Zeitung Heute : Talent statt Zeugnis

In vielen Branchen stehen Flexibilität und Geschick im Umgang mit Menschen an erster Stelle

Regina-C. Henkel

„Call-Center stellt ab sofort wieder Mitarbeiter in Teil- und Vollzeit ein – gerne ungelernt.“ Derlei Offerten lesen Jobkandidaten ohne abgeschlossene Berufsausbildung mit gemischten Gefühlen. Einerseits könnten die Zusatzinfos wie „solide Einarbeitung, sehr schönes Betriebsklima und Leistungszulagen“ ein versteckter Hinweis auf kaum akzeptable Stundenlöhne von sechs oder acht Euro sein. Andererseits: Kann man es sich heute als Ungelernter aussuchen, welchen Job man annimmt und welchen nicht?

Man kann – und zwar zunehmend besser. Die Zahl der Stellenangebote für Hilfskräfte steigt. Der Fuldaer Personaldienstleister Adecco hat in den Stellenmärkten von bundesweit 40 Tageszeitungen bei den Jobofferten für Hilfskräfte zum Teil erhebliche Zuwächse festgestellt (siehe Grafik). Danach entstehen derzeit vor allem im Dienstleistungsbereich neue Jobs. Und tatsächlich: Der Berliner Briefzusteller Pin AG etwa will in diesem Jahr mehr als 100 zusätzliche Mitarbeiter einstellen, McDonald’s Deutschland hat laut Unternehmenssprecherin Ricarda Rücker „ständig Personalbedarf“ und die expandierende Call Center-Branche sowieso.

Dass Personalauswahl bei Arbeitgebern aus dem Bereich „Dienstleistungen an Personen“ oft anders abläuft als in anderen Business-Disziplinen, hat für Winrich Widera einen ganz simplen Grund. Der Projektleiter Personalrecruiting am Artop Institut der Humboldt Universität erklärt: „Verkaufen kann man nicht lernen. Aus einem introvertierten Menschen wird niemals ein extrovertierter. Beim Verkaufen ist es aber nun einmal unverzichtbar, auf andere Menschen zugehen zu können.“ Das hören Jobsuchende, denen Charme, überzeugende Rhetorik und sympathischer Auftritt sozusagen in die Wiege gelegt worden sind, natürlich gern. Gleichwohl muss ihnen klar sein, dass Talent allein nicht ausreicht, um sich erfolgreich zu bewerben und den Job auch zu behalten. Uwe Werner, Vorstand Vertrieb bei der Pin AG, die in Berlin derzeit 750 Mitarbeiter beschäftigt – davon rund 500 in der Briefzustellung: „Außer sportlicher Fitness verlangen wir Zuverlässigkeit und Flexibilität. Letzteres, weil wir schließlich nicht steuern können, wer an welchem Tag wieviel Post verschickt.“

Auch bei Möbel-Segmüller im südhessischen Weiterstadt richtet sich die Arbeitszeit der Mitarbeiter ganz nach den Kundenbedürfnissen. Die gesetzliche Ladenöffnungszeit bis 20 Uhr wird ausgeschöpft. Weil Segmüller mittelfristig umsatzstärkstes Möbelhaus der Republik werden will, entstehen 800 neue Arbeitsplätze – auch für ungelernte Bewerber. In der Ausschreibung für „Montageprofi/Lieferschreiner“ heißt es: „Sie sind geschickt, fleißig und an ordentliches Arbeiten gewohnt? Sie haben Freude daran, mit Menschen in Kontakt zu kommen? Alles andere bringen wir Ihnen bei!“ Auch die Aufforderung des Möbelhauses „Nehmen Sie Ihre Zukunft selbst in die Hand und bestimmen Sie selbst Ihren beruflichen Erfolg!“ ist ebenso typisch für Betriebe, die auch Ungelernte einstellen, wie die Zusage: „Schon während Ihrer intensiven Ausbildungszeit bezahlen wir Sie überdurchschnittlich gut! Und danach liegt´s ganz an Ihnen, denn wer bei uns gute Arbeit leistet, verdient auch richtig gut! Monatsverdienste von über 2500 Euro sind bei uns keine Seltenheit!“ Diese Größenordnung erreichen – oder überschreiten – auch andere Arbeitsplätze, für die ein Bildungsabschluss nicht ausdrücklich verlangt wird. „Sechs Euro Stundenlohn“, sagt Marc Emde, Geschäftsführer der Kirch Personalberatung in Köln, „sind auch in Callcentern die Ausnahme.“ Emde ist Autor einer Vergütungsstudie über diese Branche, die etwa 240 000 Mitarbeiter in rund 3750 Unternehmen zählt. Nach Emdes Erhebungen haben die Jahresgesamtbezüge in Call Center Agenturen enorme Spannweiten. Das mittlere Jahresgehalt für einen Trainer liege bei 41 778 Euro, für eine Mitarbeiterin in einer Info- oder Promohotline bei 16 253 Euro, für Technische Autoren zwischen 32 451 und 54 794 Euro.

Für mindestens ebenso wichtig wie das Gehalt hält Emde etwas ganz anderes: „die Durchlässigkeit.“ Er meint damit die Möglichkeit, sich von der Hilfskraft über den Gruppenleiter bis zum Supervisor oder gar Filialleiter hochzuarbeiten. Voraussetzung: regelmäßige Teilnahme an den Weiterbildungsangeboten. Dasselbe gilt auch für Ungelernte, die bei McDonald’s Karriere machen wollen. Der Aufstieg vom einfachen Crew-Mitglied über den Schichtleiter zum Assistenten ist möglich – so die hausinternen Aufstiegsfortbildungen erfolgreich besucht werden.

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