Syrische Flüchtlinge : An der Grenze

So geht es nicht weiter, sagen sie im Südosten der Türkei. Syrischen Flüchtlingen geht das Geld aus, den Helfern die Mittel, den Rebellen die Geduld. Sie alle warten auf ein Signal der Weltgemeinschaft.

Container City, so wird das Flüchtlingslager in Öncüpinar genannt. Die dort leben, versuchen sich einigermaßen häuslich einzurichten. Wie lange sie noch bleiben müssen, weiß niemand. Foto: Osman Orsal/Reuters
Container City, so wird das Flüchtlingslager in Öncüpinar genannt. Die dort leben, versuchen sich einigermaßen häuslich...Foto: REUTERS

Sami Ali schlüpft aus seinen billigen Kunststoffsandalen, hebt sie auf und schiebt sie ineinander. „So“, ruft er, so laut, dass einige Passanten im Basar der südosttürkischen Stadt Kilis stehen bleiben und neugierig zu ihm herüberschauen. Ali nimmt das Sandalen-Paket in die Hände und legt seinen Kopf darauf, ganz so, als wäre es sein Kissen. Was es auch ist: „Wir schlafen auf dem Boden, wir haben keine Decken, da lege ich mich mit dem Kopf nachts auf das hier“, sagt Ali. „Wir haben nichts.“

Und doch, etwas gibt es noch. Deswegen prüft Ali jetzt zusammen mit einigen Verwandten die Goldpreise der Juweliergeschäfte im Basar von Kilis. Sie wollen ihre Eheringe zu Geld machen. Es ist ihr letzter Besitz.

Haus und Hof ließ der 50-jährige Syrer Ali in der Wirtschaftsmetropole Aleppo zurück, als er vor wenigen Monaten mit seiner ganzen Sippe in die Türkei floh. Insgesamt waren sie rund 60 Menschen, vom Greis bis zum Kleinkind. Doch Platz in einem Auffanglager fanden sie nicht, als sie etwa 50 Kilometer nördlich von Aleppo über die Grenze kamen. Sie mieteten sich Wohnungen in Kilis – doch jetzt geht ihnen das Geld aus. Daheim in Aleppo, da konnte er sich als Minibusfahrer über Wasser halten, sagt Amar Alito, 35, einer der Verwandten von Sami Ali. Doch heute tobt in Aleppo der Krieg.

Mit dem Verkauf der Eheringe wird sich die Großfamilie in Kilis nur eine kurze Atempause verschaffen können, das ist Amar Alito klar. „Das reicht vielleicht für ein, zwei Wochen.“ Und dann? Alito zuckt mit den Schultern. „Dann gehen wir entweder nach Aleppo zurück, oder wir verhungern hier. Nur Allah weiß, was geschehen wird.“

Ismail Akdag, einer der Goldhändler im Basar von Kilis, hat dieser Tage viele syrische Kunden, die ihren gehüteten Familienbesitz losschlagen, um über die Runden zu kommen. „Manche verkaufen alles“, sagt er. Häufig sind es Ringe, Armbänder und die kleinen Goldstücke, die Neugeborenen bei der Geburt geschenkt werden. Selbst die vergoldeten Ohrstecker kleiner Kinder seien ihm schon angeboten worden.

Seit anderthalb Jahren herrscht die Gewalt in Syrien. Sie forderte, das vermutet die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London, bislang rund 26 000 Menschenleben. Und sie hat mehr als 200 000 Menschen in die Flucht getrieben, mehr als ein Drittel von ihnen sind in die Türkei gekommen. Manche mögen an eine schnelle Rückkehr gedacht haben, doch daraus ist nichts geworden. Als der UN-Sicherheitsrat vergangene Woche über die Lage der syrischen Flüchtlinge beriet, hofften zehntausende Menschen in den Lagern entlang der Grenze auf ein Signal dafür, dass die internationale Gemeinschaft eingreifen und ihre Heimkehr ein wenig näherrücken lassen würde. Vergeblich. Der Syrien-Gesandte der UN, Lakhdar Brahimi, nennt seine Mission „nahezu unmöglich“.

Einer von denen, die noch hoffen, ist Raid Rushum im Lager Öncüpinar, direkt an der Grenze südlich von Kilis. „Hoffentlich wird Assad bald gestürzt, dann können wir nach Hause,“ sagt er. Anders als andere türkische Auffanglager, die aus Zelten bestehen, sind in Öncüpinar rund 12 000 Menschen in Wohncontainern untergebracht. Das weitläufige Lager mit seinen Straßen aus Verbundpflaster ist voll besetzt, doch jeden Tag kommen neue Flüchtlinge an. Ganz in der Nähe saßen noch in der vergangenen Woche rund 6000 Syrer im Niemandsland an der Grenze fest. Die türkischen Behörden wollten sie erst nicht einreisen lassen, was offiziell mit fehlendem Platz in den Auffanglagern begründet wurde.

