Zeitung Heute : Tag des offenen Denkmals: Exoten im Bestand Berlins

Herr Haspel[warum fiel der b] esdeutsche Schwerp

Am kommenden Wochenende findet in Berlin wieder der Tag des offenen Denkmals statt. Die im Rahmen der "European Heritage Days" ausgerichtete Veranstaltung soll das Erleben des kulturellen und geschichtlichen Erbes ermöglichen und zu seiner Erhaltung beitragen. Die Besucher können an drei Tagen weit mehr als hundert historische Bauten besichtigen, einige von ihnen sind normalerweise verschlossen.

Der Schwerpunkt liegt in diesem Jahr auf Industriebauten. Viele der alten Fabrikgebäude liegen brach, andere werden mittlerweile mit neuen Funktionen genutzt. Nach Ansicht von Jörg Haspel, dem Berliner Landeskonservator, gehören sie alle zum historischen Gedächtnis der Stadt.

Herr Haspel, warum fiel der bundesdeutsche Schwerpunkt der "European Heritage Days" in diesem Jahr ausgerechnet auf Industriebauten?

Ganz einfach. Der gelegentlich als "Abschied vom Fabrikzeitalter" apostrophierte Umbau der Industriegesellschaft zu einer Dienstleistungsgesellschaft hat gerade in der Bundesrepublik ein reiches Erbe an Denkmalen der Industrie-, Technik- und Verkehrsgeschichte hinterlassen. Diese Bauten haben zwar ihre angestammte Funktion eingebüßt, bieten heute aber attraktive und unverwechselbare Orte für neue Nutzungen.

Was wird für ihre Erhaltung getan?

Die Industrie- und Technikdenkmalpflege hat in den letzten zwanzig Jahren große Erfolge erzielt, die auch vom Ausland mit Interesse registriert wurden. Man denke nur an die gewaltigen Industrieanlagen an Rhein und Ruhr oder an die Völklinger Hütte, die als Monument sogar Eingang in die Welterbeliste gefunden hat. Nordrhein-Westfalen und Brandenburg begehen 2000 das "Jahr der Industriekultur" mit einem Rückblick auf die wichtigsten Zeugnisse des Industriezeitalters. Dem haben sich Berlin und andere Bundesländer natürlich gerne angeschlossen, um für die Erhaltung und Weiternutzung von Industriedenkmalen zu werben.

Sie selbst werden am Tag des Denkmals eine Schiffstour entlang der Spree anbieten. Weshalb gerade diese Strecke?

Weil Wasserläufe und Eisenbahnlinien der Lebensnerv der großen Industrie-Etablissements waren. Entlang der Spree reihen sich die Perlen der Berliner Industriekultur. Sie lassen sich im Lauf einer Schifffahrt bequem aus einer oft unbekannten, aber sehr reizvollen Wasserperspektive besichtigen. Wir wollten aber mit dem Blick auf die historischen Industriebauten und technischen Anlagen am Ufer zugleich auf die Bedeutung des Wasserraums für die Stadtgeschichte und das Stadtbild aufmerksam machen.

Eine Reihe von Industriebauten haben neue Nutzer gefunden, andere hängen in der Warteschleife oder werden als Veranstaltungsort zwischengenutzt. Wieder andere liegen völlig brach. Was sind die Gründe für die unterschiedlichen Karrieren?

Durch ihre Lage im Stadtraum und ihre Verkehrsgunst haben leerstehende Industriedenkmale keine Chancengleichheit. Im Industriegebiet Oberschöneweide oder beim Reichsbahnausbesserungswerk in Tempelhof brauchen alle Beteiligten einen längeren Atem als etwa am Osthafen oder auf dem Narva-Gelände. Und oft entwickelt sich erst aus einer Zwischennutzung ein tragfähiges Konzept. Auch die baulichen Voraussetzungen sind ungleich: Eine zigtausend Quadratmeter große Montagehalle, eine mehrschiffige Rinderauktionshalle wie auf dem Schlachthofgelände oder ein Straßenbahndepot wie an der Wiebestraße in Moabit lassen sich im Gegensatz zu Fabriketagen eben nicht so leicht für Bürozwecke oder fürs Loftwohnen nutzen ...

und die Bewag wäre ein Beispiel, wie man es richtig machen kann?

