Tag der Einheit : Eine Frage der Zeit

Nirgendwo lag Trennendes so eng beieinander wie in Berlin, wo die Mauer die Menschen über 40 Jahre entfremdet hat. Wichtig für die innere Einheit der Stadt ist der Potsdamer Platz, der jetzt zehn Jahre alt wird. Aus einer brutalen Ödnis im Herzen Berlins wurde die Schaustelle Europas. Bei der inneren Einheit ist Berlin, ist Deutschland vorangekommen, vollendet ist sie längst nicht.

Gerd Nowakowski

Jubelnde Menschen auf der Mauer, Fahnen schwenkend – Bilder der Einheit, die sich eingebrannt haben, nachgestellt mit kleinen Figuren im Miniatur-Wunderland in Hamburg, wo in diesem Jahr die zentrale Feier zum Tag der Deutschen Einheit ausgerichtet wird. Ja, ein kleines Wunder. Morgen, wenn die Einheit volljährig wird, ist von dem Land, das man einst verschämt Beitrittsgebiet nannte, kaum ein Stein auf dem anderen geblieben.

Der Weg in den erträumten Wohlstand war weit härter, als alle erwartet hatten und es versprochen wurde. Aber zwischen Rostock und Dresden gibt es nun wirtschaftliche Leuchttürme wie in westdeutschen Boomregionen – aber auch Armutsregionen wie im Westen. Ungezählte Ostdeutsche sind bei der Einheit unter die Räder gekommen, haben Job, Überzeugungen oder Ehepartner verloren; ja, die Einheit hat auch verbitterte Menschen zurückgelassen. In den 18 Jahren seit 1990 haben sich aber auch Millionen mit unglaublicher Flexibilität ein neues Leben erkämpft, sind dorthin gezogen, wo es Arbeit gab oder eine neue Liebe. Es war auch ein Beitrag zur Einheit, dass die Ostdeutschen die neue Arbeitsgesellschaft mit gebrochenen Biografien, Sonntagsarbeit, neuen Familienentwürfen und Rollenverteilungen für den Rest der Republik vorgelebt haben.

Nirgendwo lag Trennendes so eng beieinander wie in Berlin, wo die Mauer die Menschen über 40 Jahre entfremdet hat, bis in die Sprache hinein. Die Einheit hat beide Stadthälften zunächst zu Verlierern gemacht: Westberliner verloren die sogenannte Zitterprämie und zehntausende hoch subventionierte Arbeitsplätze, in Ostberlin brach die marode Industrie weg. Diesen Einheitsschock hat Berlin auch 18 Jahre danach noch nicht überwunden.

Das lässt ermessen, wie wichtig für die innere Einheit der Stadt der Potsdamer Platz war, der jetzt zehn Jahre alt wird. Was da als komplettes Viertel in unglaublich kurzer Zeit entstand, wie aus einer brutalen Ödnis im Herzen Berlins die Schaustelle Europas wurde, war ein Stück Hoffnung. Die visionäre Idee Edzard Reuters bot für Ost- wie Westberliner gleichermaßen ein Stück Identifikationsmöglichkeit mit der neuen Zeit; mehr noch: es machte sie stolz. Er war das Zeichen, dass Aufbruch möglich war in der gebeutelten Stadt, in der so viele Gewissheiten zerbrachen. Es spricht für das Konzept, das der Potsdamer Platz entgegen der damals heftigen Kritik funktioniert.

Bei der inneren Einheit ist Berlin, ist Deutschland vorangekommen, vollendet ist sie längst nicht. In den Prognosen, wie lange es dauert, ein einig Volk zu sein, wie mühsam der Weg dahin ist, haben sich alle geirrt. Das langsame Auslaufen der Solidarpakt-Mittel stellt nicht nur Berlin vor gewaltige Probleme – in der Hauptstadt bringen sie derzeit ein Zehntel der Einnahmen. Ohne Solidarität geht es nicht; auch Bayern hat 40 Jahre von der Hilfe der anderen Bundesländer profitiert, um vom Agrar- zum Industrieland zu werden.

Nach 18 Jahren werden die Momente der Entfremdung seltener und die herablassenden Verweise auf die Defizite der ostdeutschen Biografien ebenso. Es ist Ironie der Geschichte, dass der Politiker, der einst gegen die schnelle Währungsunion war, nun in Ostdeutschland als linker Heilsbringer auftritt und die gewendeten Erben der SED-Misere in der alten Republik etabliert. Dabei haben die Stürme der Globalisierung Deutschland längst zur Einheit werden lassen: Vor der internationalen Finanzkrise sind alle Deutschen gleich. Ein Wunder ist das nicht.

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