Doch es geht den Türken auch um schärfere Kontrollen der Neuankömmlinge; darum zu verhindern, dass sich kurdische Rebellen von der PKK unter die Flüchtlinge mischen. Sie befürchten, die Kurden könnten die chaotische Situation in Syrien ausnutzen. So ist der Krieg dort im Land und sind die Flüchtlinge, die er über die Grenze schwemmt, derzeit längst nicht das einzige Problem der Türken. Der Konflikt mit den Kurden, stets schwelend, hat sich in den vergangenen Wochen wieder verschärft.

Erst vor zwei Wochen starben neun Menschen bei einem der PKK zugeschriebenen Bombenanschlag in der Großstadt Gaziantep, rund 50 Kilometer nördlich der Grenze. Und in der Nacht zu Montag kam es erneut bei einem Angriff der PKK zu Schießereien in der Provinz Sirnak im Südosten der Türkei, direkt an der Grenze zum Irak. 30 Menschen starben, Rebellen, Soldaten, Polizisten.

Einig sind sich türkische Behörden und syrische Flüchtlinge darin, dass der Ansturm aus dem Nachbarland in die Türkei noch lange nicht vorüber ist. Viele Syrer säßen auf gepackten Koffern und auch Gebiete, die lange von den Unruhen verschont geblieben seien, würden mittlerweile von Gewalt erschüttert, sagen Flüchtlinge. Ein türkischer Bewohner von Kilis sieht für die kommenden Monate eine ganz neue Krise voraus. „Jetzt geht’s ja noch, jetzt ist Sommer“, sagt der Mann. „Aber wenn erst mal der Herbst kommt und der Winter, dann wird es sehr schwer für die armen Leute.“

In Öncüpinar haben sich viele Bewohner häuslich eingerichtet, so gut es geht. Sie haben Satellitenschüsseln aufs Dach ihres Containers gepflanzt oder einen Sonnenschutz aus Decken vor den Eingang gespannt, der bei Temperaturen von derzeit rund 40 Grad etwas Schatten spendet. Es gibt Schulen für die Kinder, zwei Moscheen und eine Krankenstation. Über vielen Containern weht die Fahne der syrischen Rebellen, die auch den nahen Grenzübergang unter ihre Kontrolle gebracht haben. Noch im April hatten syrische Regierungstruppen auf fliehende Syrer bei Öncüpinar geschossen. Zwei Flüchtlinge starben.

Raid Rushum ist schon lange auf der Flucht. Im Juni vergangenen Jahres verließ er mit seiner Frau und den fünf Kindern seine Heimat in der westsyrischen Provinz Idlib, vor einigen Monaten landete die Familie in Öncüpinar. Rushum hat ein paar Quadratmeter vor seinem Container eingezäunt und einen improvisierten Krämerladen mit Schokoriegeln, Kaugummi, Rasierern und billigem Spielzeug eingerichtet. „Eigentlich mehr, um die Zeit zu vertreiben“, sagt er. „Viel Geld verdiene ich nicht.“

Die Türkei versorgt die syrischen Flüchtlinge zwar, gibt ihnen aber keine Arbeitsgenehmigungen. Und Rushum wird seinen kleinen Laden auch bald wieder schließen müssen. Zwei große Supermärkte haben auf dem Gelände des Lagers aufgemacht und die Flüchtlinge sollen jetzt nur noch dort einkaufen. Auf einer Chipkarte erhalten sie von den türkischen Behörden 20 Lira pro Woche und Person, das sind etwa neun Euro.

In Öncüpinar gibt es aber nicht nur Leute, die ihre Heimkehr still herbeisehnen. Das Lager an der syrischen Grenze ist auch so etwas wie ein inoffizieller Nachschubposten der bewaffneten Opposition. Viele hier sind aktiv am Kampf der Rebellen gegen Assad beteiligt. Ussama Gapsun etwa, der über den staubigen Vorplatz des Lagers humpelt. Sein rechtes Handgelenk und sein rechter Fuß sind bandagiert, erst vor wenigen Stunden ist er in Öncüpinar angekommen. Der 34-Jährige mit schwarzem Bart und schwarzem Kopftuch pendelt zwischen Syrien und der Türkei, wo seine Verwandtschaft im Flüchtlingslager sitzt. Bei kürzlichen Gefechten in der Stadt Azad, etwa 20 Kilometer südlich der Grenze, ist er bei der Explosion von Munition verletzt worden.

