Zeitung Heute : Täglich NRW (6)

Sebastian Bickerich[Krefeld]

Die Redakteure des Satire-Magazins „Titanic“ treten zur Wahl in NRW mit der „PARTEI“ an. Wie ernst ist es dieser Spaßpartei?

In einem Punkt ist Claus-Dieter Preuss mit dem Wahlprogramm seiner Parteinicht zufrieden. "Unser Ministerpräsidentenkandidat Mark-Stefan Tietze sagtimmer, weder nach links noch nach rechts dürfe programmatisch Platz sein fürandere Parteien.". Beim Straßenwahlkampf in seiner Heimatstadt Krefeldmachte er jedoch die Erfahrung, dass die PDS und die SPD-Renegaten von der"Wahlinitiative soziale Gerechtigkeit" ihre Plakate über beziehungsweiseunter das der "PARTEI" klebten. "Tietze hat das nicht bedacht". Und obwohler vom Bauamt die Genehmigung für den Laternenwahlkampf bekam - "ich hab dieNummern jeder Laternen aufschreiben müssen, das ist ja verrückt" - bekamPreuss jetzt wieder Post der Stadt Krefeld. Die PDS will das "PARTEI"-Plakatvon ihrer Straßenlaterne abgehängt wissen. Der Streit "daure an".

Die PARTEI, das ist eine mehr oder weniger ernst gemeinte Schöpfung derSatire-Zeitschrift "Titanic". Mit einem gewählten Vorstand, einer Satzung,einem Programm und den Unterschriften von 1000 Unterstützern hat die"PARTEI" die formalen Kriterien für die Landesreserveliste erfüllt und trittin vier Wahlkreisen bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen an. Wiesonur in vier von 128 Kreisen? "Die Kölner, Münsteraner und die Bonner habenes verpennt, ihre 100 Unterschriften für den Wahlkreis abzugeben. Deshalbtreten wir nur in Wuppertal, Brühl, Solingen und eben Krefeld an. Derbegeisterte "Titanic"-Leser ist trotzdem optimistisch, dass die beidenMinisterpräsidentenkandidaten (und Titanic-Redakteure) Stephan Rürup undMark-Stefan Tietze die Wahl am 22. Mai gewinnen. Rechnerisch ist das zwarunmöglich. Doch Tietze hat bereits im Vorfeld bekannt gegeben, dasWahlergebnis juristisch anzufechten. Das Einstimmen-Wahlrecht benachteiligekleinere Parteien, die nicht in allen Wahlkreisen präsent sind und sei"verfassungswidrig". Ministerpräsident Peer Steinbrück werde sich deshalb"noch bei uns bedanken, wenn wir die Wahl wiederholen lassen."

Preuss jedenfalls ist zuversichtlich, "20 bis 24 Prozent" der Stimmen inseinem Wahlkreis Krefeld 1 für die "PARTEI" zu holen. Im Gespräch amStammtisch der "PARTEI" im Café des örtlichen Kinocenters am KrefelderHauptbahnhof lehnt er das Etikett der "Spaßpartei" ab. "Unser Wahlprogrammist überzeugend", sagt der 49-jährige Landesbeamte leise lächelnd undverweist auf die bundes- und landespolitischen Ziele seiner Gruppierung. "Indubio pro limes" und "Freiheit durch Grenzen": Die "Neugliederung desBundesgebietes" ist das erklärte Ziel der Bundespartei. Dazu sollen die fünfLänder Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg undMecklenburg-Vorpommern zu einer "Sonderbewirtschaftszone" (SBZ)zusammengefasst werden. Auch "baulich" soll die Zone vom Rest derBundesrepublik "abgetrennt" werden. Für Preuss genauso wichtig: "DerSolidaritätszuschlag muss erhalten bleiben und in den Wiederaufbau derwestdeutschen Innenstädte gesteckt werden". Im Streit mit seinerParteispitze liegt Preuss allerdings bei einer weiteren zentralen Forderung:Dem *sofortigen Abriss der Frauenkirche". Da würde es ihm schon reichen,wenn *die im Osten" auf die Vergoldung verzichten. "Dann können wir eineTages wieder den Turm der Dionisius-Kirche in Krefeld aufbauen". Zehn Eurohat der nach eigenen Angaben stärkste NRW-Ortsverband dafür schon selbstgesammelt. Auch die einst blühende Textilindustrie will der zweifacheFamilienvater Preuss wieder aufbauen und "von China nach Krefeld" holen. Undda der Osten "jetzt genug Geld" habe, brauche NRW jetzt wieder neueStraßen - "nicht nur die in Cottbus".

Wie das mit der "endgültigen Teilung" Deutschlands, dem erklärten Ziel von"Titanic" und der "PARTEI" genau aussehen könne, das hat Preuss kürzlich imUrlaub in Irland begutachten können. Aufenthalte in geteilten Länderngehören seitdem zum guten Ton unter "PARTEI"-Wahlkämpfern. SpitzenkandidatTietze urlaubte in Zypern - und war "begeistert".

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