Zeitung Heute : Sympathy for the Devil

STAATSOPER Ein Teufelskerl: René Pape singt den Méphistophélès in Charles Gounouds Oper „Faust“

JÖRG KÖNIGSDORFD
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Wer wissen will, was René Pape vom Teufel hält, braucht dazu nur wenige Mausklicks. Denn auch wenn die Proben für Charles Gounods „Faust“-Oper an der Lindenoper noch auf Hochtouren laufen, kann man den Staatsopern-Bass seit einigen Monaten schon auf youtube in der Rolle des Méphistophélès sehen: Kein listig gewandter „Geist, der stets verneint“ à la Gustav Gründgens ist dieser Teufel à la Pape, sondern ein Fürst, der die Unterwelt genauso beherrscht wie die Opernbühne des Amphitheaters von Orange, und dessen machtvolle „Ballade vom Goldenen Kalb“ keinen Widerspruch duldet. Bei Gounod sei Méphistophélès noch mehr der starke Mann und Lenker des Geschehens als bei Goethe, bekräftigt Pape. „Ich stelle ihn mir als einen echten Menschen aus Fleisch und Blut vor, der nicht nur seine fiesen Seiten hat, sondern auch ganz witzig sein kann.“ Deshalb sage er auch lieber „Mephisto“ statt „Teufel“ – das klinge nicht so negativ.

Die ausgeprägte Sympathie für den Teufel ist bei René Pape freilich nicht überraschend: Wer wie der 44-Jährige hauptsächlich Herrscherfiguren zu singen hat, sieht auch den Höllenfürsten erst mal von der hoheitlichen Seite. Fast in allen Rollen, die Pape in den letzten 20 Jahren auf der Bühne verkörperte, spielt der Begriff Autorität eine zentrale Rolle: ins Schmerzliche gewendet beim König Marke aus Wagners „Tristan“, mit dem er gerade an der Met triumphierte, in die Hybris gesteigert bei der Titelpartie des wahngepeinigten Zaren in Mussorgskys „Boris Godunow“, oder auch in der schlichten Erhabenheit des Sonnenpriesters Sarastro in Mozarts „Zauberflöte“ – der Rolle, mit der der damals 27-jährige Bassist aus dem Berliner Staatsopernensemble 1991 unter Georg Solti bei den Salzburger Festspielen seinen Durchbruch feierte.

Sicher hat der frühe Erfolg, der René Pape Mitte der neunziger Jahre zum wichtigsten deutschen Bass machte, viel damit zu tun, dass er sich die Autorität für all die Götter, Könige und Hohepriester nicht groß erarbeiten musste. Den Willen zur Macht nahm man dem groß gewachsenen Sachsen schon ab, bevor er noch einen Ton gesungen hatte. Die zornesfunkelnden Blicke, mit denen er als Gralsritter Gurnemanz im „Parsifal“ die säumigen Waldhüter zurechtweist, die imperialen Gesten, mit denen er als König Philipp in Verdis „Don Carlos“ seine spanischen Granden regiert, all das scheint ihm gewissermaßen in die Wiege gelegt – und es passt gut ins Bild, dass Pape schon im pubertären Alter offensichtlich ein so ausgeprägtes Selbstbewusstsein entwickelt hatte, dass er in Dresden von der Schule flog. Seiner Laufbahn hat das wenig geschadet. Schon 1988, mit 24 Jahren, hatte der Ex-Zögling des Dresdner Kreuzchors seinen Vertrag als Ensemblemitglied der Berliner Staatsoper in der Tasche und damit so ziemlich das Höchste erreicht, was für einen jungen Sänger in der DDR möglich war.

Dass Pape angesichts seines kometenhaften Aufstiegs nicht den Kopf verlor, sondern seinem Stammhaus Unter den Linden bis heute die Treue gehalten hat, ist da schon ein kleines Wunder – aber vielleicht auch ein Hinweis darauf, dass der Selbstbewusste eben auch die Sicherheit und Erdung eines Ensembles, einer künstlerischen Heimat, braucht. Seine Stimme verrät mit ihrem samtigen Timbre und dem weichen, weitgespannten Legato ohnehin viel von dieser weicheren, verletzlicheren Seite. Er sei ja eher ein basso cantante mit einer lyrischer ausgelegten Stimme, bekräftigt Pape. Und auch den Mephist würde er subtiler, zynischer anlegen, „schließlich macht der doch nur, was Faust sich nicht traut“.

Nicht mit schurkischer Dämonie, sondern mit Verführungskraft regiert dieser Teufel die Menschen. Und wenn er es darauf anlegen würde, könnte er vermutlich sogar Gretchen herumkriegen.

JÖRG KÖNIGSDORF

Premiere 15.2., 19 Uhr. 19.2., 19 Uhr, 22.2., 18 Uhr, 25.+28.2., 19.30 Uhr

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