Tacheles : Ruinen einer Idee

Ein freier Ort für freie Menschen, die freie Kunst schaffen wollen – mit diesem Gedanken ist das Tacheles, das weltberühmte Künstlerhaus, mal gegründet worden. Nun ist die Kündigung da, Ende 2008 ist Schluss. Was verliert die Stadt? Manche meinen: nichts

Kerstin Decker
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Nur Fassade: Die Künstler, die das Tacheles 1990 in schöner Einigkeit gründeten, bekriegen sich heute. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Am erfolgreichsten ist seine Tänzerin. Er verkauft sie in die ganze Welt, für knapp 500 Euro. Diese Frau aus Altmetall berührt den Boden nur mit dem großen Zeh. Wer möchte das nicht, manchmal?

Kemal Cantürk stößt sie an. Sie beginnt auf einem dünnen Metallstab zu schwingen, es sieht aus wie Tanz. Das ist bloß Physik!, sagt Cantürk, Metallkünstler, Mitbegründer des Tacheles in Berlin-Mitte. Aber seine Augen sagen, das ist Kunst!, Denn die Tänzerin stürzt nie ab, egal, wie sehr man stößt. Beim Tacheles, dem weltberühmten Kunsthaus an der Oranienburger Straße, ist das wohl anders.

1998 hatte die Ruine des einstigen Luxuskaufhauses einen neuen Eigentümer bekommen. Und der hat jetzt getan, was das Recht eines jeden Eigentümers ist: Er hat seinem Mieter, dem Tacheles-Verein, gekündigt. Zum Jahresende. Das Ende einer Legende?

Dabei hatte Kemal Cantürk aus Kreuzberg nie vor, Mieter zu werden. Kein Hausbesetzer hat das vor.

Als er hier ankam, Anfang 1990, war die Oranienburger Straße genau wie alle DDR-Straßen: am Tage halb tot, abends ganz. Das ist es, dachte Cantürk sofort, als er die Ruine sah. Seine Mitbesetzer dachten es auch. Und die Künstlergruppe aus dem Osten, die „Tacheles“ hieß.

Den Krieg hatte das große Haus fast unversehrt überstanden, aber was sollte die DDR mit einem ehemaligen Luxuskaufhaus? Hinten an der Friedrichstraße war sie schon fertig mit dem Sprengen, und am einstigen Haupteingang an der Oranienburger wollte sie gerade weitermachen, die Wende lag erst ein paar Monate zurück. Platz für eine schöne neue Kreuzung! Da kamen Kemal Cantürk und die anderen, die einen wirklich freien Ort für ihre wirklich freie Kunst suchten.

Wirklich freie Kunst ist grundsätzlich solche, an die niemand glaubt, außer dem Künstler selbst, die niemand fördert, höchstens andere Künstler, denen es genauso geht. Damals war Cantürk, der mal Tischler gelernt hatte, noch Maler. Ohne van Gogh wäre ich nicht Maler geworden, sagt er. Er hatte gelesen, dass Menschen für Van-Gogh-Bilder viele Millionen ausgeben. Er konnte es wenigstens einmal versuchen. Den realistischen Ansatz hatte er von Beuys: Jeder ist ein Künstler!

Das war im Grunde die Idee aller, die mit ihm ins Tacheles zogen. Und so malten die Maler und töpferten die Töpfer und spielten die Musiker, als die letzten Vollstrecker der DDR schon die Sprenglöcher bohrten. Wie existentiell die Kunst sein kann, dachten die Künstler. Sprengtermin, erinnert sich Cantürk, war der 22. April 1990. Er tippt seine Metalltänzerin an. Damals rechneten sie das erste Mal mit Räumung. Und dann dachte die Noch-DDR das Nächstliegende: Wozu brauchen wir eigentlich eine neue Kreuzung? Und stoppte die Sprengung.

Der Mythos des Tacheles ist der der Wendezeit. Die Macht lag auf der Straße, jeder konnte sie aufheben. Jeder konnte alles werden, einen kurzen Augenblick lang galt das Realitätsprinzip nicht mehr. Und dann kamen die Touristen von überall, um sich das aufgehobene Realitätsprinzip anzugucken, inklusive Müllkultur- und Graffiticharme. In seinen besten Zeiten zog das Tacheles 400 000 Besucher jährlich an, so viele wie die Museumsinsel.

