Zeitung Heute : Tafel, Schwamm, Notebook

Die erste Laptop-Klasse Berlins lernt in Friedrichshain. Die tragbaren Computer sind privat finanziert – von den Eltern. Das Projekt ist beliebt. Seitdem die Schüler ihre Hefte gegen Rechner getauscht haben, sind sie selbstständiger geworden

Daniela Martens

Eskimos ernähren sich von Walrossen und Seelöwen. So steht’s da auf dem Bildschirm, umrahmt von drei kleine Figuren in Pelzjacken mit Kapuzen am Lagerfeuer vor einem Iglu. Lisa drückt auf die Curser-Taste ihres Notebooks, schon erscheint die nächste Information über die Arktisbewohner auf dem Monitor – das Bild bleibt dasselbe. Hübsche Präsentation. Die Hausaufgabe hat Lisa für den Erdkunde-Unterricht an ihrem eigenen Notebook erstellt. Lisa ist 13 und geht in die 7a der Georg-Weerth-Realschule in Friedrichshain – die erste Laptopklasse Berlins. Vor fast einem Jahr durften Lisa und ihre Mitschüler ihre Hefte gegen Monitor und Tastatur eintauschen.

Lisa benutzt ihren tragbaren Computer in fast jeder Unterrichtsstunde – für Präsentationen, Recherche und einfach anstelle eines Schulheftes. Er ist besonders klein, leicht und stoßsicher. Seine Akku-Leistung reicht für einen Schultag. Nach dem Unterricht steckt Lisa ihn in eine Neopren-Hülle, damit er im Rucksack nicht kaputt geht. Für jedes Fach hat das dunkelblonde Mädchen mit dem langen Pferdeschwanz einen virtuellen Ordner angelegt.

Die Eltern haben die tragbaren Computer finanziert. Familien mit schwächerem Einkommen zahlen die Investition in Raten ab. Niemand ließ sich abschrecken. Die Plätze in der Klasse mussten ausgelost werden, weil es zu viele Bewerber gab. „Das beste am Laptop-Unterricht ist, dass man nicht mehr so viel schreiben muss“, sagt Lisa. Und trotzdem haben sich bei einigen die Deutschnoten sehr verbessert. Die 12-jährige Jessica sagt, dass sie die Kommata jetzt fast immer an die richtige Stelle setzt – ganz automatisch, beim Tippen. Und bei jeder automatischen Rechtschreibprüfung prägen sich einige Korrekturen ein. Während Jessica spricht, lässt sie einen kleinen Pinguin in einem Computerspiel auf dem Bildschirm herumhüpfen. „Die Arbeit mit den Laptops verlangt den Schülern mehr Selbstständigkeit und Selbstdisziplin ab“, sagt Klassenlehrerin Nina Felsch. Die Notebooks sind alle dafür ausgerüstet, per Wireless-Lan kabellos ins Internet zu gelangen. Sogar wenn sie auf dem Schulhof sind, können die Schüler ins Netz. Der Förderverein der Schule und die GmbH „Cids - Computer in die Schulen“ haben das Geld für Server, Verkabelung, Software, und Schließfächer spendiert.

So sind die Wege zur Information viel kürzer geworden: Ein Klick und sie ist da. Einfach mal auf eigene Faust im Internet suchen – das ist längst ganz normal für die Siebtklässler. „Meistens gucke ich bei Wikipedia“, sagt Lisas Mitschüler Nicolas. Die Internet-Enzyklopädie findet er praktisch. Und wie war das vorher? Da hat er nicht mal eben in einem gedruckten Lexikon nachgeschlagen, sagt er.

Gerade für Präsentationen wie das Eskimo-Thema sollen die Schüler selbst recherchieren. Etwa eine pro Woche gehört für jeden zum Pensum. Auf Englisch wird dann etwa über Schottland berichtet. In den Fächern Biologie und Chemie müssen sie besonders viele Vorträge halten. Die Schüler können sich eine Kamera ausleihen und kleine Filme drehen, die sie in ihre Präsentationen einarbeiten.

Der orange gestrichene Klassenraum der 7a sieht anders aus als der ihrer Parallelklasse: Vorne stehen Drucker, Lautsprecher und Beamer. Die Tafel ist der passenden Beamer-Wand gewichen. Manche der Präsentationen werden dort vor der ganzen Klasse gezeigt, andere sehen sich nur die Lehrer an. Auch sie haben viel Neues gelernt, seit sie nicht mehr nur mit Schwamm und Kreide arbeiten: Vor Beginn des Projekts haben sie an einem zweiwöchigen Lehrgang teilgenommen. Und jede Unterrichtsvorbereitung stelle neue Herausforderungen besonders an ihre Kreativität, sagt Nina Felsch. Sie sei ständig auf der Suche nach Ideen für ihren interaktiven Unterricht: „Ich habe viel mehr zu tun als vorher und muss anders arbeiten.“ Hundertprozentig sicher fühlt sie sich noch nicht mit dem neuen Medium: „Technisch ist schon alles möglich, aber wir müssen die neue Technik erst noch erforschen“.

Die Notebook-Technik erforschen will auch Paul Schuknecht, Schulleiter der Friedensburg-Oberschule in Charlottenburg. Dort wird es von August an ebenfalls eine Notebook-Klasse geben. Rund 20 weitere Laptopklassen und Notebookpools sind nach Informationen der Senatsverwaltung demnächst an Berliner Schulen geplant. „Die Schüler sollen dadurch individuell und selbstorganisiert lernen“, sagt Schuknecht.

Lisas Sitznachbar Marvin ist unterdessen fast schon ein bisschen zu selbständig. Die Lehrerin hat seinen Computer konfisziert. Denn Marvin hatte unerlaubte Dateien aus dem Internet heruntergeladen. Was es genau war, mag er nicht sagen. „Kann ich ihn kurz zurückhaben?“, sagt er zu Nina Felsch. Doch die Lehrerin bleibt hart. Er muss mit Stift und Papier vorlieb nehmen.

Ganz ist das traditionelle Unterrichtsmaterial ohnehin nicht aus dem Klassenzimmer der 7a verschwunden: Bei der Vorbereitung auf die Stunde über Längen- und Breitengrad-Berechnungen etwa ist Erdkundelehrerin Fechner auf Schwierigkeiten gestoßen. Sie hat keine passenden Tabellen im Internet gefunden, sondern nur Informationen, die ihre Schüler verwirrt hätten. Also werden die Berechnungen ohne virtuelle Infos im Heft geübt. Auch Aufsätze und Diktate schreiben die Schüler weiterhin mit der Hand – damit niemand das Rechtschreibprogramm zu Hilfe nimmt. Das würden die Lehrer aber ohnehin mitbekommen. Schüler und Lehrercomputer sind miteinander verbunden. So kann Barbara Fechner sehen, was Marvin gerade treibt.

Heft oder Rechner, das können sich die Schüler bei den Übungsaufgaben selbst aussuchen. Die Mathe-Hausaufgaben machen die meisten lieber im Rechenheft – und am liebsten auf den letzten Drücker in der Pause.

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