Zeitung Heute : Täglich NRW (14)

Ingo Plaschke

CDU, FDP und Grüne wollen die Steinkohle-Subventionen über kurz oder lang abschaffen. Wie realistisch ist ein Ausstieg aus dem traditionsreichen Bergbau?

Es gibt Dinge im Ruhrgebiet, die ändern sich nie. Täglich wird die A40 zum Ruhrschleichweg, die Portion Pommes bestellt man rot-weiß, Schalke 04 verpasst die deutsche Meisterschaft. Und Udo Kath begrüßt seine Gesprächspartner so wie seit einem Jahrhundert üblich: mit einem lautstarken „Glück auf.“ Selbstbewusst tritt der Pressesprecher der Deutschen Steinkohle (DSK) auf, obwohl er zu einer aussterbenden Berufsspezies gehört: dem Bergmann.

40 000 Kumpel arbeiten auf den neun verbliebenen Zechen in Deutschland, acht davon in Nordrhein-Westfalen, eine im Saarland. Wenn sich mit der 1997 erzielten Kohlevereinbarung bis 2012 die staatlichen Subventionen von heute jährlich 2,6 auf 1,7 Milliarden Euro reduzieren, werden nur noch 20 000 Kumpel auf fünf Bergwerken einfahren. Das wurde so beschlossen, von Bundes- und NRW-Regierung sowie der RAG (früher: Ruhrkohle AG), dem Mutterkonzern der DSK – rechtsverbindlich zunächst bis 2008, danach kann die Vereinbarung nochmals verhandelt werden.

Es könnte ganz schlimm kommen, schwant Udo Kath. Wenn nach der Wahl am 22. Mai CDU und FDP auf der Regierungsbank sitzen. Die FDP will die letzten Zechen lieber heute als morgen schließen, die CDU die Kohlesubventionen bis 2010 halbieren, mindestens. „Dann wird es betriebsbedingte Kündigungen geben“, befürchtet Kath. Eine Zeitenwende an Rhein und Ruhr.

Seit 1966, seit die SPD an der Macht ist, agieren die Ministerpräsidenten Kühn, Rau, Clement und Steinbrück als Niedergangsmanager, die den sozialverträglichen Abschied von der Großindustrie organisieren. 1957 gab es noch 173 Bergwerke mit mehr als 600 000 Beschäftigten. Betriebsbedingte Kündigungen hat es in der Geschichte des kontrollierten Zurückfahrens des Steinkohleabbaus nie gegeben – sie wären ein Novum.

Vor einem Absturz der Steinkohle warnt Manuel Frondel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung: „Will man die Leute nicht auf die Straße setzen, ist ein sofortiger Ausstieg nicht möglich“, erteilt er dem FDP-Plan eine klare Absage. Machbar hält der Energie-Experte einen verschärften Sinkflug, wie ihn die CDU wünscht. „Das ginge auch ohne betriebsbedingte Kündigungen.“ Die Absicht der Grünen, „Ausstieg bis 2015“, findet er am vernünftigsten.

Eine Zukunft für die deutsche Steinkohle, die zu 75 Prozent zur Stromerzeugung in Kraftwerken verfeuert wird, sieht Frondel nicht. „Sie ist mitunter dreimal so teuer wie Importkohle.“ Sollte die Atomkraft, wie beschlossen, nach und nach wegfallen, könnte diese nicht durch regenerative Energien wie Wind, Wasser und Solar ersetzt werden. Die Herstellung für eine Kilowattstunde Strom aus Steinkohle beträgt drei Cent, die Einspeisevergütung aus Windkraft 8,9 Cent. Sollte es beim Ausstieg aus der Kernenergie bleiben, werde die Braunkohle eine bedeutendere Rolle spielen. „Großer Vorrat, kostengünstiger als andere Energieträger“, begründet Frondel.

Derweil plant die RAG ein neues Bergwerk, rein privat finanziert, mit Zustimmung der SPD. Nahe Hamm sollen 2500 Kumpel jährlich drei Millionen Tonnen Kokskohle fördern. Vor allem für China, weil dort die Stahlindustrie boomt. Fachleute bezweifeln, dass sich die derzeitigen Spitzenpreise für Kokskohle von 120 Dollar langfristig halten. Wegen einer weltweit verstärkten Förderung dieses Rohstoffes würden die Preise sinken, deshalb rechne sich der neue Pütt nicht.

Solche Zweifel können Udo Kath nicht erschüttern. Er sagt: „Die neue Zeche macht uns Bergleuten Mut.“

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