Hafen, fangfrischer Fisch und gottverlassene Hafenstraße mit den weißen Gartenbänken eines Schreiners, die ungeschützt im Freien stehen. Kichernd steigen wir in den Bus. Nun verlassen wir Sylt so frisch wie sie aussehen.

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