„Sie griffen mit Raketen und Kampfflugzeugen an“, sagt er und meint die Regierungstruppen. „Ich will so schnell wie möglich wieder zurück. Wir haben keine Wahl.“ Wie viele Syrer ist Gapsun verbittert über die Haltung des Auslands. „Wir brauchen eine Flugverbotszone. In Azad gab es beim Angriff von Kampfflugzeugen auf einen Schlag 50 Tote.“

Salih Abdullah, ein syrischer Lastwagenfahrer, der mit seinen 15 Kindern nach Öncüpinar geflohen ist, stimmt Gapsun zu. „Nach einem Angriff gab es so viele zerfetzte Leichen, dass man nicht mehr wusste, welches Körperteil zu wem gehört. So etwas darf doch nicht geschehen, in keinem Land der Welt. Die Europäer und die Araber sollten mal herkommen und sich das ansehen.“

Nicht nur die Kämpfer der Rebellen pendeln zwischen der Türkei und Syrien hin und her. Auch die Versorgung von Verwundeten wird von Öncüpinar aus organisiert. Der Arzt Aymen Rayez hat sich mit etwa einem Dutzend anderer Mediziner im Lager zusammengetan und fährt regelmäßig nach Syrien hinein, um Verletzte in die Türkei zu bringen. „Erst gestern hatten wir einen mit Bauchschuss und einen mit Kopfschuss, beide von Scharfschützen in Aleppo getroffen“, sagt Rayez. „Einer der beiden ist gestorben, aber der andere liegt jetzt auf der Intensivstation hier in der Türkei.“

Hinter den Verwundetentransporten steht ein gut organisiertes Netzwerk. Rayez und seine Leute werden von Kollegen aus den Feldlazaretten der Opposition angerufen, wenn verletzte Kämpfer aus Syrien herausgebracht werden müssen. Da die syrische Regierung hin und wieder das Telefonnetz lahmlegt, benutzen die Aufständischen für ihre Kommunikation mit den Ärzten in Öncüpinar das türkische Handynetz, das rund 25 Kilometer weit nach Syrien hineinreicht.

Wenn ein Anruf kommt, fährt Rayez los, in einem zivilen Wagen mit syrischem Kennzeichen. Meistens nimmt er gespendete Medikamente mit nach Syrien. Er kennt die Gegend gut, er stammt aus dem Gebiet um Aleppo, doch seine Einsätze sind trotzdem gefährlich. „Dass man beschossen wird, ist Routine“, sagt der erst 30-jährige Arzt. „Die schießen ja auf alles, was sich bewegt.“ Wenn er auf der Fahrt das Geräusch von Kampfjets oder Kampfhubschraubern hört, versteckt er sein Auto unter Olivenbäumen. Bleibt er unbehelligt, kann er in wenigen Stunden in Aleppo und wieder zurück sein.

Ärzte und Kämpfer seien nicht die Einzigen, die in Syrien gebraucht würden, sagt Rayez. „Egal, was man macht, alle haben eine Verantwortung.“ In anderen türkischen Lagern gebe es ähnliche Netzwerke, sagt er. Mit syrischen Ärzten im Lager von Reyhanli in der türkischen Provinz Hatay weiter westlich stehe er in engem Kontakt. Seine Oppositionsarbeit beschreibt er als Teil des „Dschihad“, eines heiligen Feldzuges gegen das Unrecht. Er sagt das ganz ruhig, ohne Eifer. Der Dschihad ist für ihn eine Aufgabe, die er erfüllen muss.

Befürchtungen im westlichen Ausland hinsichtlich eines Bruderkrieges zwischen der Mehrheit der Sunniten auf der einen und Minderheiten wie Schiiten, Christen und anderen Gruppen auf der anderen Seite teilt der Arzt nicht. „Es gibt keinen Krieg der Religionen“, sagt Rayez. Selbstverständlich helfe er auch verletzten Aleviten, den Mitgliedern jener schiitischen Glaubensgemeinschaft, zu der auch Staatschef Baschar al Assad und ein Großteil der syrischen Führung gehören. „Ich habe sogar schon verwundete Regierungssoldaten behandelt.“ Von der anderen Seite aber, das glaubt er, könnten verwundete Rebellen keine Gnade erwarten. „Die erschießen dich einfach.“

Die verwundeten Rebellen, die er in Syrien in Empfang nimmt, bringt Rayez über die Grenze ins nahe staatliche Krankenhaus im türkischen Kilis, das mittlerweile mit syrischen Patienten voll belegt ist. Allerdings seien die türkischen Kliniken nicht auf die Kriegssituation eingerichtet. „Es gibt Patienten, die müssen sieben Stunden oder länger auf eine Operation warten. Manche sterben vorher.“

Als Kritik an der Türkei will Rayez das aber nicht verstanden wissen. „Die Türkei hilft ja, aber die Europäer könnten mehr tun“, sagt er. Auch er fordert eine Flugverbotszone, um die syrischen Regierungstruppen zu zügeln. Aber auch ohne Flugverbot und trotz aller Ungewissheit will er weitermachen mit seinen Einsätzen. „Niemand weiß, wie lange das dauern wird.“

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