T-Aktie : Damals war es rosarot

Tausende Kleinanleger verklagen die Telekom, weil sie sich betrogen fühlen. Die T-Aktie, einst als „Volksaktie“ gefeiert, hat sich als Flop erwiesen. Wie war damals die Stimmung, als die Telekom an die Börse ging?

Heike Jahberg

Die Börse sieht rosa. Um den spektakulärsten Börsengang Deutschlands zu feiern, wirft sich die Frankfurter Börse in Schale. Neonbeleuchtete magentafarbene Kuben schmücken am 18. November 1996 den Eingang zum Handelshaus. Auf einer riesigen Monitorwand läuft der Countdown. Endlich ist es so weit. Das Zeichen der T-Aktie geht auf, ein neuer Stern am Börsenhimmel ist geboren.

Doch der Herr der Aktie, Telekom-Chef Ron Sommer, hat keine Zeit zum Verweilen. Er muss nach New York, denn auch dort wird einige Stunden später das Papier der Deutschen Telekom zum ersten Mal gehandelt. Mit dem Privatjet fliegt Sommer über den Atlantik, später steigt die Party: Im Guggenheim-Museum fließt der Champagner, am Abend singt Liza Minelli: „If you can make it there, you make it anywhere“.

Dass die T-Aktie es überall auf der Welt schaffen wird, haben nicht nur Ron Sommer und seine Vorstandskollegen geglaubt. Auch Millionen von braven Bürgern, die bisher mit Aktien nichts zu tun haben wollten, werden plötzlich Anteilseigner. Der Glaube an die „Volksaktie“ lässt die Deutschen von einem Volk der Sparer zu einem Volk der Aktionäre werden. Investierten in der Bundesrepublik zum Börsenstart der Telekom im Jahr 1996 lediglich 3,7 Millionen Bürger in Aktien, sind es vier Jahre später schon doppelt so viele. Zum Höhepunkt der Börseneuphorie hält fast jeder zehnte Deutsche Anteile an Aktiengesellschaften.

Sie machen das, was ihnen der Schauspieler Manfred Krug ans Herz gelegt hatte: „Die Telekom geht jetzt an die Börse“, hieß es in den Werbespots mit „Liebling Kreuzberg“, „da geh´ ich mit“. Und er geht nicht allein. Schon Wochen vor dem Börsengang lassen sich Menschen telefonisch für den Aktienkauf registrieren, ohne überhaupt zu wissen, was die Anteile später kosten sollen.

Der Erfolg gibt ihnen recht. 28,50 D-Mark (14,57 Euro) zahlen sie für die ersten T-Aktien, und schon am selben Tag klingelt die Kasse. Der erste amtliche Kurs liegt bei 33,20 D-Mark. Der damalige Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) jubelt: „Wir haben heute vielleicht mehr für die Aktie getan als in Jahrzehnten davor.“

Die Volksaktie ist ein Erfolgsmodell. Im Juni 1999 kommen neue T-Aktien auf den Markt, und auch sie finden reißenden Absatz – obwohl der Kurs jetzt schon bei 39,50 Euro liegt. Auch dieses Mal ist Manfred Krug dabei. Gemeinsam mit seinem „Tatort“-Kollegen Charles Brauer macht er Werbung für die T-Aktie. Dabei braucht das Papier die Unterstützung eigentlich gar nicht. Die Tranche ist doppelt überzeichnet. Denn die Börsenkurse kennen zu jener Zeit nur noch eine Richtung: aufwärts.

Der Börsenboom löst in Deutschland eine Aktieneuphorie aus. Sparbücher werden aufgelöst, das Geld wird in Aktien gesteckt. Wer kein Erpartes hat, leiht sich Geld. Statt über Kinofilme spricht man auf Partys über Neuemissionen. Reich zu werden, scheint ein Kinderspiel zu sein. Viele fragen sich, warum sie überhaupt noch arbeiten gehen sollen. Börsenmagazine finden reißenden Absatz, fast alle Sender führen Börsensendungen ein.

Von diesem Rausch profitiert auch die T-Aktie. Sie steigt und steigt und steigt. Am 6. März 2000 klettert sie auf 103,50 Euro. Dann platzt die Blase. Doch die Anleger, die beim dritten Börsengang zugreifen, wissen das nicht. Sie zahlen 66,50 Euro, Frühzeichner bekommen drei Euro Rabatt. Verwöhnt durch den Erfolg der Vergangenheit greifen die Menschen auch dieses Mal wieder beherzt zu. Die Tranche ist 3,5-fach überzeichnet.

Doch dieses Mal zündet das Kursfeuerwerk nicht. Schon am ersten Tag verliert die Aktie. Und es kommt noch viel schlimmer: Überall auf der Welt gehen die Börsen auf eine Talfahrt, die drei Jahre dauern wird. Die T-Aktie stürzt ins Bodenlose – bis auf 8,14 Euro. Als Ron Sommer im November 1996 nach New York flog, gab es an Bord als kleines Geschenk Sparschweine. Damals rissen die Passagiere darüber Witze. Heute weiß man, das Sparschwein wäre die bessere Anlage gewesen.

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