Tagesspiegel-Historie : Neue Ideen in alten Bauten

Die Geschichte des Tagesspiegels nahm nicht in der Potsdamer Straße ihren Lauf. Verlag und Redaktion begannen 1945 in Tempelhof. Der erste Umzug fand neun Jahre später statt: Der damalige Verleger Franz Karl Maier wollte die Unabhängigkeit der Zeitung wahren

Rolf Brockschmidt
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Das Papier qualmte noch, als ich im November 1945 das Druckhaus Tempelhof betrat, um beim Tagesspiegel als Bote anzufangen“, erinnert sich Paul Golisch, der bald darauf einen neuen Vertrag als Buchhalter bekam, eine Funktion, die er bis 1988 ausübte. Die Redaktion saß im dritten Stock des Druckhauses, Vertrieb und Buchhaltung in der Nachbarschaft in der Vollmarstraße. Das Druckhaus Tempelhof, das dem „Deutschen Verlag“ gehört hatte und von den Amerikanern beschlagnahmt worden war, diente verschiedenen Zeitungen und Verlagen als Lohndruckerei. Wenn man das Foto vom August 1945 sieht, kann man sich kaum vorstellen, dass am 27. September dort die erste Ausgabe des Tagesspiegels erschienen ist. „Man begann das neue Blatt nicht mit einer neuen Woche; man wartete nicht den Monatsanfang ab. Man begann mit dem Druck der ersten Ausgabe, als man mit den Vorbereitungen fertig, die Maschinen betriebsfertig und das Papier vorhanden war“, schrieb der langjährige Redaktionsleiter Joachim Bölke 1970 zum 25-jährigen Jubiläum der Zeitung.

Es herrschten spartanische Verhältnisse im Druckhaus, die Möbel waren zusammengesucht, aber der Enthusiasmus war groß. Die Zeitung startete mit einer Auflage von 200 000 Exemplaren, 1946 betrug sie schon 450 000 für ganz Deutschland, 1947 wurde die Zeitung sogar noch in ganz Berlin vertrieben, ja, ein halbes Jahr lang wurde der Tagesspiegel auch in der Sowjetischen Besatzungszone verkauft, wie Franz Karl Maier schrieb. Er war von 1949 bis 1984 Verleger und Herausgeber des Tagesspiegels. Aber die erhöhte Zahl Berliner Zeitungen lässt das Papier knapp werden, die Auflage musste auf 320 000 reduziert werden. Die Blockade hatte den Absturz der Auflage gebracht, Anfang der 50er Jahre verkaufte der Tagesspiegel nur noch 79 000 Exemplare.

„Eine Tageszeitung ohne eigene Druckerei sei, so sagt man, ein totgeborenes Kind. Konsolidieren hieß daher auch, von der teuren Herstellung in einem fremden Betrieb wegzukommen und eine eigene Technik aufzubauen“, schrieb Maier. „Der Abend“, ebenfalls eine amerikanisch lizensierte Mittagszeitung, sah sich vor die gleichen Probleme gestellt. Wegen der verschiedenen Herstellungszeiten gründeten beide Unternehmen die gemeinsame legendäre „Mercator“-Druckerei, die schließlich in der Potsdamer Straße ihren Standort finden sollte. Maier blieb sparsam und bescheiden, es musste ein Altbau für beide Verlage gefunden werden, mit genügend Gelände für die Druckerei. „Man durfte sich bei dem ohnehin beträchtlichen Investitionsprogramm nicht übernehmen, und eine unabhängige Zeitung hat auch die Aufnahme hoher Kredite zu scheuen“, schrieb Maier. „Das Areal war im Mittelpunkt Groß-Berlins gelegen, und die Hoffnung auf eine ungeteilte Zukunft der ganzen Stadt herrschte noch vor“, heißt es in Maiers Erinnerungen von 1970.

Gerhard Reimann, ehemaliger Sportchef, erinnert sich, dass die Redaktion erst im Dezember 1954 in den Altbau zog. Da die Druckerei in der Potsdamer Straße schon im März eingeweiht worden war, wurden die Manuskripte abends mit einem VW-Käfer von Tempelhof zur Druckerei gebracht. „Woran ich mich noch genau erinnern kann, ist, dass der Tag des Umzugs der 18. Dezember war, mein Verlobungstag“, sagt Reimann mit einem Lachen. „Gefeiert haben wir daher schon am Abend vorher.“

Weniger lustig fand Günter Matthes, langjähriger Berlin-Chef und späterer Redaktionsleiter, den Umzug, wie er ihn in seiner legendären täglichen Kolumne „Am Rande bemerkt“ am 19. Dezember festhielt: „Selbst zur kürzesten Randbemerkung braucht man eine Unterlage. Der Geist soll zwar die Materie beherrschen, aber entbehren kann er sie wohl nicht. Gemeint sind unsere Redaktionsschreibtische. Während diese Zeilen freihändig geschrieben werden, bummelt unser Mobiliar durch Berlin – im Möbelwagen. In Zeiten des Umsturzes kommt der Intellekt gegenüber der Brachialgewalt ins Hintertreffen. Wie könnte es beim Umzug einer Redaktion anders sein. Den Redakteuren bleibt die Aufgabe, in edler Selbstverleugnung zu beweisen, daß man eine Zeitung, bei deren Herstellung doch angeblich jede Minute unersetzlich ist, auch am Rande machen kann. Doch wir müssen abbrechen. Es gilt, einen unserer Kollegen zu retten. Er ist unter den Aktenschrank geraten, in dem wir die Anerkennungsschreiben unserer Leser aufbewahren. Die Möbelpacker müssen das Gewicht wohl unterschätzt haben. Und den Redakteur? Den haben sie gar nicht bemerkt – am Rande.“

Weniger dramatisch und eher schleichend verlief der zweite Umzug, der eher einer Verlagerung denn einem Umzug gleichkam. Maier hatte 1962 zwei Grundstücke weiter ein neues Verlagshaus geplant, das vor allem dem Verlag durch Vermietung eine weitere Einnahmequelle bescheren sollte. Man war stolz auf den repräsentativen Bau, der ein Jahr nach dem Bau der Mauer als Symbol der Hoffnung verstanden werden sollte. Doch viel Glück hatte der Tagesspiegel nicht mit der Neuinvestition. Durch Pfusch am Bau war die Statik des Gebäudes in Gefahr. Das Hochpumpen des Betons in die zu gießenden Pfeiler hatte nicht funktioniert, Zement und Sand begannen sich oben zu entmischen. „Als ich 1966 in den Verlag kam, zog gerade der Vertrieb in den ersten Stock“, erzählt Prokurist Dietrich Block-Sustrin. Als es wegen der geplanten Subventionierung der Nicht-Springer-Zeitungen durch den Senat wegen der erfolgreichen Klage Maiers dagegen zum Zerwürfnis zwischen „Abend“ und Tagesspiegel kam, „musste ich den Umzug organisieren“, erinnert sich Block-Sustrin. „Letztendlich sind wir erst 1973 in den Neubau gezogen.“

Und nun zieht der Tagesspiegel wieder um, mehr in die Mitte, näher an das alte Zeitungsviertel, an den Askanischen Platz. Und während die Kollegen wegen des Feiertags produktionsfrei haben und sich am Askanischen Platz einrichten, wird diese Beilage um 20 Uhr am 2. Oktober als letztes Print-Produkt in der Potsdamer Straße belichtet und zum Druck freigegeben.

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