Noch lebt die Legende. Zwei Spanier sehen sich andächtig in Cantürks Erdgeschossgalerie um. Schrottvögel, Skulpturen aus Sellerie und schräge Berlinbilder. Außerdem ist es hundekalt, und Cantürk wirkt in seiner blauen „Italia“-Trainingsjacke eher wie ein Klempner. Sind Kunstbesetzer nicht grundsätzlich jung? Der Metallarbeiter wird bald 60. Aber die Spanier scheinen etwas anderes zu sehen. Noch immer den freien, selbstbestimmten Ort freier, selbstbestimmter Menschen, die nichts wollen als die freie, selbstbestimmte Kunst. Sie nehmen zwei Postkarten. Sechs Euro, sagt Cantürk. Die Spanier zahlen mit Ehrfurcht.

Kunst und Wirklichkeit – vielleicht sind das doch zwei verschiedene Dinge, sogar hier im Tacheles und hier erst recht. Eine Ich-Idee und eine Wir-Idee zugleich. Keiner wusste, wie haltbar sie war. Berlin wusste das lange auch nicht. Einerseits war das Tacheles überaus illegal, andererseits war es eine Attraktion. Und es war international. Theatergruppen und Musiker aus aller Welt traten bald auf, das war Kunst-Globalisierung von unten. Und vor jeder neuen Räumungsklage der Oberfinanzdirektion feierten die Kunstbesetzer, die Besetzungskünstler eine neue Räumungsparty, auf allen Etagen. Motto: Fürchtet Euch nicht!

Waren Räumungsbefehle etwa gefährlicher als Sprenglöcher?

Und wenn es ernst wurde mit der Räumung, erklärten UN-Generalsekretär Kofi Annan oder Bruce Springsteen ihre uneingeschränkte Solidarität.

Das war die Kunst als Wirklichkeit und die Wirklichkeit als Kunst. Selbst die Fondsgesellschaft Fundus musste das 1998 einsehen und kaufte die Immobilie vom Bund schließlich mit den tief beargwöhnten Kunstmietern drin, die sich sehr gesträubt hatten und viel öffentliche Unterstützung bekamen. Sie zahlten Fundus nach langen Verhandlungen schließlich eine D-Mark, später fünfzig Cent Miete pro Monat, zehn Jahre lang. Gewissermaßen eine Kunstmiete.

Die Fundus-Gesellschaft hat die Ruine samt Brachflächen 5,4 Millionen D-Mark gekostet.

Und nun sind die zehn Jahre um. Der Vertrag läuft schlicht aus, erklärt mit nachsichtigem Lächeln Johannes Beermann von Fundus und macht deutlich, dass er im Grunde gar nichts erklären muss. Ob man nicht auch ein gewisses Missverhältnis zwischen Mietzins und Objektwert bemerkt habe?

Kemal Cantürk stößt noch einmal die Tänzerin an. Sie richtet sich wieder auf. Na bitte. Nebenan liegt das Café Zapata und im ersten Stock das Kino. Der Kinobetreiber ist auch da, er heißt Peter Multhaup und hat das leicht resignierte Lächeln von Menschen, die wissen, sie sind im falschen Film, und der ist merkwürdigerweise das eigene Leben. Die beiden schauen sich an. Es gibt da noch ein Problem, und das ist nicht Fundus, das sind sie selbst, das ist diese Ich-Idee als Wir-Idee.

Ja, wenn man Tacheles reden könnte! Aber es gibt keinen Klartext mehr, nicht im Tacheles. Eigentlich gibt es nur noch Aktenordner, gefüllt mit den endlosen Klagen der Tacheles-Leute gegeneinander. Wenn Fundus das Tacheles entmieten will, so liegt das gewissermaßen in der Ordnung der Dinge. Aber die Tacheles-Mieter sind längst dazu übergegangen, sich gegenseitig zu entmieten. 140 Prozesse haben sie geführt seit 2002, gegeneinander.

Verstehen Sie, beginnt der Cineast, die haben Hueseyin Arda rausgeklagt. Arda, unterbricht Cantürk, hatte die zweite Metallwerkstatt hier, er verkaufte auch weltweit. Rausgeschmissen vom eigenen Vorstand, weil er seine Miete regelmäßig zwei Tage zu spät zahlte. Regelmäßig, wiederholen mit dunkler Betonung der Metallkünstler und der Kinomann.

Die Mietzahlung als Kunstaktion und doch mit überlegener Einsicht in die Notwendigkeit des Lebens? Cantürk und Multhaup nicken.

Aber wieso zahlte Arda überhaupt Miete, wenn Fundus von seinem Tacheles-Gesamtmieter nur fünfzig Cent bekommt? Ich zahle doch auch Miete, antwortet der Metallkünstler. Und ich, ergänzt der Kinobetreiber, überweise fast 3000 Euro im Monat. Er gelte ohnehin als der Kapitalist hier. Schließlich stelle er selbst keine Kunst her, sondern zeige nur die der anderen. Parasitäres Verhalten, streng genommen. Darum die Miete.

