Zeitung Heute : Taiwan: Souvenirs - Fehlanzeige

Michael Würfel

In Taipeh ist es einfacher, einen deutschen Stammtisch zu finden, als im Stadtzentrum ein Touristen-T-Shirt. Die Frage nach einem Souvenir mit der Aufschrift "Taiwan" oder mit einer Touristen-Attraktion der Insel löst bei den Verkäuferinnen im Edel-Warenhaus Shin Kong Mitsukoshi freundlich-ratloses Lächeln aus. Eine junge Frau mit kräftig geschminktem Gesicht, die Englisch spricht, antwortet: "No, sorry. Danach wird fast nie gefragt." Kein Wunder: Echte Touristen gibt es wenige, hier lebende Geschäftsleute aus dem deutschsprachigen Raum reichlich.

Mehr als 100 Unternehmen mit Produkten "Made in Germany" sind in dem asiatischen Wirtschaftswunderland vertreten. Eine vom Deutschen Handels-Büro in Taiwans Hauptstadt zusammen gestellte Germany-Liste mit Instituten, Kultureinrichtungen, Kneipen und Cafés umfasst zwei Seiten: Zum Fass, Schwarzwald Café, Haxen-Gaststätte, Café und Bäckerei Wendel und andere locken Ausländer und Insulaner zu Vollkornbrot, Laugenbrezel, Weizenbier, Schnitzel und Apfelstrudel. Es gibt drei deutsche Stammtische, davon einer nur für Frauen, aber lediglich einen Souvenir-Shop mit massenhaft Taiwan-T-Shirts - in der Abflughalle des internationalen Flughafens.

Bis auf die Sprachprobleme ist das Reisen durch Taiwan einfach und angenehm, auch auf eigene Faust. Im Notfall klappt die Verständigung mit Händen und Füßen sowie einem Lächeln. Bäckermeister Michael Wendel aus Oggersheim, der seit fünf Jahren auf der Insel lebt, sagt: "Die Menschen sind sehr hilfsbereit und freundlich. Taiwan ist ein sicheres Reiseland. Sie können nachts auch in der Stadt spazieren gehen." Ordentliche Hotelzimmer, Bus- und Bahnstation gibt es fast in jeder Kleinstadt, außerdem mehrere Regionalflughäfen. Und wo auf die Schnelle kein Internet-Café zu finden ist, wird der Computer-Shop zur kostenlosen Browser- und E-Mail-Station. Beispiel Hua Lien an der Ostküste, drei Straßen vom Bahnhof: "Setzen Sie sich an einen der freien PCs bei den Schulkindern. Sie sind dann schon online", sagt einer der Verkäufer zu dem Ausländer. "Nein, zahlen müssen Sie dafür nichts."

Ob mit der historischen Holz- und Bananenbahn durch den Norden Taiwans oder dem Expresszug die malerische Ostküste entlang und durch Schluchten, Bambuswälder und Reisfelder, oder einmal rund um die ganze Insel: Das frühere Formosa hat mehr zu bieten, als ein paar Stopover-Tage in der Hauptstadt Taipeh. Besonders Kultur-, Naturtouristen und natürlich Eisenbahnfans kommen auf ihre Kosten. Das Bahnnetz ist gut ausgebaut und führt auch in entlegene Winkel, zum Beispiel in den Süden ins Bergland, wo Stämme der Ureinwohner nach alten Traditionen leben, oder zum Kenting-Nationalpark mit Regenwald, exotischer Vogelwelt und langen Badestränden.

Bei einer Bahnreise ist der Fahrkartenkauf die größte Hürde. Die Dimension des modernen Hauptbahnhofs im Zentrum der Drei-Millionen-Stadt Taipeh imponiert auch Frankfurtern, Hamburgern und Leipzigern. Ein halbes Dutzend Aus- und Eingänge, mehrere blitzblank geputzte Geschosse und Ladenzeilen, die Bahnsteige unterirdisch. Im Gebäude findet sich eine nahezu unüberschaubare Anzahl elektronischer Anzeigetafeln mit chinesischen Schriftzeichen. Neben vielen Fahrkartenschaltern gibt es einen Counter, wo auch für Touristen lesbar und verständlich das Wort Information steht. Der einzige Taiwaner der hier Englisch spricht, hat gerade Mittagspause. Dafür hilft ein freundlicher Passant mit seinen Sprachkenntnissen aus. Die Zahlen zwischen den chinesischen Zeichen auf dem Ticket informieren über Abfahrtszeit, Gleis, Wagen und Ankunft. Tilman Aretz aus Düsseldorf, studierter Sinologe, Journalist und seit acht Jahren im Lande, erklärt: "1315 - das ist die Ankunftszeit. Dann steigen Sie aus. Ganz einfach."

