Zeitung Heute : Tänzer sind Hochleistungssportler

Wenn sich Balletttänzer verletzen, lassen sie sich gerne von ihm behandeln: Der Chirurg und Orthopäde Andreas Weiler erklärt, was ihre Körper so besonders macht

Herr Dr. Weiler, wenn Sie Ihre Patienten auf der Liege untersuchen, erkennen Sie dann gleich, wer ein Tänzer ist?

Sofort! Tänzer haben immer eine ganz herrliche Fußposition – die hat sonst kein anderer Sportler. Außerdem ist die Muskelsilhouette ganz typisch. Bei den Männern ist die Oberschenkelmuskulatur in Relation zum Unterschenkel sehr viel kräftiger. Tänzer haben ja eine viel höhere spezifische Belastung auf der Muskulatur als etwa Fußballspieler.

Und was ist charakteristisch für Ballerinen?

Die gleichen in ihrer Statur eher den Turnerinnen. Das heißt, sie haben eine grazile Statur mit einer sehr kräftigen Muskulatur, ganz besonders ausgeprägt ist bei ihnen die Wadenmuskulatur.

Sind Tänzer also Hochleistungssportler?

Auf jeden Fall! Nicht nur, was die überphysiologischen Belastungen angeht. Die Motivationslage ist meistens sogar noch viel höher bei Profitänzern – und auch die psychologische Belastung.

Und worin unterscheiden sich die Tänzer von den Hochleistungssportlern?

Beim Tänzer sind Stil und Eleganz ganz entscheidend. Zu Kraft, Koordination, Ausdauer und Beweglichkeit kommt also ein wesentliches Element hinzu – das ist in keiner anderen Sportart so ausgeprägt.

Was sind denn die kritischen Punkte oder Problemzonen des Tänzerkörpers?

Die Problemzone von Männern ist in erster Linie das Kniegelenk, hier kommt es oft zum Kreuzbandriss. Außerdem gibt es viele Sprunggelenkverletzungen. Bei den Damen ist es umgekehrt: Da stehen die Füße und das Sprunggelenk an erster Stelle und an zweiter Stelle das Kniegelenk. Natürlich treten bei Tänzern auch Probleme mit der Wirbelsäule auf.

Was würden Sie den Tänzern empfehlen, um Verletzungen vorzubeugen? Raten Sie ihnen zu besonderen Übungen?

Tänzer gehen jeden Tag bis an ihre Grenzen. Die wichtigste Prävention, der wichtigste Ausgleich ist viel Erholung. Und das kommt manchmal zu kurz bei Profitänzern. Die haben ein Pensum, an das normale Leistungssportler gar nicht rankommen. Aufgrund der fehlenden Erholungsphasen entstehen die häufigsten Verletzungen. Ausgleichssport hat ein Tänzer eigentlich gar nicht nötig.

Kann der Tanz vom Hochleistungssport etwas in puncto Prävention lernen?

Ja. Tänzer brauchen längere Erholungsphasen – und sie müssen schneller reagieren, wenn sie merken, dass der Körper meckert. Unser Team vom Sporthopaedicum betreut Fußballmannschaften der Bundesliga, wir betreuen teilweise auch die Olympiastützpunkte, wir überblicken also relativ viele Sportarten. Die, die nie reagieren, immer bis an die Grenzen gehen und nicht aufhören, sind die Tänzer. Sie müssten sportorthopädisch viel intensiver betreut werden.

Im Ballett werden wie im Sport die Grenzen der Leistungsfähigkeit immer weiter verschoben. Wird heute athletischer getanzt als früher?

Ja, aber das ist in erster Linie eine Stilfrage. Es wird mehr gefordert, man will hohe Sprünge und mehr Athletik sehen beim Ballett. Aber dadurch wird die Belastung ganz klar gesteigert, auch bei den Frauen. Die Hebungen müssen leichter sein, die Mädels müssen wenig wiegen, aber trotzdem exzessiv hohe Muskelbelastungen bringen. Deswegen haben Tänzerinnen fast überhaupt kein Körperfett. Es gibt kaum einen Sportler, der so wenig Körperfett hat wie eine Ballerina.

Wie gehen Tänzer mit Schmerzen um? Greifen sie schnell zu Tabletten?

Meiner Erfahrung nach sind die Tänzer da ein bisschen zurückhaltend. Manche sind natürlich rigoroser, um leistungsfähig zu bleiben. Was mir aufgefallen ist: Tänzer leben viel gesünder als andere Sportler, gerade auch was die Ernährung betrifft. Und sie nehmen auch oft Nahrungsergänzungsmittel zu sich.

Sehen Sie sich überhaupt gern Tanz an?

Ich gehe liebend gern ins Ballett. Ich kenne ja die Körper sehr gut, habe ja auch schon viele Tänzer vom Staatsballett operiert. Diese extreme körperliche Belastung zu sehen, dazu diese unglaubliche Eleganz, diesen Stil – das ist eine schöne Kombination.

Ertappen Sie sich denn manchmal dabei, dass der medizinische Blick sich vor die ästhetische Wahrnehmung schiebt?

Ich genieße die Aufführung, aber bei meinen Patienten schaue ich natürlich genauer hin. Manchmal weiß ich dann nicht mehr: Habe ich das linke oder das rechte Knie operiert?

Das Interview führten Sandra Luzina und Friedhard Teuffel.

Privatdozent

Andreas Weiler ist einer der Gründer des Sporthopaedicum, Zentrum für spezielle Gelenkchirurgie.

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