Beide zahlen die Miete aber nicht an ihren Vermieter, sondern an ihren selbstgewählten Vorstand. Denn das war die Idee des Kunsthauses von Anfang an: Wer Geld verdient, verdient es für die anderen Künstler, die keins verdienen. Er verdient es gewissermaßen zur Förderung der Kunst und des Tacheles sowie des hauseigenen Kunstprogramms. Noch immer arbeiten bis zu 60 Künstler in mehr als 30 Ateliers. Auch wenn Kritiker sagen, der genialische Geist von einst sei schon lange verschwunden.

Durch das Café Zapata mit seinen no-future-dunklen Wänden dröhnt Punk. Ein paar einzelne Gäste versuchen sich in die authentische Hausbesetzeratmosphäre einzufühlen. Wie authentisch alles ist, können sie nicht ahnen. Es ist alles fast wie in alten Zeiten.

1990 hatte Kemal Cantürk sich bis zur Kanalisation in der Oranienburger durchgegraben und die ersten hauseigenen Not-Toiletten gebaut. Und es gab noch mehr zu tun: Gas und Strom mussten wieder angeschlossen werden. Auch heute geht manchmal im Café Zapata das Licht nicht mehr an, und Wasser und Gas sind weg. Dabei schützt Caféhauschef Ludwig Eben seine Anschlüsse so gut er kann – gegen den Feind unterm selben Dach. Aber im November fand er ein großes Loch in seinem Keller. Durch zwei Mauern hatte sich der Feind zu ihm durchgegraben.

Wer ist der Feind? Natürlich der beste Freund von einst. Er heißt Martin Reiter und ist Vorstand des Tacheles e.V. Cantürk und Eben haben ihn einst gewählt.

Kennen Sie meine Wasserrechnung?, fragt Reiter in makellosem Österreichisch, dem weit über zehn Jahre Berlin nichts anhaben konnten. Er steht mit verschränkten Armen, von der ersten Februarsonne beschienen in seinem Büro an der verglasten Rückseite der Kunstruine. 12 600 Liter Wasser täglich! Das ist nicht normal. Reiter breitet jetzt die Arme aus und sieht mit dem schmalen Gesicht und den langen lockigen Haaren aus wie der Erlöser selbst. Er gehört auch rhetorisch zum messianischen Typus. Jeder Satz wie eine Botschaft, selbst wenn er nur sagt: Ich kann mir das nur so erklären, dass das Café nach Feierabend das Wasser laufen lässt! Und dabei zahlt es seit Jahren keine Miete und auch keine Betriebskosten mehr, genau wie früher Ardas Metallwerkstatt. Und besitzt weder Wasseruhr noch Stromzähler.

Mitte der Neunziger war der Aktionskünstler Martin Reiter ans Tacheles gekommen, um hier vor Publikum mit einem selbst gebauten Roboter zu kämpfen. Eh, das war total gut, sagte Cantürk danach zu ihm. Und der Zapata-Chef Eben überlegte: Wenn der nicht mit Robotern kämpft, soll er ruhig in meinem Café helfen. Reiter blieb.

Eigentlich ist es ein schöner Gesellschaftsvertrag: Die einen arbeiten kreativ, die anderen sorgen für die Rahmenbedingungen der Kreativität: Kino, Café und Verkaufsgalerien. Oder ist dieser Künstlergemeinschaft doch das widerfahren, was in jeder anderen Gesellschaft auch geschieht? Was sie vorwärts treibt, treibt sie zugleich auseinander. Lauter Eigensinnigkeiten entstehen, und die größte Eigensinnigkeit unter der Sonne ist noch immer – das Eigentum.

Dem Eigentum folgt das Recht auf dem Fuße. Und das Recht ist nicht unbedingt etwas Schönes, denn es setzt immer genau dort an, wo das letzte gemeinsame Tischtuch schon zerschnitten ist. Fast alle Tachelesen sind inzwischen große Rechtsexperten, gewiefte Verfahrenstheoretiker, hartnäckige Verfolger von Formfehlern, Künstler auf Abwegen. Sie spielen das große Verdunklungsspiel auch gern mit Journalisten. Kein Außenstehender versteht das ganz. Gewiss ist nur, das hier ist ein Beziehungsdrama, und keiner hat Schuld oder Unschuld allein. Und vor allem: Der Betrieb eines Kunsthauses lenkt ab von der Kunst.

