Zeitung Heute : Tag der Bewährung

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Die frühere RAFTerroristin Brigitte Mohnhaupt ist in der Nacht zum Sonntag aus der Haft entlassen worden. Wie wird ihr Leben in Freiheit jetzt aussehen?

Brigitte Mohnhaupt ist frei. Auf die langjährige Terroristin der Roten Armee Fraktion (RAF) wartet nach 24 Jahren Haft nun ein neues Leben. Für die 57-Jährige ist das ein großer Schritt. Was er im Einzelnen bedeuten könnte, wollte Gefängnisleiter Wolfgang Deuschl von der Justizvollzugsanstalt (JVA) Aichach, wo Mohnhaupt die vergangenen 22 Jahre verbracht hat, nach ihrer Freilassung am frühen Sonntagmorgen nur vage andeuten: „Der Weg in die Freiheit nach so langer Zeit ist alles andere als einfach.“ Auch Hessens ehemaliger Justizminister Rupert von Plottnitz (Grüne), der als Anwalt den RAF-Terroristen Jan-Carl Raspe verteidigt hatte, sagt Mohnhaupt eine schwierige Zukunft voraus. Die Welt habe sich während ihrer Haftzeit „doch sehr geändert, auch in vielen Alltagsdingen“. 1982, als sie inhaftiert wurde, gab es zum Beispiel weder Handys noch das Internet.

Die ehemalige Rädelsführerin der sogenannten zweiten Generation der RAF, hat die Hälfte ihres Lebens hinter Gittern verbracht. Wie sich die Freiheit anfühlt, konnte die Inhaftierte in den vergangenen Jahren bei neun begleiteten Freigängen vermutlich allenfalls erahnen.

Was Mohnhaupt mit ihrer neu gewonnenen Freiheit anfangen will, liegt im Dunkeln. Berichte, wonach sie künftig in Karlsruhe leben und bei einem Autozulieferer arbeiten möchte, wollte Deuschl nicht bestätigen: „Das wäre mir neu.“ Mohnhaupt hatte ihre Jugend im Badischen verbracht. Dagegen gilt als sicher, dass die Ex-Terroristin in Zukunft über eine eigene Wohnung verfügen wird. Für den Start in ein „normales“ Leben wünscht sich die Freigelassene jetzt vor allem eines: „Sie dürfte den dringenden Wunsch haben, erst einmal von den Medien in Ruhe gelassen zu werden“, sagte Deuschl.

Für den gegenteiligen Fall kündigte Mohnhaupts Anwalt Franz Schwinghammer rechtliche Schritte an. Seine Mandantin sei nun keine Person der Zeitgeschichte mehr. Sie habe wie jeder andere Haftentlassene ein Recht auf Schutz der Privatsphäre, das sie notfalls gerichtlich durchsetzen werde. Man solle Mohnhaupt in Ruhe lassen, damit sie sich auf ein normales Leben einrichten könne. Dass dies geschieht, ist indes eher unwahrscheinlich: Schon Tage vor dem angekündigten Entlassungstermin hatten Fotografen, Journalisten und Kamerateams vor der JVA im schwäbischen Aichach ausgeharrt.

Mohnhaupt muss nun in den kommenden fünf Jahren beweisen, dass sich das Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart im Februar zur Recht für eine Entlassung auf Bewährung ausgesprochen hat. In der Bewährungszeit kann jede Straftat dazu führen, dass der Entlassene wieder in Haft genommen wird. Allerdings gibt es laut OLG Stuttgart „keine Anhaltspunkte“, dass Mohnhaupt erneut schwere Straftaten begeht. Die Bundesanwaltschaft hatte ihre Freilassung ebenfalls befürwortet. Und auch der Leiter der JVA Aichach stellte eine günstige Prognose: „Ich kann aus meiner Sicht davon ausgehen, dass sie nicht mehr straffällig wird“, hatte er bereits vor Mohnhaupts Freilassung gesagt.

Die Debatte über den Terror der RAF dürfte allerdings noch nicht zu Ende sein. Mit Christian Klar, Eva Haule und Birgit Hogefeld sind noch drei weitere ehemalige RAF-Mitglieder inhaftiert. Wie umstritten das Thema noch ist, zeigte eine Äußerung von Bayerns Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU), der Mohnhaupts Freilassung am Rande eines Besuchs in Seoul scharf kritisierte. Die Aussetzung der Reststrafe zur Bewährung sei „eine Provokation für das Rechtsgefühl der breiten Mehrheit“. Formaljuristisch sei die Freilassung Mohnhaupts zwar in Ordnung, „aber sie widerspricht dem Rechtsempfinden von mindestens 80 Prozent der Menschen in Deutschland“.

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