Zeitung Heute : Symbolisch gut gemacht

Polen plant, bis zu 20 000 Juden wieder einzubürgern, die vor 40 Jahren aus dem Land vertrieben wurden. Darüber hatte es heftige Diskussionen geben. Warum war eine Rehabilitierung der vertriebenen Juden so umstritten?

Knut Krohn

40 Jahre ist es her, dass wegen einer antisemitischen Hetzkampagne fast 20 000 Juden Polen verließen. Mehrere tausend Studenten hatten damals gegen das Verbot des Theaterstückes „Die Totenfeier“ von Adam Mickiewicz protestiert. Die Parteiführung nutze den Umstand, dass sich unter den Protestteilnehmern mehrere Kinder kommunistischer Politiker jüdischer Herkunft befanden. Die vom Politbüro gelenkten Medien machten die „Zionisten“ für die Unruhen verantwortlich. Die Behörden zwangen die Ausreisenden, auf die polnische Staatsbürgerschaft zu verzichten. Die meisten, die ihren ganzen Besitz verloren, zogen nach Israel.

Dieses Unrecht soll nun wiedergutgemacht werden. Führende Künstler bemühen sich schon seit langem um eine Geste der Versöhnung. „Unter den historischen Verbrechen des Kommunismus ist die Schande des März 1968 ein Ereignis, das unser Bewusstsein besonders belastet“, schrieben die Autoren eines offenen Briefes, den die Zeitung „Gazeta Wyborcza“ veröffentlichte. Den Brief unterzeichneten unter anderem die Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Szymborska und die Schriftstellerin Olga Tokarczuk.

Schon zuvor hatten Opfer der antisemitischen Regierungskampagne vom März 1968 eine Entschuldigung von Staatspräsident Lech Kaczynski zum 40. Jahrestag der Ereignisse verlangt. „Es kostet doch so wenig, Entschuldigung zu sagen. Warum schafft das keiner?“, fragte die Direktorin der polnischen Shalom-Stiftung, Golda Tencer. Bisher aber hat Kaczynski auf einen entsprechenden Brief vom vergangenen Oktober nicht geantwortet.

Allerdings preschte Innenminister Grzegorz Schetyna jetzt mit einer Initiative vor. Er hielt die Regionalverwaltungen an, die Anträge ehemaliger polnischer Staatsangehöriger jüdischer Herkunft auf Wiedererlangung der Staatsangehörigkeit möglichst positiv zu entscheiden. Schetyna ahnte dabei allerdings, wie heikel diese Frage in Polen nach wie vor ist. Der Politiker betonte, die Entscheidung betreffe nur Personen jüdischer Herkunft. Es gehe um einen rein symbolischen Akt, der keinerlei Eigentumsfragen berühre.

Jüngst hatte sich nämlich Dorota Arciszewska-Mielewczyk zu Wort gemeldet. Die Vorsitzende der polnischen Treuhand befürchtet eine Art Ausverkauf der polnischen Heimat, da nun auch deutschstämmige Spätaussiedler die polnische Staatsangehörigkeit zurückfordern und sich dabei auf das Nichtdiskriminierungsgebot berufen könnten. Angesichts des Verlaufes der Diskussion dämpfen die jüdischen Verbände ohnehin die Erwartungen, dass sich in der Sache etwas bewegen wird. Seit 1990 hatten fast alle Präsidenten immer wieder versprochen, das Unrecht wiedergutzumachen. Passiert ist in all den Jahren nichts. Knut Krohn

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