Cafébetreiber Ludwig Eben gehört zu den Urbesetzern. Eigentlich ist er Maler, aber als 1991 das Café aufmachte, musste es schließlich jemand betreiben. Ich kann nicht, meine Kunst ruft mich!, sollen laut Eben die meisten Künstler damals gesagt haben. Er, der Maler, entschied anders und wurde allmählich Eben, der Cafébetreiber. Man erkannte das daran, dass er anfing, seltsame Fragen zu stellen. Und so forderte er eines Tages von seinem Vorstand das Undenkbare: eine detaillierte Betriebskostenabrechnung der Kunst. Wer die Rahmenbedingungen der Kunst finanziert, sollte der nicht auch mitbestimmen dürfen, wer davon profitiert?

Vorstand Reiter war überrascht. Ausgerechnet der ohne Wasseruhr und Stromzähler will Bürokratie? Hatten sie nicht eben noch in einer spektakulären Kunstaktion einen echten Bunker gebaut, aus bestem Beton? Titel der Aktion: „Wie entwerte ich ein Grundstück nachhaltig?“ Ein Grundstück mit Bunker ist viel weniger wert als eines ohne Bunker. Das ist Anarchie, das ist Subversion.

Streit hatte es immer gegeben, viel Streit sogar. Aber das war nicht schlimm, solange man einen gemeinsamen Feind hatte. Den Senat, die Oberfinanzdirektion, Fundus. Wir sind in Situationen zurechtgekommen, wo alle anderen nach Hause gehen würden, sagt Eben nicht ohne Wehmut. Wie sollten sie ahnen, dass nur eine Situation sie hoffnungslos überfordern würde? Die Legalität.

Und der lachende Dritte ist Fundus?

Eben schaut mit gespielter Neugierde nach draußen. Da steht – gar nichts. Hinterm Tacheles liegt nur die bekannte, stark vermüllte Brache. Eigentlich müsste hier eine ganze Teil-Stadt sein, Fundus-Stadt, seit zwei Jahren schon sollte sie fertig sein. „New Urbanism“, mit Büros, Luxus-Hotel, Wohnungen, Boutiquen, Hunderte Millionen Investitionsvolumen.

Wir haben unsere Pläne nicht geändert, erklärt sanft der Fundus-Vertreter, ja, das Tacheles-Umfeld soll jetzt entwickelt werden. Unabsehbare Zeiträume klingen in Beermanns Stimme, der „zarte Aufschwung des Berliner Immobilienmarkts“ zittert darin nach. Zu zart noch für Fundus?

Das Tacheles bleibe definitiv ein Ort von Kunst und Kultur, versichert der Fundus-Sprecher und antwortet auf die Frage, ob denn mit oder ohne Tachelesen, dass er sich in solche kulturellen Niederungen – es folgte ein kurzes Zögern: „Niederungen in Anführungszeichen bitte!“ – nicht begeben wolle. Obwohl man natürlich mit jedem spreche.

Wir sind zu einer 1000-prozentigen Mieterhöhung bereit, verkündet Martin Reiter messianisch-salomonisch und breitet wieder die Arme aus, wie um Fundus darin willkommen zu heißen. Im Übrigen sei er „superguter Dinge“. Ein Viele-Punkte-Programm zur Entwicklung des Tacheles bis 2020 ist schon geschrieben. Vorgesehen ist die Gründung einer Hausverwaltungs- und Betreibergesellschaft, und die Gastronomie soll weiterhin die Kunst finanzieren. Aber ohne Ludwig Eben, hofft Reiter. Ein hausinternes Konfliktverlaufspapier merkt dazu bündig an: „September 2007. Cafébetreiber verlieren endgültig Prozess zu Versorgung mit Wasser und Wärme, Kammergericht bestätigt auch Kündigung durch Tacheles e.V. Die Räumung steht an – ca. Frühjahr 2008 – Problem erledigt.“

Problem erledigt – Reiter geht, das wiederum hofft die Café-Kino-Metallkunst-Partei.

Aber draußen lauert schon das nächste.

Die Gegend um das Tacheles ist immer nobler geworden, kunstgewerblich-konfektioniert. Vorstand Martin Reiter möchte am liebsten die Augen schließen, wenn er abends nach Hause geht. Warum gibt es keinen Schutz vor visueller Belästigung? Nur das Tacheles sieht noch immer aus wie früher, gruftig-grindig.

Andererseits lebt jede Szene vom Moment des Authentischen. Darin liegt eine Chance, die letzte vielleicht – wenn Fundus kein Kunsthotel aus dem Tacheles macht, die Ateliers als Fünf-Sterne-Zimmer. Die Pro-Tacheles-Unterschriftenlisten sind schon verteilt. Diesmal werden Kofi Annan und Bruce Springsteen wohl keine Solidaritätserklärungen schicken.

Nicht einmal die „Wirtschaftswoche“ feiert ihre Partys noch im Tacheles.

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