Preiswertes Vergnügen Bahn

Das System funktioniert. Nach gut drei Stunden hält der Express in brütender Mittagshitze minutengenau an einer großen Stadt am Meer. Die Kontrollfrage an den Zugnachbarn "Hua Lien?", "Hua Lien?" war überflüssig. Der Name der Küstenstadt steht zweisprachig für jedermann lesbar auf einem der Bahnhofsschilder. In Taiwan, das den "großen Bruder", die Volksrepublik China, schon vor Jahrzehnten im Lebensstandard überrundet hat, gehört das Bahnfahren zu den preiswerten Vergnügen.

Die Region um Hua Lien ist von Taipeh aus mit dem Express-Zug für umgerechnet etwa 35 Mark zu erreichen und bietet gewaltige Naturschauspiele: In der nahen Tarokoschlucht gräbt sich der Liwu Fluss tief ins gebirgige Marmorgestein. Fuß- und Radwege führen über Hängebrücken auch zu Wasserfällen, Grotten und Höhlen. Wälder, üppige Flora und Fauna, ein wenig weiter Schneegipfel und Bergseen locken Wanderer und Kletterer. Die Diesellok hat das alte "Dampfross" längst abgelöst. Die schwarzen Ungetüme sind nur noch auf dem Abstellgleis oder, wie in dieser Küstenstadt neben dem Bahnhof, blankpoliert als Ausstellungsstück zu bewundern. Ein Taxifahrer, der ein wenig Englisch kann, offeriert seine Dienste, zeigt ein Lächeln sowie Bilder von Tarokoschlucht, Schlauchbootfahrern auf dem Hsiukuluan-Fluss und vom Henan-Tempel.

Südlich von hier entstehen Vergnügungsparks, Golfplatz und Hotelanlagen. Auch der "Hot Spring Tourismus" soll angekurbelt werden. "Unser Land ist reich an gesundheitsfördernden heißen Quellen", sagt Chung-Hwa Tuo, Direktor im Taiwan Tourism Bureau. Die Einwohner wünschen sich, dass ihr kleines Land besser auf die internationale Touristik-Landkarte kommt. "Viele Besucher wissen auch wenig oder nichts über die Ureinwohner Taiwans, deren Geschichte und künstlerische Darbietungen." Dies sagt Nichokolas Kuo (65), Mentor des Ami Cultural Village nahe Hua Lien. Die Nachmittagsschau muss mangels Besuchern an diesem Nachmittag ausfallen. Vor dem Zentrum wacht ein riesiger Stammesführer der Ami in Stein. Drinnen üben Studenten für die Abendvorstellung.

Die Insel, offiziell Republik China, hat bisher alle politischen Stürme aus Richtung der Volksrepublik kommend recht erfolgreich überstanden. Größere Gefahren gehen vielmehr von schweren Taifunen und gewaltigen Regenfluten aus.

Stolz sind die Taiwaner auf die Schätze im Palastmuseum in Taipeh, das die kaiserlichen Kunstsammlungen präsentiert. Die waren bis in die dreißiger Jahre in Peking im alten Kaiserpalast. In der weltweit wohl größten und wertvollsten Sammlung chinesischer Kunst sind die Erläuterungen auch in Englisch. Es gibt mehrsprachige Führungen. Ausgestellt werden unter anderem historische Schätze aus Bronze, Jade und Porzellan. Eines der wichtigsten Heiligtümer ist der Lungshan-Tempel aus dem Jahre 1740.

Wer früh und vor den Reisegruppen kommt, kann ungestört die Menschen beobachten. Sie beten vor dem Gang ins Büro und kommen oft mit Kind und Kegel. Zu ihren Opfergaben zählen neben Kerzen und Räucherstäbchen auch frische Früchte und Gebäck. Beim geruhsamen Spaziergang durch die ältesten Gassen, die im Kontrast zu den Büro- und Einkaufspalästen stehen, geht es vorbei an duftenden Garküchen, Korbflechtern, Tofu-Herstellern, Jade-Schleifern und Schirmmachern. Viele Kunden warten in den Natur-Apotheken geduldig auf ein Gemisch aus Blättern und Baumrinde, das aus Säcken geholt, gemischt und fein abgewogen wird.

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