Syrien : Flucht aus Damaskus

In Syrien war sie ein Fernsehstar. Doch Samar Yazbek gab ihre Privilegien auf, ergriff Partei gegen das Assad-Regime – und musste fliehen. Eine Begegnung mit der Chronistin des Aufstands.

Samar Yazbek lebt heute in Paris.
Samar Yazbek lebt heute in Paris.Foto: Nagel&Kimche/Manaf Azzam

Im Westen nimmt man die arabische Revolution meist als massenhafte Ansammlung von Demonstranten, Aufständischen und zivilen Opfern wahr. Dabei hat die „Arabellion“ viele Gesichter, eines ist sogar sehr berühmt. Samar Yazbek kennen die Syrer aus dem Fernsehen. Sie hatte eine eigene Sendung, in der sie zu Prominenten nach Hause ging, sich ihre Bücherregale zeigen ließ und mit ihnen über Gott und die Welt redete. Eine syrische Anne Will, beliebt und bestens vernetzt.

Yazbek, Jahrgang 1970, gehört zur Religionsgemeinschaft der Aleviten, genau wie die Assad-Leute. Ihre Familie ist eng mit dem Clan des Präsidenten verbandelt. Doch im vergangenen Frühjahr wechselte sie die Seiten. Als die Revolution ausbrach, wollte sie nicht mehr bei den Wichtigen und Privilegierten sein, sondern bei denen, die versuchen, sie zu stürzen.

Ein Märzabend in Zürich. Samar Yazbek ist gekommen, um von der „Todesparty“ zu erzählen, die jeden Tag in Damaskus stattfindet. Die Luft ist lau vom Frühling, am Horizont schimmern die Berge. Die Schweizer Idylle lässt die Ausweglosigkeit in Yazbeks Geschichten hervortreten wie ein Kontrastmittel. 8000 Tote zählt die Uno seit Beginn der Proteste, „gestern sind 64 Männer ermordet und ihre Frauen verschleppt worden“, sagt Yazbek. Ihre Stimme ist nüchtern wie die einer Nachrichtensprecherin.

Samar Yazbek sitzt in schwarzem Hosenanzug und Ballerinas auf der Bühne des Veranstaltungszentrums Kaufleuten und liest einen Auszug aus ihrem Tagebuch vor. Wie sie sich im Mai 2011 auf dem Markt unter eine Gruppe Frauen mischte, die still ein Transparent hervorzogen, manche hatten Kinder auf dem Arm. Wenige Minuten später schlugen Uniformierte die Frauen blutig, zerrten sie in Autos. Yazbeks Stimme zittert jetzt, mit einem Taschentuch tupft sie sich das Gesicht ab. Sie wirkt verstört, als habe sie die Szene gerade erst erlebt. Damals entkam sie in letzter Minute in einem Taxi.

Später fuhr Yazbek über Land, durch Dörfer ohne Strom und Brot, interviewte desertierte Soldaten und untergetauchte Offiziere. Die Soldaten der Assad-Armee mussten sich bei Kundgebungen in zwei Reihen aufstellen. Die erste Reihe schoss auf die unbewaffneten Demonstranten, die zweite auf die Soldaten, die nicht schießen wollten. Nachts postete Yazbek auf Facebook, was sie gesehen hatte, führte Tagebuch über ihre Erlebnisse, ihre Todesangst. Inzwischen ist es als Buch erschienen, „Schrei nach Freiheit“ heißt es. Es beginnt am 25. März 2011 und endet am 9. Juli, als Yazbek aus Syrien flüchten musste. Ein Tagebuch, das nach und nach zum Bericht aus der Hölle wird.

