Zeitung Heute : Tag ohne Reue

Wie der Angeklagte und sein Verteidiger reagierten

Frank Thonicke

Armin Meiwes, der Kannibale von Rotenburg, ist mittlerweile bekannt. Und er weiß, was er machen muss, um aufzufallen: Zum Beispiel im Gerichtssaal noch kurz vor der Urteilsverkündung Interviews geben. Ja, sagt er zu den Journalisten, die im großen Saal des Kasseler Landgerichts bis zur Anklagebank vorgelassen werden, es gehe ihm gut. Sein dunkler Anzug, zu dem er eine grau-gelbe Krawatte trägt, sitzt korrekt. Armin Meiwes faltet die Hände und sagt mit sanfter Stimme: „Ich habe gut geschlafen.“ Dann lächelt er. Auch noch, als er Minuten später das Urteil des Kasseler Landgerichts hört: Achteinhalb Jahre dafür, dass er im März 2001 den Berliner Ingenieur Bernd Jürgen B. mit dessen Einverständnis verstümmelt, getötet und gegessen hat. Den damals 43-Jährigen hatte Meiwes über das Internet kennen gelernt.

Armin Meiwes schnauft, setzt sich, lehnt sich zurück. Seinen Verteidiger Harald Ermel sieht er nicht an. Der ist womöglich an diesem Tag noch blasser als sonst. Später, vor den Kameras, kommt die Farbe in Harald Ermels Gesicht zurück. Das sind die Momente, die der Mann, der zu eitel ist, sein Alter zu verraten, liebt. Aus dem kleinen nordhessischen Rotenburg tritt er gleichsam ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Bisher war er nur in der 14500 Einwohner zählenden Stadt an der Fulda bekannt, nun kennen ihn alle. Armin Meiwes wurde sein Mandant, weil Harald Ermel ihn schon einmal bei einer Verkehrssache vertrat. Man kannte sich – da hatten Staranwälte, die den Kannibalen auch ohne Honorar verteidigt hätten, keine Chance. Nun sonnt sich Harald Ermel in der frisch gewonnenen Popularität. Ja, sagt er nach Prozessende, das Urteil sei ein „Teilerfolg“ für ihn.

Mit der Strafe muss Armin Meiwes leben, vor allem aber kann er damit leben. Das wird am Ende eines Prozesses deutlich, der in die Justizgeschichte eingehen wird. Als der Kannibale von Rotenburg den Gerichtsaal verlässt, schaut er noch einmal in den Zuschauerraum, entdeckt offenbar einen Bekannten. Meiwes nickt ihm freundlich zu und lächelt wieder. Dann geht er die Treppe hinab, die ihn zum grünen Justiz-Transporter führt. Der bringt ihn in seine Einzelzelle im Gefängnis Kassel-Wehlheiden. Auch dort ist er inzwischen bekannt. Der intelligente Mann erledigt so manche Korrespondenz für die Mitgefangenen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben