Zeitung Heute : Täglich NRW (15)

Jürgen Zurheide

Von Stadien und Steuern. Warum stehen zwei Städte wie Essen und Düsseldorf heute so unterschiedlich da?

Wer Wolfgang Reiniger auf dieses Thema anspricht, erntet ein mildes Lächeln. „Wir tun das, was wir können", erläutert der Essener Oberbürgermeister, wenn man ihn nach dem neuen Fußballstadion für den Traditionsclub Rot-Weiss fragt. In der Tat hat die Stadt Unterstützung für das von der Vereinsführung angeschobene 35-Millionen-Projekt signalisiert. Aber allen Beteiligten in der Reviermetropole ist klar, dass der Verein den dringend benötigten Neubau überwiegend privat finanzieren muss.

Damit verhält sich Essen völlig anders als Düsseldorf. Obwohl die dortige Fortuna in der vierten Liga spielte, trieb CDU-Oberbürgermeister Joachim Erwin ein gigantisches Stadionprojekt voran und stellte eine über 200 Millionen teure Arena in den Düsseldorfer Norden. Er ließ sich nicht einmal von Vorhersagen aufhalten, die darauf hinwiesen, dass der Bau überwiegend leer stehen werde – was inzwischen eingetreten ist und die Stadtkasse stark belastet. Obwohl Reiniger und Erwin beide der Union angehören, kommen sie zu völlig unterschiedlichen Entscheidungen in der Stadionfrage. „Wir können uns das leisten“, ist Joachim Erwin überzeugt. Reiniger reagiert dagegen sehr einsilbig: „Schauen Sie sich mal unsere Steuereinnahmen an.“

Und die haben mit der Wirtschaftsstruktur der beiden Städte zu tun. Während Düsseldorf lange als der Schreibtisch des Ruhrgebietes galt (und dort entsprechend besser verdient wurde) war Essen geprägt von den Krupp-Werkshallen. In der Revierstadt haben zwar so viele Großunternehmen ihren Firmensitz, wie in keiner anderen deutschen Metropole. Aber Unternehmen wie Karstadt machen im Moment eher negative Schlagzeilen. Außerdem zahlen Dax-Unternehmen wie RWE nur wenig Steuern – in der Konsequenz liegen die Steuereinnahmen pro Kopf in Essen bei 834 Euro, während Erwin in Düsseldorf mit 1329 Euro kalkulieren kann.

Das zweite Stichwort lautet Strukturwandel. Essen hat sich zur Dienstleistungsstadt gewandelt, aber der Prozess war viel schmerzhafter als in Düsseldorf, wo die Strukturen immer ausgewogener waren. Allein zwischen 1996 und 2001 sank die Bruttowertschöpfung der Industriebeschäftigten in Essen um mehr als zehn Prozent. In der Heimat von Krupp gibt es heute nur noch drei produzierende Betriebe mit mehr als 500 Mitarbeitern. Der Dienstleistungssektor ist zwar um sieben Prozent gewachsen, das hat aber nicht gereicht, die Lücke zu schließen. In Düsseldorf sieht es anders aus: Die Produktion ist geblieben, bei den Dienstleistungen gab es neue Arbeitsplätze und unter dem Strich nimmt die Stadt viel mehr Geld ein, als alle anderen Gemeinden. Nirgendwo liegt die Zahl der Einkommensmillionäre in Nordrhein-Westfalen höher als in Düsseldorf.

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