Am nächsten Morgen sitzt Samar Yazbek in einem engen Hotelzimmer in Zürich. Sie hat runde Augen und eine schmale Nase. Ein Fernsehgesicht, umrahmt von blondem Haar, das ihr locker auf die Schulter fällt. Sie hat den Stuhl in der Ecke genommen, mit Blick zur Tür. Yazbek zündet sich eine Zigarette an und schaut zur Tür, als könnte sie jeden Moment eingetreten werden. Samar Yazbek ist auf der Flucht. Fünf Mal wurde sie in Damaskus verhaftet, sie saß im Gefängnis und wurde zur Abschreckung durch die Folterkeller geführt. Yazbek sah blutüberströmte Demonstranten, die „wie Stücke von Fleisch“ übereinanderlagen, junge Männer, die „keine Gesichter mehr hatten“. Einmal sagte ein Offizier, das sei die letzte Warnung.

Yazbek überlegte, im Untergrund weiterzumachen. Doch sie hat eine Tochter. Sie packte ihre Sachen und flog nach Paris, wo sie Asyl beantragte. Derzeit lebt sie in einer Einzimmerwohnung, sie macht einen Master in arabischer Literatur, ihre Tochter besucht die Schule. Wie es weitergehen soll, weiß sie nicht. Der Assad-Clan will sie tot sehen, die Familie hat mit ihr gebrochen. Einmal sprach ihr eine Freundin aus Kindertagen auf die Mailbox: „Hallo, du Verräterin. Sogar Gott steht dem Präsidenten bei, und du gehst weiterhin irre.“

Yazbek redet schnell und bestimmt, im Aschenbecher brennt die Zigarette ab. Fragen über ihre Familie will sie nicht beantworten, nach einer halben Stunde sagt sie: „Genug, ich bin müde.“ Man merkt, dass sie damit aufgewachsen ist, Wünsche zu äußern, Anweisungen zu erteilen. Wahrscheinlich bringt ein solches Aufwachsen mit sich, dass man sich nichts gefallen lässt. Yazbek ist 42, sie stammt aus der Küstenstadt Jableh, aus einer einflussreichen alevitischen Familie. Über Ecken ist sie mit den Bin Ladens verwandt. Doch mit 16 brach sie von zu Hause aus, heiratete. Später verließ sie ihren Ehemann, ging nach Damaskus und zog ihre Tochter allein groß. Sie studierte Literatur, arbeitete bei einem Satellitenkanal, wurde zu einem Bildschirmgesicht. Obwohl das Regime „alles kontrolliert“, hatte Yazbek Freiheiten. Sie engagierte sich für Frauenrechte, schrieb den Roman „Zimtduft“, in dem sie die syrische Oberschicht auf die nackte Armut der Bevölkerung prallen lässt.

Die arabische Revolution hat sie von Anfang an verfolgt. „Ich hatte das Gefühl, ich muss dabei sein.“ Wenn sie zum Demonstrieren auf die Straße ging, hatte sie immer ein Klappmesser in ihrer Handtasche. Anfangs, um sich zu verteidigen. Später, um sich das Messer notfalls „ins eigene Herz zu stechen“. Yazbek war oft genug in den Kerkern des Regimes, um zu wissen, was sie erwartet.

Was hat sie auf den Straßen gesehen? Ganz normale Leute, die Freiheit wollen, sagt Yazbek, junge Leute, Familienväter. „Das ist eine Revolution der einfachen Menschen, wir Intellektuellen haben uns nur angeschlossen.“ Und Frauen, so viele Frauen. „Sie sind etwas Besonderes, sie haben dokumentiert, gefilmt, Verletzte versorgt.“ Und wie ist die Situation heute? Das Regime lege es auf einen Bürgerkrieg an, sagt Yazbek, die Gewalt zwischen den Religionsgemeinschaften werde eskalieren. „Assad denkt wie ein Mörder, nicht wie ein Präsident.“ Immer mehr Soldaten würden desertieren, „bis sich irgendwann zwei Armeen gegenüberstehen, und der Verlierer wird das Volk sein.“

Je mehr die Demonstrationen zu Massakern wurden und die Proteste zu Kämpfen, desto radikaler setzte sie selbst ihr Leben aufs Spiel. Yazbek ging nachts aus dem Haus, um Leute im Untergrund zu treffen, gab bei kurzen Begegnungen auf der Straße Informationen an Bekannte weiter. Sie verkleidete sich mit Sonnenbrille und Kopftuch, um in ihrer Heimatstadt Jableh zu recherchieren, wo ihre Verwandten sie für vogelfrei erklärt hatten. Sie fuhr auf Trauerfeiern, notierte alles „mit zitternden Händen“. Die „Chronistin der Revolution“ nennt sie der syrische Schriftsteller Rafik Schami, der seit 1979 in Deutschland lebt.

