Zeitung Heute : Taberna de Bellas Artes

Tapas mit Tuchfühlung

Elisabeth Binder

VON TISCH ZU TISCH

TABERNA DE BELLAS ARTES, Pfalzburger Str. 72a, Wilmersdorf, Tel. 88 68 05 41, geöffnet täglich ab 17 Uhr. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Der schönste Platz ist ganz hinten im Raum, man muss sich durch die Massen ziemlich durchkämpfen, um dahin zu gelangen. Es ist ein winziger runder Tisch, der ein bisschen wackelt und von zwei ausladenden Lehnsesseln umgeben ist, die aussehen wie für spanische Granden entworfene Thronsessel. Leider ist der Tisch zum Essen nicht geeignet, sagt die nette Kellnerin. Aber wenn man an einem Ort ist, der sich dem Namen nach den schönen Künsten verschrieben hat, dann kommt vor dem Essen vielleicht doch das Debattieren oder die Huldigung an die schönen Getränke. Cava, großzügig ausgeschenkt, für 3,60 Euro das Glas oder auch den samtigen roten Rioja, den Hauswein, der dem Hause und seinen schönen Künsten Ehre macht (3,90 Euro), kann man beim Reden in der Hand behalten, ohne die Tragfähigkeit des Tischchens in Frage zu stellen.

Diese Taberna ist ein Ort, der Liebhaber schöner Künste wahrscheinlich auch ohne den einschlägigen Namen anzöge, weil sie ein bisschen wie eine Kneipe wirkt, wenngleich eine sehr gemütlich eingerichtete und in diesen spanischen Schokoladenfarben ein bisschen nach Wohnzimmer riecht und ein bisschen nach Studentenküche. Das Publikum, eher jung, nimmt die damit einhergehende Tuchfühlung mit Humor. Wer sich hierher begibt, sollte keine Berührungsängste haben, enger kann man die Tische nicht stellen, und es drängen immer noch Leute hinein. Tapas sind eben nach wie vor in, weil sie dem modernen Trend zum Patchwork Food so schön entsprechen. Da kann man die Rechnung steuern wie die Kalorienzahl.

Was an dieser Tapas-Bar die Leute in Scharen anzieht, wird rasch klar. Hier wird wirklich selber gekocht mit frischen Zutaten. Die kleinen Champignons mit Knoblauch glänzen braun und rund in einem der typischen kleinen Schüsselchen. Niemand hat sie zu Monstern hochgezüchtet, niemand in Öl ertränkt. So muss frisches Gemüse aussehen (3,60 Euro). Brot und Knoblauchmayonnaise gibt’s schon zu den ersten Drinks dazu. Die Calamares Romana verbergen sich in einer kräftigen, aber appetitlich krossen Panade, ein bisschen Salat dazu, natürlich Aioli (3,90 Euro). Die Tintenfischringe gäbe es auch als große Hauptgericht-Portion, aber warum sollte man um eines einzigen Sattmachers willen auf das Feuerwerk verzichten? Etwas schade, dass alle bestellten Tapas auf einmal kommen, mit ein paar Unterbrechungen könnte man sie entspannter genießen. Der Serrano Schinken immerhin kann nicht kalt werden, tolle Qualität, hellrot, frisch geschnitten (5,20 Euro). Alternativ gibt es hier für Fischfans auch Schinken vom Thunfisch. Die Portionen könnten, wie es in Spanien oft üblich ist, ruhig noch ein bisschen kleiner sein. Es gibt günstige Tapa-Menüs, aber da muss man sich auf Überraschungen gefasst machen. Ein Mitspracherecht bei der Auswahl gibt es nicht, die Kellnerin blieb ganz fest. Sie wisse selber nicht mal ansatzweise, was da auf den Teller komme, die Oberhoheit über die Auswahl liege allein beim Koch. Für dessen Vorratshaltung ist das Angebot wohl ebenso ideal wie für unentschlossene Gäste. Die Paprika, leuchtend rot, geschält und mariniert, sind wahrscheinlich ein Hit und kommen in der Kombination eher selten vor (3,90 Euro). Die gigantischen Oliven aus Katalanien, eingelegt mit Knoblauch, als Appetitanreger bestens geeignet, würde man sich nicht um eines Zufalls willen entgehen lassen (3,10 Euro). Eher lauwarm wird die Tortilla Patata serviert, die feucht-saftige Kartoffeltorte, deren Pikanterie unter ihrem Umfang nicht leidet; aber schade ist es doch um jeden Krümel, den man zurückgehen lassen muss, um der anderen Vorspeisen Herr zu werden (3,60 Euro).

Ein Muss sind die Papas Arrugadas, nicht nur für notorische Kanarenfans. Die Interpretation der klassischen Mojos in orange und grün ist hier nämlich wirklich schmeckenswert, weil Kräuter und Gemüse noch deutlich präsent sind und nicht aufgegangen in einer präfabrizierten Mixtur. Sie werden allerdings direkt über die Schrumpelkaroffeln gegossen, zwei kleine Schüsseln wären auch okay. Die Kartoffeln toll gelungen, das mehlig Weiße innen hat sich respektvoll von der Schale weggeschrumpft. (3,60 Euro).

Zum Vanilleeis mit Rumfrüchten gibt es die unvermeidliche Sahne und leider zu viel knirschenden Zucker. So süß muss es nicht mal nach den hier dargebotenen Knoblauchmengen sein. Dafür hätten die Früchte, Äpfel in diesem Fall, sich gern noch ein bisschen länger im Rumfass aufgehalten, um sich nach allen Regeln der schönen Künste voll zu saugen (4,10 Euro). Aber das ist vielleicht auch nur ein unwesentlicher Einwand. Die Leute lachen trotzdem und naschen und heben die Gläser und quetschen sich dichter aneinander, als es noch ein bisschen voller wird. Die Feier der Lebenslust ist eben auch eine schöne Kunst, und dies das richtige Ambiente, in dem man ihr nachgehen kann.

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