Ja genau. Kluge und individuelle Entwicklungskonzepte, wie sie etwa die Bewag für ihre nicht mehr betriebsnotwendigen Bauwerke schrittweise realisiert, sind außerdem eher Mangelware, wenn es darum geht, Unikate der Industriearchitektur an den Mann zu bringen. Häufig wird mit Null-Acht-Fünfzehn-Rezepten operiert, die sich auf bauliche Sonderformen nur mit Ach und Krach übertragen lassen.

Die Konzepte der Investoren ähneln sich oft sehr. Büros, Veranstaltungsorte oder Freizeitimmobilien. Ist das sinnvoll?

Soweit historisch überlieferte Standards der Industriearchitektur sich für solche Zwecke anbieten, handelt es sich sicher um denkmalgerechte und wirtschaftlich sinnvolle Nutzungsvarianten. Entscheidend ist bei vielen Industriebauten aber, dass die Mischung stimmt. Da sind kleinteilige oder eher ausgefallene Lösungen manchmal anstrengender zu entwickeln. Aber unter Umständen sind sie auch reizvoller und letztlich wirtschaftlich beständiger für eine langfristige Nutzung. Wo eine neue Nutzungsvielfalt den Möglichkeiten und dem Charakter eines Industriedenkmals förmlich auf den Leib geschneidert wirkt, entsteht natürlich eine unverwechselbare Atmosphäre. Da trägt die Denkmaladresse nicht nur zum Imagewert bei, sondern stärkt auch den Unikat-Charakter.

Wie sind ihre Erfahrungen mit den Investoren? Wollen die neuen Eigentümer möglichst nur die Hülle erhalten oder sind sie zur weitgehenden Erhaltung der historischen Bausubstanz bereit?

Natürlich bleiben Denkmalkonflikte auch auf dem Terrain der Industrie- und Technikzeugnisse nicht aus. Aber auf längere Sicht können wir mit vielen Entwicklern und Investoren mehr als zufrieden sein - zumal die Industriedenkmalpflege oft hohe finanzielle Aufwendungen erfordert oder technische Zwangspunkte zu meistern sind. Da sind Verständnis und auch guter Willen auf beiden Seiten nötig, um nicht vermeidbare Denkmal-Leerstände und damit Denkmal-Gefährdungen zu riskieren. Im übrigen gewinnen wir zunehmend den Eindruck, dass Mieter gerade historische Ausstattungsdetails als besonders charmanten Traditionswert schätzen - und oft einem allzu "clean" geratenen Umbauergebnis vorziehen.

Der Erhaltungswert von Schlössern und anderen Traditionsbauten wird ja kaum in Frage gestellt. Wie ist das bei Industriebauten?

Fabrikschornsteine oder -dachkonstruktionen erfüllen herkömmliche Denkmalerwartungen natürlich in geringerem Maße. Ähnlich wie jüngere Zeugnisse der Nachkriegsmoderne gelten sie noch als Exoten im Denkmalbestand. Aber sie geben ja nicht minder Auskunft über unsere Vergangenheit als Kirchen, Schlösser oder Rathäuser und Villen. Und sie bieten uns oftmals auch im Stadtbild und in der Stadtgeschichte wohlvertraute Orientierungsmarken.

Das gilt besonders für Berlin?

Ich denke, dass gerade Berlin als ein historischer Industriestandort von Weltgeltung mit seinem möglicherweise unterschätzten Erbe der Industriekultur ähnlich pfleglich umgehen sollte wie mit den von Ihnen angesprochenen Traditionsbauten. Siemensstadt oder Oberschöneweide machen einen Teil des besonderen Denkmalprofils von Berlin aus. Jedenfalls bieten Industriedenkmale ebenso eindrückliches Anschauungs- und Erinnerungsmaterial über das ausgehende Industriezeitalter wie ältere Baudenkmale über die vorindustrielle Vergangenheit.

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