Zeitung Heute : Sympathisches Gold

Sven Goldmann

Die Deutschen und der olympische Medaillenspiegel, das war nicht immer eine fröhlich-heitere Angelegenheit wie dieser Tage in Salt Lake City. Es waren die Organisatoren der Olympischen Spiele von 1936, die das Auflisten der goldenen, silbernen und bronzenen Orden in einen halboffiziellen Rang rückten. Zum Abschluss der Nazi-Spiele von Berlin lagen die Deutschen mit großem Abstand auf Platz eins. Ein paar Jahre später machte sich das zur Sportnation Nummer eins gedrillte Deutschland daran, diesen Weltmachtsanspruch jenseits des sportlichen Wettstreits durchzusetzen. Die Erfolge von 1936 und ihre Folgen haben den deutschen Sport international diskreditiert. Auch deswegen hat der Rest der Welt über lange Jahre deutsche Sieger nicht gerade mit übermäßiger Sympathie bedacht.

Mehr zum Thema Fotostrecke: Bilderrückblick aus Salt Lake City
Rückblick: Alle Berichte von den Olympischen Winterspielen
Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen 66 Jahre nach den Berliner Spielen sieht das alles anders aus. Deutschland hält, wie schon 1998 in Nagano, Platz eins in der Medaillenwertung bei den Olympischen Winterspielen. Niemand aber befürchtet heute, ein sportlich erfolgreiches Deutschland würde seine Kräfte zu militärischen Zwecken sammeln. Nicht einmal die deutsche Dominanz im Biathlon, dem so militärisch anmutetenden Langlauf mit geschultertem Gewehr, wird argwöhnisch beobachtet. Sie wird höchstens belächelt: Die Deutschen sind halt gut im Schießen und Weglaufen. Dieser neue, ironische Blick auf die Deutschen liegt an der gewachsenen Akzeptanz des neuen, demokratischen Deutschlands - aber auch an der Art und Weise, wie sich deutsche Sportler weltweit präsentieren. Auch und gerade in den vergangenen zwei Wochen in Salt Lake City. Die deutschen Sieger sind sympathisch geworden.

Vielleicht ist es der größte Sieg der deutschen Mannschaft, dass daheim jeder ohne schlechtes Gewissen die sportlichen Erfolge bejubeln darf. Es war eine Mannschaft mit strahlenden Siegern wie der Eisschnelläuferin Claudia Pechstein, aber auch mit fairen und ehrlichen Verlierern wie dem Skispringer Sven Hannawald. Und es war eine Mannschaft, die trotz aller Erfolge nie den Anschein erweckte, sie habe ausschließlich auf Sieg programmierte Roboter aufgeboten. Zickenzoff und Busenstreit stehen gerade wegen der ihnen eigenen Lächerlichkeit für ein Maß an menschlichen Schwächen, die früher unentschuldbar gewesen wären. Dazu muss man gar nicht bis 1936 zurückgehen, als das Staatsoberhaupt die deutschen Olympiasieger mit militärischem Zeremoniell in der Führerloge empfing. Auch zu DDR-Zeiten paradierten die Olympiasieger stocksteif und staatstragend beim Generalsekretär und dankten dem Sozialismus für ihren Erfolg. Inzwischen jubelt der Bundespräsident als erster Fan in der Eisschnelllaufhalle mit. Und er rühmt nicht die Vorteile des goldbringenden Systems, sondern warnt die Athleten vor Hochmut.

Dass zudem - bislang zumindest - in den Zeiten von Epo und Blutdoping nie auch nur ein Schatten des Verdachts auf die deutschen Sportler fiel, werden nur besonders Missgünstige als Erfolg der deutschen Doping-Wissenschaft werten. Wer hätte gedacht, dass der nicht ganz freiwillige Verzicht auf den Langläufer Johann Mühlegg ausgerechnet am Schlusstag der Spiele in den Rang einer strategisch weitsichtigen Entscheidung erhoben würde? Dabei war die Verlockung doch so groß, die von Mühlegg gewonnenen Goldmedaillen zumindest inoffziell der deutschen Erfolgsbilanz hinzuzurechnen. Ein national- und medaillenbewusstes Boulevardblatt hat diesen Gedanken geschürt, doch kein Mitglied der deutschen Delegation ist ernsthaft darauf eingegangen.

Jetzt steht Mühlegg vor der ganzen Welt als Betrüger da. Als Söldner, der, wenn er denn wirklich gedopt war, die stolze spanische Nation und sogar deren König Juan Calos brüskiert hat. Die Deutschen können froh sein - abgesehen vielleicht vom CSU-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber, zu dessen Wahlkampfhelfer sich der Spanier aus dem Allgäu selbst ernannt hat.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!