Zu Hause sah sie sich Handy-Videos von verstümmelten Aufständischen und aufgeschlitzten Menschen an, denen man die Organe aus dem Körper geschnitten hatte. Sie zählte täglich die Toten, von denen sie erfahren hatte, die Männer, die Frauen, die Kinder, hielt auch das in ihrem Tagebuch fest. „Schrei nach Freiheit“ ist in einer nüchternen und kalten Sprache geschrieben, mit ein paar poetischen Formulierungen hier und da, Überbleibseln einer Zivilisation. Schlafen konnte Yazbek nur mit Tabletten, immer wieder brach sie zusammen. Als sie einmal auf dem Balkon stand, überlegte sie, sich über die Brüstung zu stürzen. „Mich verlangte in jenem Moment nach noch größerer Freiheit, ich wollte durch die Luft auf den Abgrund zufliegen“, schrieb sie in ihr Tagebuch.

Yazbek nimmt das Zimmertelefon und bestellt in gebrochenem Englisch Kaffee für uns und die Dolmetscherin, die auf dem Bett kauert. Mehr Platz ist in dem Hotelzimmer nicht, viel mehr hat sie auch in ihrem neuen Leben nicht. Hat sie Angst? Es leben schließlich viele Syrer in Paris, auch regimetreue. „Nein, das hieße ja, dass ich immer im Untergrund wäre, mich verstecken muss.“ Sie sieht sich nicht als Exilantin, „das ist eine Übergangsphase. Ich kehre zurück, wenn das Regime gestürzt ist.“ Aber in welches Land? Syriens Zukunft sieht düster aus, das ist auch Yazbek klar. „Es wird Jahre dauern, bis das Land zur Ruhe kommt.“ Es gibt kein demokratisches Leben in Syrien, dafür „viele Arme und Unzufriedene, die nur ihre Religion haben“. Der Beginn eines freien Syrien werde das Ende der Freiheit der Frauen sein, sagt Yazbek.

Der Kaffee wird gebracht, Yazbek reicht ihn uns wie eine Gastgeberin bei einem Abendessen. Auch in diesem winzigen Hotelzimmer, in diesem fremden Leben will sie ihre Würde behalten. Sie verfolgt genau, was in Syrien passiert, im Fernsehen, im Internet, aus Erzählungen. Aber sie notiert nichts mehr.

Die letzten Monate in ihrer Heimat hat sie noch gut in Erinnerung. Yazbeks Familie wurde ihretwegen vom Geheimdienst überwacht, Yazbeks Informanten kamen ins Gefängnis. Sie selbst musste umziehen, lebte mal hier, mal da. Und dann war da noch der tägliche Kampf drinnen, der Kampf zwischen einer Mutter und einer pubertären Tochter. Yazbeks Tochter wollte leben wie andere Teenager, Prüfungen standen an. Sie interessierte sich nicht für die Revolution, sondern für die Hochzeit von William und Kate. Und sie wollte nicht jedes Mal vor Angst um ihre Mutter umkommen, sobald Yazbek das Haus verließ. Weinend warf sie sich vor die Tür, wenn Yazbek gehen wollte, rotgeweint saß sie da, wenn Yazbek mitten in der Nacht nach Hause kam. Irgendwann schrie sie ihre Mutter an, sie solle doch endlich ins Fernsehen gehen und sich zu Assad bekennen. Die Revolution, deren Chronistin Samar Yazbek wurde, hat schon jetzt ihr Kind gefressen.

Am 23. März um 19.30 Uhr ist Samar Yazbek zu Gast in der Volksbühne.

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