Zeitung Heute : Täglich NRW (16)

-

Laut ForsaUmfrage wissen zwei Tage vor der Wahl 40 Prozent der Wähler nicht, ob, und wenn ja, für wen sie abstimmen werden. Haben die Parteien den Wahlkampf falsch geführt, Herr Andersen?

Der Lagerwahlkampf hat nicht die Stimmung der Bevölkerung getroffen. Die Zuspitzung der SPD „Die oder wir“ wurde nicht angenommen. Die Leute haben nicht den Eindruck, dass es um eine große Richtungswahl geht. Nach 39 Jahren SPD-Regierung ist aber eine gewisse Wechseltendenz zu spüren.

Hat die CDU die Wahl schon gewonnen?

Die Regierung gewinnt und verliert die Wahl, nicht die Opposition. Die Opposition wird von den Wählern auch nicht sehr positiv eingeschätzt, die Regierung allerdings noch schlechter.

Das hört sich nach allgemeiner Parteienver drossenheit an. Wird die Wahlbeteiligung noch schlechter sein als 2000, damals lag sie historisch tief bei 56,7 Prozent?

Es hat im Wahlkampf keine Politisierung der Bevölkerung gegeben. Ich befürchte, dass die Beteiligung noch sinken wird, auf ein beklagenswert niedriges Niveau. Für die SPD ist entscheidend, ob sie ihre vor allem durch die Bundespolitik enttäuschten Stammwähler mobilisieren kann – das ist noch offen.

Was könnten die Gründe für eine Wahlverweigerung sein?

Früher wurde das Wahlrecht als Bürgerpflicht interpretiert, das ist heute nicht mehr so. Immer mehr Bürger fragen sich, ob es für sie persönlich Sinn macht, zur Wahl zu gehen. Die Landesregierung kann nur begrenzt etwas tun, wenn es um die Situation auf dem Arbeitsmarkt geht. Die Möglichkeiten von Politik werden im Zeitalter der Globalisierung immer skeptischer beurteilt.

Auch von Jungwählern?

Man kann leider jetzt schon voraussagen, dass auch bei dieser Wahl vor allem Jüngere nicht hingehen werden. Im Jahre 2000 wählte nicht mal jeder Zweite von ihnen.

Bei der NRW-Wahl 1995 waren 58000 Stimmen ungültig, 2000 schon 72000. Steckt eine Absicht dahinter?

Das ist ein kleine Gruppe von bewussten Wahlenthaltern, die mit dem inhaltlichen Angebot der Parteien unzufrieden sind. An sich ist das schon ein beachtlicher Akt, weil sie in die Wahlkabine gehen oder sich die Briefwahl-Unterlagen zukommen lassen müssen.

Stichwort Briefwahl: Mehr als 1,5 Millionen Wähler haben die Unterlagen beantragt, so viele wie noch nie.

Das ist ein Trend der Bequemlichkeit. Auch wollen sich mehr Leute offen halten, ob sie zur Wahl gehen. Dass alle Antragsteller tatsächlich abstimmen, ist nicht gesagt. Briefwählern wird nachgesagt, dass sie einen höheren Bildungsgrad haben. Insofern profitieren davon eher Grüne und FDP, weil dies ihrer Wählerklientel entspricht.

Das Gespräch führte Ingo Plaschke.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar