Zeitung Heute : Täglich Kindertag

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

Britta Wauer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wenn ich dieser Tage unterwegs bin, habe ich manchmal Mitleid, wenn ich sehe, wie die Leute angezogen sind: junge Männer in Trainingsjacken, braun oder grün, und Mädchen in verrutschten T-Shirts und Schlabberhosen. Früher hat man sich geschämt, wenn man so rumlaufen musste. Es war der sichere Beweis, dass man keine Westverwandten hatte. Die schickten den Glücklichen gelegentlich Pakete, zwar mit abgelegten Klamotten, aber die bewahrten davor, Trainingsanzüge zu tragen. Trainingsanzüge waren der Inbegriff von DDR-Kindermode.

Heute kommt es mir vor, als wäre ständig Kindertag – zumindest in weiten Teilen der Spandauer Vorstadt in Mitte. In der DDR war „Kindertag“ am 1. Juni, es war schulfrei, aber Sportfest. Alle Klassen standen in Sportkleidung auf dem Schulgelände herum und warteten auf den Wettkampf in der nächsten Disziplin (Kugelstoßen, Weitsprung oder Handgranatenwerfen). Es gab nichts Peinlicheres, als vor den Jungs der ganzen Schule im Weitwurf zu versagen, aber das Mindeste war, dass man als Mädchen dabei nicht auch noch Turnsachen trug. Die Weiblichkeit zeigte sich in einem Stil, der dem heutigen shopping-look für die Alte Schönhauser Straße ernüchternd ähnlich sieht: Pluderhose und T-Shirt, eine Schulter unbedeckt und darunter ein Netzhemd. Okay, die jungen Ladys von heute haben definitiv die cooleren Sonnenbrillen – wir hatten sozusagen gar keine –, aber ansonsten herrscht jetzt eine Mode, die ich persönlich nicht so richtig schick finden kann.

Macht ja nichts, denn „Kindertag“ ist auch kein schlechtes Lebensmotto. Ein kleiner Hochparterre-Laden, vor gut zwei Wochen eröffnet in der Auguststraße in Mitte, spielt zum Beispiel sehr erfolgreich mit dem ranzigen Image der Ost-Mode. Der Bekleidungshandel, der sich kess „pláne-tick budapest-berlin“ nennt und Klamotten von mehreren ungarischen Designern verkauft, war schon vier Tage nach der Eröffnung ein gut besuchter Geheimtipp. Das Prinzip der Ungarn ist, dass sie zumeist aus alten Stoffen und Schnitten, neue Modelle schneidern. Die sehen blumig und peppig aus, zugleich aber gut gearbeitet und ungewöhnlich kombiniert. Da das alles auf dem Preisniveau von H&M beginnt, kann sich der Laden über einen Kundenansturm freuen. Der junge Mann, in dessen Begleitung ich neulich in den Laden stolperte, brauchte nicht mal eine Minute, um aus dem bunten Sortiment eine mittelblaue Trainingshose mit knallroten Seitenstreifen herauszufischen und sofort zu kaufen. Die Hose erinnert zwar an die offizielle DDR-Olympiamode von 1976 (ein vererbtes Exemplar habe ich bei mir auf dem Hängeboden), aber den Käufer machte es unübersehbar glücklich.

Auch die alten Haarschnitte sind gerade voll im Trend. Die aktuellen Frisuren (lang im Nacken, sonst fransig kurz) sind prädestiniert für Dauerwellen. Da DDR-Filme jetzt in Mode sind, dürften sich Produktionsfirmen über ideale Drehbedingungen und ein reiches Angebot an Statisten freuen: Die Jugend sieht immer mehr aus wie echte Ossis. Fehlt nur noch die Wiederbelebung der Marmorjeans.

Der Bekleidungshandel „pláne-tick budapest-berlin“ ist in der Auguststr. 74 in Mitte, geöffnet Mo-Fr 12-20h und Sa 11-16h

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