Zeitung Heute : Talentierte Tribünengäste

Der Tagesspiegel

Von Benedikt Voigt

Berlin. Nachdenklich war Roland Geggus vor eineinhalb Wochen vom Pokalfinale zurückgekehrt. Zwar hatte der Präsident des Deutschen Basketball-Bundes ein begeisterndes Endspiel zwischen Alba Berlin und den Frankfurt Skyliners gesehen, trotzdem gab es eine Beobachtung, die ihn nicht mehr losließ. „Stefano Garris hat nur drei Minuten gespielt, dabei war er doch der Aufsteiger der Europameisterschaft“, wunderte sich Geggus. Auch mit der Spielzeit eines zweiten Berliner Nationalspielers, Mithat Demirel, zeigte sich der Präsident unzufrieden. „Das stimmt mich nachdenklich.“ Den wahrscheinlich unerfreulichsten Teil aus seiner Sicht sprach Geggus gar nicht an: In Sven Schultze und Stipo Papic befinden sich bei Alba Berlin zwei deutsche Nationalspieler gegenwärtig noch nicht einmal im Kader der besten zehn Spieler.

Wenn Alba Berlin heute Bayer Leverkusen zum zweiten Play-off-Viertelfinalspiel der Basketball-Bundesliga empfängt (20 Uhr, Max-Schmeling-Halle), dürfte sich daran nur wenig ändern. Zwar kehrten Derrick Phelps, Mithat Demirel, Marko Pesic und Dejan Koturovic angeschlagen vom ersten Play-off-Spiel zurück, sie werden aber wahrscheinlich spielen können. Der jüngste Erfolg bestätigt Trainer Emir Mutapcic, an seiner Riege erfahrener Spieler festzuhalten. Der 37-jährige Wendell Alexis hatte als ältester Spieler auf dem Spielfeld den größten Anteil am 85:79-Auswärtserfolg der Berliner im ersten Viertelfinalspiel. In der entscheidenden Saisonphase scheint kein Platz für Nachwuchs zu sein, und seien es Nationalspieler. „Die jungen Spieler müssen ein bisschen unter der durchwachsenen Saison leiden“, sagt Manager Carsten Kerner, „es blieb keine Zeit, um sie langsam heranzuführen.“

Seitdem alle Flügelspieler wieder fit sind, sitzt auch der 22-jährige Tommy Thorwarth nur auf der Tribüne. In der vergangenen Saison durfte der Verteidigungsspezialist im zweiten Finale bei den Telekom Baskets Bonn einen Beitrag zum fünften Meistertitel leisten. Seine Schicksalsgenossen am Spielfeldrand sind Sven Schultze und Stipo Papic, die unter einer Situation leiden, die vor der Saison niemand vorhersehen konnte. Durch die nachträgliche Verpflichtung des Centerspielers George Zidek steht Trainer Mutapcic neben Wendell Alexis, Teoman Öztürk und Dejan Koturovic ein vierter Centerspieler zur Verfügung. Sind alle gesund, bleibt für die beiden 23-Jährigen nur ein Platz auf der Tribüne. Ist die Liga so stark, dass es sogar deutsche Nationalspieler nicht unter die besten zehn schaffen? Bundestrainer Henrik Dettmann sagt: „Nein, Alba Berlin ist so stark, bei jedem anderen Verein würden sie ihre Spielzeit bekommen.“

Der fünfmalige Deutsche Meister legt Wert auf einen ausgeglichenen Kader. Das gilt auch für die Spieler Nummer elf, zwölf und dreizehn. „Eine Lehre aus der Europaliga“, sagt Kerner, „man muss Verletzte möglichst gleichwertig ersetzen können.“ In der Basketball-Bundesliga versucht Alba nun durchzusetzen, dass die erlaubte Spielerzahl von zehn auf zwölf erhöht wird. Finanzschwachen Vereinen, die sich nicht zwölf gute Spieler leisten können, gefällt das nicht. Doch Kerner sagt: „Ich kenne kein Spiel, das durch einen elften oder zwölften Spieler entschieden wurde.“

Alba wirbt bei jungen Spielern damit, dass sie im Training täglich die Möglichkeit haben, sich mit Spielern wie Wendell Alexis oder Dejan Koturovic zu messen. Doch auch Dettmanns Auffassung entbehrt nicht einer gewissen Logik: „Training ist Training, und Spiel ist Spiel.“

Trotz ihrer geringen Spielpraxis bietet er Papic und Schultze eine Chance, sich für den WM-Kader der Nationalmannschaft zu qualifizieren. In einem Sichtungslehrgang. Er kann es sich gar nicht leisten, Albas Tribünengäste nicht zu berücksichtigen. „Wir haben in Deutschland nicht so viele Spieler auf diesem Niveau.“ Am Dienstag beobachtete Dettmann Mithat Demirel immerhin 25 Minuten lang in einem Spiel. Er sagt: „Ich sehe mir zurzeit die Videos der Europameisterschaft an.“

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