Zeitung Heute : "Tag X für den Kranich": Elektronisch, zivil, ungehorsam

Markus Ehrenberg

Wasserwerfer. Angesägte Schienengleise, festgeschweißte Menschenkörper. Rangeleien mit Polizisten, Steinewerfen in Kreuzberg. Wer heutzutage demonstrieren will, nimmt einiges in Kauf. Dabei geht das auch ganz bequem vom Schreibtisch aus, am Computer, per Mausklick: mit einer Online-Demonstration. Ziviler Ungehorsam einmal anders - ohne Körpereinsatz und trotzdem durchschlagskräftig. Wenn alles so läuft, wie es sich die Veranstalter vorstellen, dürfte die Lufthansa mit so einer Online-Demo bald ein paar Probleme kriegen.

"Tag X für den Kranich" heißt das Spektakel, ein weiteres Beispiel für die offenbar unbegrenzten Möglichkeiten und die politische Dimension des World Wide Web. Eine Online-Blockade soll die Homepage der Lufthansa am 20. Juni lahmlegen. Ausgedacht haben sich das die Antirassismus-Initiativen "Kein Mensch ist illegal" (KMII) und Libertad. Sie werfen der Lufthansa vor, bei jährlich rund 10 000 Abschiebungen Linienflüge zur Verfügung zu stellen.

Zur Erinnerung: Während einer gewaltsamen Abschiebung im Mai 1999 erstickte der Sudanese Aamir Ageeb an Bord der LH 558, nachdem ihn drei Grenzschutzbeamte gefesselt und ihm einen Motorradhelm aufgesetzt hatten. Nach eigenen Angaben befördert die Lufthansa zwar keine Personen mehr, die "erkennbar" Widerstand leisten. Für die Abschiebungsgegner ist das aber nicht genug: "Wenn Konzerne mit der Abschiebung Geld verdienen, ihre größten Filialen im Internet aufbauen, muss man auch genau dort demonstrieren."

Also auf ins Internet. Wie bei einer Sitzblockade vor dem Werkstor wollen die Online-Demonstranten den Zugang vor dem Lufthansa-Portal verriegeln. Sie nutzen eine altbekannte Schwäche des Netzes: Wenn dort alle Menschen zur selben Zeit das Gleiche wollen, droht das Chaos. Selbst Computerunkundige können per Mausklick mit demonstrieren. Sie müssen sich auf einer Website eine Protest-Software herunterladen. Diese schickt automatisch Anfragen an die Lufthansa-Seite. Am 20. Juni um 10 Uhr, während der Jahreshauptversammlung, sollen so Zehntausende weltweit auf die Lufthansa-Websites zugreifen. Die Veranstalter hoffen, dass der Datensturm den Großrechner überfordert und für kurze Zeit blockiert.

Angeblich werden dabei weder Daten zerstört noch gestohlen. Das unterscheidet die Aktion von herkömmlichen Hackerangriffen wie die gegen Yahoo oder CNN im vergangenen Jahr. Man habe es im Wesentlichen auf das Firmenimage abgesehen, so der Standpunkt von KMII. Die Online-Demo ist angekündigt, die Protest-Software im Netz für alle sichtbar offen gelegt ("Versammlungsort am 20. Juni: www.lufthansa.com ").

Und was tut die Lufthansa? Lässt sie sich von ein paar Netzaktivisten in die Knie pressen? In Frankfurt gibt man sich gelassen. Man scheint Ärger gewöhnt. Erst der wochenlange Streik der Pilotenvereinigung Cockpit für mehr Gehalt. Dann der Ärger mit der Süddeutschen Zeitung (die Lufthansa nahm die SZ aus ihrem Bordsortiment; das Blatt vermutete eine Reaktion auf zu kritische Berichterstattung über den Cockpit-Streik). Und nun das: die ganze Internet-Welt gegen den virtuellen Kranich.

"Wir nehmen die Demo sehr ernst und sind vorbereitet", sagt Lufthansasprecher Thomas Ellerbeck, ohne allerdings die "Gegen-Strategie" zu verraten. Im Übrigen finde er, dass diese Attacke die Falschen treffe. "Die Abschiebungen beruhen auf richterlichen Beschlüssen. Wir sind nur das Transportunternehmen." Arme Lufthansa? Nein, glaubt Internetexperte Burkhard Schröder, der Konzern müsse sich keine allzu großen Sorgen um seine IT-Sicherheit machen. Schröder bezweifelt die Durchschlagskraft der Online-Demo, "wenn die Lufthansa einen guten Netzverwalter hat". Die Frage sei, welcher Rechner überhaupt Ziel des Angriffs ist. "Zu politischen Demonstrationszwecken ist es wenig sinnvoll, den Mail- oder Newsserver der Lufthansa lahm zu legen, weil nur die und deren Kunden etwas davon merken würden. Es wäre effizienter, die Passwörter zu klauen, wie das neulich bei gmx geschenen ist."

So weit wollen die Netzaktivisten nicht gehen. Immerhin: Die Gleichung E-Protest statt E-Commerce hat ihren Reiz und wird Nachahmer finden. Wohin das führen kann, hat das mexikanische Finanzministerium 1998 erfahren. Damals haben zapatistische Solidaritätsgruppen auf die Repressionsmaßnahmen der mexikanischen Regierung gegen die aufständischen Indigenas "hingewiesen": mit einem elektronischen Protest-Sit-in im Computersystem. Das System stürzte ab. So einen Absturz kann sich der virtuelle Kranich auf keinen Fall leisten. Die Lufthansa will 2001 erstmals eine halbe Million Tickets über das Internet verkaufen. Und die Online-Verkäufe sollen bis 2005 auf bis zu 25 Prozent steigen - da muss das Internetportal halten, was es dem Kunden verspricht. Zu jeder Zeit. Die Deutsche Lufthansa AG überlegt, ob sie juristische Schritte gegen die geschäftsschädigende Blockade auf dem Datenhighway einleiten wird.

Zur Einstimmung auf den "Tag X für den Kranich" kam am vergangenen Wochenende schon mal Ricardo Dominguez nach Berlin in die Humboldt-Universität. Dominguez ist New Yorker "hacktivist". Sein Motto: elektronisch, zivil, ungehorsam. Während des Domain-Namen-Krieges zwischen der kleinen Schweizer Künstlergruppe etoy und dem Spielwarenversand etoys.com organisierte Dominguez virtuelle Sit-ins vor dem Internetportal des Spielwarenversands. Der ist mittlerweile pleite gegangen. Schöne Aussichten für die Lufthansa.

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